Donnerstag, 22. Juni 2017

9- Von der Aufhebung des Schriftstücks bis al-Isra

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Das Aufrufen der Stämme zum Islam während der heiligen Monate



Die Niederschrift, in der sich die Quraisch geeinigt hatten, Muhammad zu meiden und die Muslime zu belagern, blieb drei aufeinanderfolgende Jahre in Kraft, während derer Muhammad, seine Angehörigen und seine Gefährten in einer Bergschlucht am Rande Mekkas Zuflucht nahmen und Entbehrungen verschiedenster Arten erduldeten, ja zuweilen nicht einmal die Nahrungsmittel fanden, ihren Hunger zu stillen.

Es war weder Muhammad noch den Muslimen vergönnt, Umgang mit den Menschen zu haben und mit ihnen zu sprechen außer in den heiligen Monaten, in denen die Araber als Pilger nach Mekka kamen und aller Streit ein Ende fand: Es gab weder Tötung, Peinigung, Angriff noch Rache. 



Während dieser Monate pflegte Muhammad zu den Arabern zu gehen, sie zur Religion Allahs aufzurufen sowie ihnen SEINEN Lohn zu verkünden und sie vor SEINER Strafe zu warnen. Was Muhammad wegen seines Rufes zum Islam an Schaden getroffen hatte, brachte ihm bei vielen Sympathie ein, so dass sie seinen Ruf sogar vermehrt annahmen. Da er auch die Belagerung durch die Quraisch geduldig ertrug, gewann er viele Herzen, in denen die Verhärtung nicht das Ausmaß erreicht hatte wie in den Herzen Abu Dschahls und Abu Lahabs und Ihresgleichen.

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Die Belagerung der Muslime in der Schlucht

Die lange Dauer und das Ausmaß der Bedrängnis der Muslime durch die Quraisch, die doch ihre Brüder, Schwäger, Söhne und Onkel waren, ließ viele schmerzlich erkennen, welche Ungerechtigkeit und Härte diese walten ließen. Wären unter den Mekkanern nicht Männer gewesen, die Mitleid mit den Muslimen gehabt und ihnen Nahrung zur Schlucht gebracht hätten, wären sie gewiss vor Hunger umgekommen. Hischam Ibn Amr war einer der gutherzigen der Quraisch, die in diesem Elend Anteilnahme mit den Muslimen zeigten.

Er belud häufig ein Kamel mit Nahrungsmitteln oder Weizen und brach damit mitten in der Nacht auf. Wenn er den Eingang der Schlucht erreichte, nahm er ihm die Zügel ab und schlug ihm auf die Flanke, so dass das Kamel in die Schlucht lief und so zu ihnen gelangte.

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Aufhebung der Niederschrift

Bedrückt durch das, was Muhammad und seine Gefährten ertrugen, ging Hischam Ibn Amr zu Zuhair Ibn Abu Umayya, dessen Mutter Atika Bint Abdul Muttalib war, und sagte:

“O Zuhair, gefällt es dir, Speise zu essen, Kleidung zu tragen und Frauen zu heiraten, während du doch genau weißt, dass mit deinen Onkeln kein Handel und keine Heirat stattfindet. Ich meinerseits schwöre bei Allah, wären sie die Onkel von Abu al-Hakam Ibn Hischam, und du verlangtest von ihm sodann, was er von dir verlangte, er würde nimmermehr darauf eingehen!“

Die beiden Männer kamen überein, das Schriftstück zu missachten sowie andere um Unterstützung zu bitten, die sie heimlich davon überzeugten. al-Mutam Ibn Adij, Abu al-Bahtari Ibn Hischam und Zama Ibn al-Aswad stimmten mit ihnen überein, und die fünf vereinigten sich. Sie beschlossen, sich gegen den Inhalt des Schriftstücks zu wehren, bis es aufgehoben werde.

Am Morgen zog Zuhair Ibn Umayya aus und umschritt die Kaaba siebenmal, dann verkündete er den Menschen: “O Mekkaner, essen wir Speise und kleiden uns mit Gewändern, und die Banū Hāschim kommen um, da es keinen Handel mit ihnen gibt! Bei Allah, ich lasse nicht ab, bis dieses eindeutig ungerechte Schriftstück zerrissen ist.“

Kaum dass Abu Dschahl ihn gehört hatte, fuhr er ihn an: “Du bist ein Lügner! Bei Allah, es wird nicht zerrissen!“ Da schrien Zama, Abu al-Bahtari, al-Mutam und Hischam Ibn Amr allesamt, sprachen gegen Abu Dschahl und standen Zuhair bei. Abu Dschahl erkannte, dass die Sache über Nacht entschieden worden war und die Leute sich darauf verständigt hatten; und dass es schädlich war, ihnen zu widersprechen. Er empfand Furcht und zog sich zurück.

Al-Mutam erhob sich, um das Schriftstück zu zerreißen, fand jedoch, dass die Termiten es bereits bis auf seine eröffnenden Worte “In DEINEM Namen, o Allah“ zerfressen hatten. Und damit wurde es Muhammad und seinen Gefährten ermöglicht, aus der Schlucht nach Mekka zurückzukehren und mit den Quraisch Handel zu treiben, wenngleich der Streit zwischen den beiden Parteien fortbestand, so wie ein jeder von ihnen auf den Tag wartete, da er den anderen überwältigen würde.

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Muhammads Unfehlbarkeit in der Übermittlung

Einige Biographen behaupten, diejenigen Götzendiener, die für die Aufhebung des Schriftstücks eingetreten waren, seien zu Muhammad gegangen und hätten ihn gebeten, sich zur Verhinderung des Übels mit den Quraisch ein wenig zu versöhnen. Indem er beispielsweise ihre Götter grüße, und sei es auch nur durch eine kleine Handbewegung. Ihre Freundlichkeit habe ihn dazu gebracht, zu sich selbst zu sagen: “Was spräche gegen mich, wenn ich es täte, denn Allah weiß, dass ich rechtschaffen bin.“

Es wird auch behauptet, diejenigen, die das Schriftstück aufhoben, sowie einige andere hätten sich eine Nacht lang mit Muhammad zurückgezogen, um mit ihm zu sprechen. Sie hätten ihn mit Achtung und als Herrn behandelt, seien ihm entgegengekommen und hätten zu ihm gesagt: “Du bist unser Herr, o unser Herr.“ Sie hätten nicht abgelassen, bis er fast einigen ihrer Wünsche entgegengekommen sei. Der erste dieser beiden Berichte wird von Said Ihn Dschubair und der zweite von Qatada überliefert, und sie erwähnen, Allah habe Muhammad danach in Schutz genommen und ihm SEINE Worte geoffenbart:

„Und beinahe hätten sie dich Versuchungen ausgesetzt hinsichtlich dessen, was WIR dir geoffenbart haben, damit du lügnerisch gegen UNS etwas anderes ersinnst, und dann hätten sie dich gewiss zum besten Freund genommen. Und hätten WIR dich nicht gefestigt, hättest du dich ihnen beinahe ein wenig zugeneigt. Dann hätten WIR dich das Doppelte im Leben und das Doppelte im Tod auskosten lassen, danach hättest du für dich keinen Helfer gegen UNS gefunden.“ (17:73-75)

Auf diese Ayat beriefen sich, wie wir sahen, bereits die Urheber der erlogenen Geschichte von den Kranichen. Beide Überlieferer führen sie auf die Geschichte von der Aufhebung des Schriftstücks zurück.

Einem von Ata nach Ibn Abbas überlieferten Hadith zufolge wurden diese Ayat im Zusammenhang mit der Delegation von Thakif geoffenbart, als diese Muhammad aufforderte, er solle ihre Täler heilig sprechen sowie Mekka, seine Bäume, Vögel und wilden Tiere heiligen. Der Prophet habe gezögert, bis diese Ayat geoffenbart wurden.

Was auch immer der wahre Anlass für die Offenbarung dieser Ayat gewesen sein mag, es gehen daraus gewiss die seelische Erhabenheit und wahrhafte Aufrichtigkeit Muhammads hervor. In diese Richtung gehen auch die Ayat, die wir aus der Sūre “Abasa“ anführten; und Muhammads gesamte Lebensgeschichte zeugt davon. Denn er verkündete den Menschen, dass er ein Mensch sei wie sie, dem Allah die Offenbarung gesandt hatte, um sie rechtzuleiten. Dass er als Mensch Ihresgleichen dem Fehlgehen ausgesetzt wäre, stünde er nicht unter Allahs Schutz.

Er machte in der Tat einen Fehler, als er angesichts Ibn Umm Maktums die Stirn runzelte und sich abwandte. Und er hätte beinahe einen Fehler begangen, als ihm in eigener Sache die Ayat der Sūre al-Isra geoffenbart wurden und er beinahe von dem ihm Geoffenbarten abgebracht worden wäre und etwas anderes erdichtet hätte. Wenn ihn also die Offenbarung auf sein Verhalten gegenüber dem Blinden und auf diese Versuchung, zu der die Quraisch ihn beinahe verleitet hätten, hinwies, so bestätigt die Übermittlung dieser Offenbarung an die Mitmenschen seine Aufrichtigkeit in der Übermittlung der Botschaften seines Herrn. Weder Stolz noch Hochmut stellten sich ihm als Hindernis entgegen, die Wahrheit über sich selbst kundzutun, noch hielt ihn eine menschliche Rücksichtnahme davon ab - nicht einmal eine, die selbst die vortrefflichsten Menschen gewöhnlich rechtfertigen würden.

Also war die Wahrheit und allein die Wahrheit seine Botschaft. Wenn also nur gefestigte Menschen wegen ihres Glaubens die Nachstellungen anderer ertragen können, so hat doch keiner, nicht einmal der Starke, es gern, dass die Bestätigung des Allmächtigen, er sei beinahe versucht worden, bekannt wird. Die meisten verbergen Dinge dieser Art und begnügen sich damit, insgeheim streng mit sich selbst abzurechnen. Seine Größe und Stärke waren also noch überragender, dass sie seiner Seele diese Erhabenheit ermöglichten, die ganze Wahrheit zu zeigen. Das, was über die normale Größe und Stärke hinausging, ist die Prophetenschaft, die dem Gesandten wahrhaftige Aufrichtigkeit in der Übermittlung von der Botschaft der Wahrheit auferlegt, deren Erhabenheit durch nichts übertroffen wird.

Muhammad und seine Begleiter kehrten nach der Zerstückelung des Schriftstücks aus der Schlucht zurück, und er sorgte sich erneut um die Verbreitung seines Rufes in Mekka und bei den arabischen Stämmen, die während der heiligen Monate kamen. Trotz der Vielzahl seiner Anhänger waren seine Gefährten vor den Nachstellungen der Quraisch immer noch nicht sicher, und er vermochte nichts dagegen zu tun.

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Der Tod Abu Talibs und Khadidschas

Nur wenige Monate nach der Aufhebung des Schriftstücks trafen Muhammad in einem einzigen Jahr zwei Schicksalsschläge, die ihn bewegten: die aufeinanderfolgenden Todesfälle Abu Talibs und Khadidschas.

Abu Talib hatte damals die Achtzig erreicht. Als er krank wurde und die Quraisch erfuhren, dass er sein Lebensende erreichte, fürchteten sie, dass sich danach die Lage zwischen ihnen und Muhammad und seinen Gefährten, unter denen Hamza und Umar beide für ihre Strenge und Tapferkeit bekannt waren, verschärfen würde. Folglich gingen ihre Edlen zu Abu Talib und sagten zu ihm: “O Abu Talib, du genießt unter uns das dir bekannte Ansehen, und du weißt, was auf dich zukommt, und wir fürchten um dich. Du weißt, was zwischen uns und deinem Neffen steht. Rufe ihn und nimm unser gegenseitiges Versprechen entgegen, dass wir voneinander ablassen und jeder von uns den anderen und seine Religion in Frieden lässt.“ Muhammad kam, als die Leute in seines Onkels Gegenwart waren. Als er ihr Anliegen vernommen hatte, sagte er: “Ja! Ein einziges Wort ist es, wenn ihr es mir gebt, beherrscht ihr die Araber und unterwerfen sich euch die Nichtaraber [oder: Perser]!“ Abu Dschahl sagte: “Ja, bei deinem Vater, auch zehn Worte!“ Muhammad sagte: “Sprecht: “Es gibt keinen Gott außer Allah“ und gebt auf, was ihr neben IHM anbetet!“ Einige von ihnen sagten: “Willst du, o Muhammad, die Götter zu einem einzigen Gott machen!“ Dann sprachen sie zueinander: “Bei Allah, dieser Mann gibt euch nichts von dem, was ihr wollt“ und gingen fort. Abu Talib starb, und die Sache zwischen Muhammad und den Quraisch stand schlimmer als zuvor.

Nach dem Tod Abu Talibs starb auch Khadidscha, die Muhammad mit ihrer Liebe und Güte, ihrem Mitgefühl, der Reinheit ihres Herzens und der Stärke ihres Glaubens eine Hilfe war. Khadidscha, die ihm jede Härte erleichterte und seiner Seele alle Furcht nahm, die ein Engel der Barmherzigkeit war, in deren Augen und auf deren Lippen er den Ausdruck des Glaubens an ihn sah, was seinen eigenen Glauben an sich selbst stärkte. Und Abu Talib war gestorben, der für Muhammad Schutz und Zuflucht vor seinen Gegnern und Feinden gewesen war.

Diese beiden schmerzhaften Schicksalsschläge trafen Muhammad schwer. Sie hätten dem stärksten Menschen eine schwächende Wunde zugefügt, und die Verzweiflung hätte ihr heimlich das Gift der Schwäche eingegeben und zu anhaltender Trauer und Betrübnis veranlasst. Und die Sticheleien des quälenden Kummers würden nicht aufhören und an nichts anderes mehr denken lassen.

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Die Quraisch vermehren ihre Nachstellungen

Bald nachdem Muhammad diese beiden Helfer verloren hatte, sah er sich vermehrter Nachstellungen durch die Quraisch ausgesetzt. Es gehörte noch zum Geringsten darunter, dass einer dieser törichten Quraisch ihm den Weg versperrte und sein Haupt mit Erde bewarf. Wie reagierte er wohl? Er betrat sein Haus, die Erde noch auf seinem Haupt, und seine Tochter Fatima begann, weinend die Erde von ihm abzuwaschen. Es gibt nichts Schmerzlicheres für uns, als unsere Söhne und noch mehr unsere Töchter weinen zu hören. Jede Träne des Schmerzes, die aus den Augenwinkeln der Tochter rinnt, ist ein Tropfen Lava, der auf unser Herz fällt und uns heftig aufschreien lässt.

Jeder Kummer, der sie trifft, ruft in unserem Inneren noch größeren Kummer hervor, der uns die Kehle zuschnürt und beinahe Tränen aus unseren Augen presst. Muhammad war seinen Töchtern der gütigste und mitfühlendste Vater. Wie mag er reagiert haben, als diese seine Tochter, die vor kurzem ihre Mutter verloren hatte, wegen dem, was ihrem Vater widerfuhr, weinte? All dies führte nur dazu, dass er sich Allah noch mehr mit seinem Herzen zuwandte und an SEINE Hilfe für ihn glaubte. Er sagte zu seiner Tochter, als aus ihren Augen die Tränen flössen: “Weine nicht, o meine Tochter! Denn Allah wird deinen Vater beschützen.“ Später pflegte er oft zu sagen: “Bei Allah, die Quraisch fügten mir nichts Widerwärtigeres zu als nach Abu Talibs Tod.“

 

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Muhammads Aufbruch nach Taif (628 n. Chr.)

Die Schlechtigkeiten der Quraisch gegenüber Muhammad nahmen danach so sehr zu, dass er es nicht mehr ertragen konnte. Da brach er ganz alleine nach Taif auf, ohne dass jemand von seinem Unternehmen wusste. Er suchte bei den Thakif Hilfe und Schutz gegen sein Volk und hoffte auf ihre Annahme des Islam, aber er erhielt schlimme Antwort von ihnen. Da bat er sie, sie möchten nichts davon erwähnen, dass er sie um Hilfe gebeten habe, damit sein Volk darüber keine Schadenfreude empfinde. Aber sie hörten nicht auf ihn, sondern hetzten vielmehr ihre Unverschämtesten auf ihn, die ihn beschimpften und hinter ihm her schrien.

Da floh er vor ihnen zum Garten von Rabias Söhnen Utba und Schaiba, wo er Schutz suchte. Er setzte sich in den Schatten eines Weinstockes, und die beiden Söhne Rabias sahen ihn und die heftige Bedrängnis, in der er sich befand. Als er sich beruhigt fühlte, hob er sein Haupt demütig zum Himmel und sagte: “O Allah, DIR klage ich meine Schwäche, meine geringen Mittel und meine verachtete Stellung bei den Menschen, o Barmherzigster der Barmherzigen.

DU bist der Herr der Unterdrückten, und DU bist mein Herr. Wem überlässt DU mein Schicksal? Einem Fremden, der mich finster anblickt, oder einem Feind, dem DU meine Sache in die Hand gibst? Wenn DU keinen Zorn gegen mich hegst, so kümmert es mich nicht, denn DEINE Zufriedenheit genügt mir vollauf. Ich nehme meine Zuflucht zum Licht DEINES Angesichts, das alle Finsternisse vertreibt und dem Diesseits und Jenseits Glück verleiht, auf dass DEIN Zorn nicht auf mich herabgesandt werde oder DU DEINEN Groll über mich bringst. In DEINER Hand liegt das Ergebnis: DU sollst zufriedengestellt werden. Und es gibt weder Macht noch Stärke als bei DIR.“

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Addas, der Christ

Der Blick der beiden Söhne Rabias ruhte weiter auf ihm. Da regte sich in ihnen Erbarmen und Mitleid aufgrund dessen, was ihn an Übel getroffen hatte, und sie sandten ihren christlichen Diener Addas mit gepflückten Trauben aus dem Garten zu ihm.

Als Muhammad zugriff, sagte er: “Im Namen Allahs“, dann aß er. Addas blickte verwundert und sagte: “Das sind Worte, die die Bewohner dieses Landes nicht sprechen!“ Da befragte ihn Muhammad über sein Land und seine Religion, und als er erfuhr, dass er ein Christ aus Ninive war, sagte er zu ihm: “Bist du aus der Stadt des frommen Mannes Jonas, Sohn des Matthäus?“ Da fragte ihn Addas: “Was weißt du von Jonas, Sohn des Matthäus?“ Muhammad sagte: “Er ist mein Bruder; er war Prophet, und ich bin Prophet.“ Da beugte Addas sich vor Muhammad nieder und küsste sein Haupt, seine Hände und seine Füße. Die beiden Söhne Rabias wunderten sich über das, was sie sahen, wenngleich sie das nicht von ihrem Glauben abbrachte und nicht hinderte, zu Addas zu sagen, als er zu ihnen zurückkehrte: “O Addas, dieser Mann soll dich ja nicht von deiner Religion abbringen, denn sie ist besser als seine.“

Was Muhammad an Schaden traf, schwächte wohl den Groll der Thakif ab, änderte jedoch nichts an der Hartnäckigkeit in ihrer Abneigung, ihm zu folgen. Die Quraisch erfuhren davon und verstärkten ihre Nachstellungen, was ihn jedoch nicht vom Ruf zur Religion Allahs abbrachte.

 

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Muhammad richtet sich an die Stämme

Zu den Wallfahrtszeiten begann Muhammad sich an die Stämme der Araber zu richten, sie zur Wahrheit zu rufen, ihnen kundzutun, dass er ein entsandter Prophet war, und sie aufzufordern, ihm Glauben zu schenken. Sein Onkel Abdul Uzza Ibn Abdul Muttalib Abu Lahab, der ihn nicht lassen wollte, folgte ihm, wohin er auch ging. Er hetzte die Menschen auf, ihm nicht zuzuhören.

Muhammad begnügte sich nicht damit, sich während der Pilgerzeiten den Stämmen der Araber in Mekka zuzuwenden; er begab sich auch zu den Lagern der Stämme Kinda, Kalb, Banū Hanifa und Banū Amir Ibn Sasaa. Doch keiner von ihnen hörte auf ihn. Sie wiesen ihn allesamt auf unschöne Weise zurück, ja, die Banū Hanifa gar auf unverschämte Weise.

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Zurückweisung seines Rufes durch die Stämme

Was die Banū Amir betraf, so hofften sie, wenn er durch sie siegen würde, auf die Übernahme der Herrschaft. Als Muhammad ihnen aber sagte: “Die Herrschaft ist bei Allah, ER errichtet sie, wo immer ER auch will“, wandten sie sich von ihm ab und wiesen ihn zurück, wie es andere getan hatten.

Beharrten diese Stämme aus denselben Gründen auf Widerstand gegen Muhammad wie die Quraisch? Wir haben bei den Banū Amir bereits gesehen, wie sie auf die Herrschaft hofften, sollten sie mit ihm siegen. Die Thakif dagegen hatten eine andere Ansicht. Taif war nicht nur ein wegen seines angenehmen Klimas und der Süße seiner Trauben beliebter Sommeraufenthalt der Mekkaner, sondern auch eine Anbetungsstätte al-Lats, der dort ein Götzenbild errichtet war, das angebetet und zu dem gepilgert wurde. Würden die Thakif nun Muhammad folgen, verlöre al-Lat ihre Stellung. Zwischen ihnen und den Quraisch würde Feindschaft aufkommen, was ohne Zweifel zur Sommerzeit wirtschaftliche Auswirkungen hätte.

So hatte jeder Stamm einen eigenen ökonomischen Vorwand, der stärkere Auswirkung auf ihre Ablehnung des Islam hatte als ihre Verbundenheit mit ihrer und ihrer Väter Religion und der Anbetung ihrer Götzen.

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Muhammad verlobt sich mit Aischa

Durch die Hartnäckigkeit dieser Stämme nahm Muhammads Isolation zu, und der Eifer der Quraisch, seinen Gefährten zu schaden, ließ seinen Schmerz und seine Sorge anwachsen. Die Zeit der Trauer über Khadidschas Tod war verstrichen, und er dachte daran, wieder zu heiraten, um vielleicht in seiner Gattin wie zuvor bei Khadidscha Trost zu finden.

Er dachte indes daran, die Bande zwischen ihm und den frühen Muslimen zu festigen, und bat deshalb Abu Bakr um die Hand dessen Tochter Aischa. Da sie noch ein Kind im siebten Lebensjahr war, schloss er den Ehevertrag mit ihr und vollzog die Ehe mit ihr erst nach zwei Jahren, als sie neun wurde.

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Die Heirat mit Sauda

In der Zwischenzeit heiratete er Sauda, die Witwe einer der Muslime, die nach Abessinien ausgewandert, nach Mekka zurückgekehrt und dort gestorben waren. Ich denke, der Leser bemerkt in etwa, welche Bedeutung diese beiden Verbindungen haben, was später bei Eheverbindungen und Verschwägerungen Muhammads deutlicher werden wird.

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Al-Isra (621 n.Chr.)

In diese Zeit fallen al-Isra und al-Miradsch [1]. Muhammad befand sich in der Nacht von al-Isra im Hause seiner Base Hind, der Tochter von Abu Talib, deren Beiname Umm Hani war. Hind sagte: “Der Gesandte Allahs übernachtete in dieser Nacht bei mir in meinem Haus und betete das Nachtgebet, dann schliefen er und wir. Kurz vor der Morgendämmerung weckte uns Allahs Gesandter.

Nachdem er mit uns das Morgengebet gebetet hatte, sagte er: “O Umm Hani, ich betete mit euch das Nachtgebet, wie du sahst, an diesem Ort, dann ging ich zum Baitul Makdis [2] und betete darin; dann habe ich soeben mit euch das Morgengebet gebetet, wie ihr seht.“ Ich sagte zu ihm: “O Prophet Allahs, erzähle den Menschen nichts davon, damit sie dich danach nicht der Lüge bezichtigen und dir schaden.“ Er sagte: “Bei Allah, ich werde es ihnen erzählen.“

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Geschah al-Isra mit dem Geist oder mit dem Körper?

Jene, die sagen, al-Isra und al-Miradsch hätten mit dem Geist Muhammads stattgefunden, stützen sich auf diesen Bericht von Umm Hani und auf das, was Aischa sagte: “Der Körper des Gesandten Allahs wurde nicht vermisst, vielmehr ließ Allah ihn mit seinem Geist reisen.“ Muawija Ibn Abu Sufyan sagte, als er über al-Isra des Gesandten befragt wurde: “Es war eine wahre Vision von Allah.“ Sie führen für all das die Worte des Erhabenen an:

„Und WIR haben das Gesicht, das WIR dich sehen ließen, nur zu einer Versuchung für die Menschen gemacht“ (17:60)

Nach Ansicht anderer fand al-Isra von Mekka zum Baitul Makdis mit dem Körper statt, wobei sie dazu auf das verweisen, was Muhammad erwähnte, während seiner Reise in der Wüste gesehen zu haben - wovon noch berichtet wird -. Dagegen wäre al-Miradsch zum Himmel mit dem Geist gewesen. Wieder andere behaupten, al-Isra und al-Miradsch hätten sich beide mit dem Körper ereignet.

Die Erörterungen der Gelehrten über diese Meinungsverschiedenheit sind so zahlreich, dass darüber Tausende von Seiten geschrieben wurden. Wir haben zum Verständnis von al-Isra eine Ansicht, die wir darlegen werden, ohne zu wissen, ob diese Ansicht schon jemand vor uns hatte oder nicht. Bevor wir diese jedoch darlegen, ja, um sie überhaupt darlegen zu können, ist es erforderlich, dass wir die Geschichte von al-Isra und al-Miradsch so wiedergeben, wie sie in den biographischen Büchern dargestellt wird.

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Die Darstellung von al-Isra in den biographischen Büchern

Der Orientalist Dermenghem stellt diese Geschichte als Auszug aus verschiedenen Biographie-Büchern in wunderschöner Ausdrucksweise zusammen, deren Übersetzung wie folgt lautet:

„Inmitten einer feierlichen, ruhigen Nacht, als sogar die Nachtvögel und die umherstreifenden Tiere still waren, als die Flüsse aufgehört hatten zu murmeln und kein Windhauch spielte, wurde Muhammad von einer Stimme geweckt, die rief: “Schläfer, wach auf!“ Und vor ihm stand der Engel Gabriel mit strahlender Stirn, einem Gesicht so weiß wie Schnee, blondem, wallendem Haar und in Gewändern mit Perlen bestickt und in Gold eingefasst. Zahlreiche Flügel jeder Farbe standen bebend von seinem Körper ab.

Er führte eine fantastische Stute, Burak („Blitz“), mit einem menschlichen Kopf und zwei Adlerschwingen; sie näherte sich Muhammad, gestattete ihm, aufzusteigen, und war auf und davon wie ein Pfeil über die Berge Mekkas und die Sandflächen der Wüste in Richtung Norden... Der Engel begleitete sie auf diesem erstaunlichen Flug. Auf dem Gipfel des Berges Sinai, wo Gott zu Moses gesprochen hatte, ließ Gabriel Muhammad zum Gebet anhalten und wiederum in Bethlehem, wo Jesus geboren war, bevor sie ihren Weg in der Luft fortsetzten. Seltsame Stimmen versuchten, den Propheten zurückzuhalten, der so in seine Sendung vertieft war, dass er fühlte, allein Allah habe das Recht, seine Stute anzuhalten. Als sie Jerusalem erreichten, band Muhammad Burak fest und betete auf den Ruinen des Tempels von Salomo mit Abraham, Moses und Jesus. Als er eine endlose Leiter am Fels Jakobs erscheinen sah, wurde der Prophet in die Lage versetzt, rasch in die Himmel aufzusteigen.

Der erste Himmel war aus reinem Silber, und die Sterne hingen von seinem Gewölbe an goldenen Ketten; in einem jeden lag ein Engel auf Wache, um die Dämonen davon abzuhalten, in die heiligen Wohngemächer aufzusteigen, und die Geistwesen davon, taktlos himmlischen Geheimnissen zu lauschen. Dort grüßte Muhammad Adam. Und in den sechs anderen Himmeln traf der Prophet Noah, Aaron, Moses, Abraham, David, Salomo, Idris (Enoch), Jahja (Johannes der Täufer) und Jesus (a.s. über alle). Er sah den Engel des Todes, Izrail, so riesig, dass seine Augen 70.000 Tage Fußmarsches auseinander lagen. Er befehligte 100.000 Bataillone und verbrachte seine Zeit damit, in ein unermesslich großes Buch die Namen derer, die starben oder geboren wurden, einzuschreiben.

Er sah den Engel der Tränen, der wegen der Sünden der Welt weinte; den Engel der Rache mit ehernem Gesicht, mit Warzen bedeckt, der den Elementen des Feuers präsidiert und auf einem Thron von Flammen sitzt; und einen anderen gewaltigen Engel halb aus Schnee und halb aus Feuer, umgeben von einem himmlischen Chor, der unablässig rief: “O Allah, DU hast Schnee und Feuer und all DEINE Diener im Gehorsam gegenüber DEINEN Gesetzen vereint.“ Im siebenten Himmel, wo die Seelen der Gerechten wohnten, war ein Engel größer als die ganze Welt, mit 70.000 Köpfen; jeder Kopf hatte 70.000 Münder, jeder Mund hatten 70.000 Zungen und jede Zunge sprach in 70.000 verschiedenen Mundarten, endlos das Lob des Allerhöchsten singend.

Während er diese außergewöhnlichen Wesen betrachtete, wurde Muhammad zu den Wipfeln des Lotusbaumes des Himmels getragen, der zur Rechten von Allahs unsichtbarem Thron blüht und unzählige, engelhafte Geistwesen beschattet. Dann, nachdem er in einem einzigen Augenblick die weitesten Meere, Gegenden des Zwielichts und der tiefsten Dunkelheit überquert hatte, durchquerte er Millionen von Wolken aus Hyazinthen, aus Gaze, aus Schatten, aus Feuer, aus Luft, aus Wasser, aus Leere, jede von der anderen 500 Jahre Fußmarsches entfernt; dann kam er an noch mehr Wolken vorbei aus Schönheit, Vollkommenheit, Überlegenheit, Unermesslichkeit und Einheit, hinter denen 70.000 Engelschöre waren, niedergebeugt und bewegungslos in völliger Stille.

Die Erde begann sich zu heben, und er fühlte sich in das Licht seines Herrn gebracht, wo er erstarrt war und gelähmt. Von hier aus erschienen Himmel und Erde zusammen, als seien sie ganz klein für ihn, als seien sie zu einem Nichts zerschmolzen und zur Größe eines Senfsamenkornes in der Mitte eines Feldes zusammengeschrumpft. Folgendermaßen bezeugt Muhammad, vor dem Thron des Herrn der Welt gewesen zu sein: Er befand sich in der Gegenwart des Thrones in einer „Entfernung von zwei Bogenlängen oder noch näher“ (53), Gott mit den Augen seiner Seele wahrnehmend und Dinge sehend, die die Zunge nicht beschreiben kann, die alles menschliche Verständnis überschreitend. Der Allmächtige legte eine Hand auf Muhammads Brust und die andere auf seine Schulter - bis ins Mark seiner Knochen spürte er eine eisige Kälte, gefolgt von einem unbeschreiblichen Gefühl der Ruhe und verzückten Auflösung.

Nach einer Unterhaltung, deren Unaussprechlichkeit man durch äußerst genaue Überlieferung nicht gerecht wird, erhielt der Prophet von Allah den Befehl, dass alle Gläubigen fünfzig Gebete täglich sagen müssten. Als er vom Himmel herabkam, traf Muhammad Moses (a.s.), der mit ihm über diese Angelegenheit sprach: “Wie kannst du hoffen, deine Anhänger fünfzig Gebete täglich sagen zu lassen? Ich hatte mit der Menschheit vor dir Erfahrung. Ich versuchte mit den Kindern Israels alles, was möglich war. Hör auf mein Wort, kehre zurück zu unserem Herrn und bitte um eine Verringerung.“

Muhammad kehrte zurück, und die Zahl der Gebete wurde auf vierzig verringert. Moses dachte, dass dies immer noch zu viel sei, und ließ seinen Nachfolger einige Male zu Allah zurückkehren. Am Ende forderte Allah nicht mehr als fünf Gebete.

Gabriel führte den Propheten dann zum Paradies, wo die Gläubigen sich nach ihrer Wiedererweckung erfreuen - einem ungeheuer großen Garten mit silbernem Boden, Kies aus Perlen, Bergen aus Amber, gefüllt mit goldenen Palästen und kostbaren …

Schließlich, nachdem er auf der leuchtenden Leiter zur Erde zurückgekehrt war, band Muhammad Burak los, stieg in den Sattel und ritt auf der geflügelten Stute nach Jerusalem.“

 

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Ibn Hischams Bericht über al-Isra

Dies war die Überlieferung des Orientalisten Dermenghem über die Geschichte von al-Isra und al-Miradsch: Verstreut in vielen Biographien stößt man auf diese Erzählung, wenngleich man in allen Unterschiede findet, indem manche Aspekte hinzugefügt oder weggelassen wurden. So zum Beispiel der Bericht Ibn Hischams, dass der Prophet, nachdem er Adam im ersten Himmel getroffen hatte, sagte:

„Dann erblickte ich Männer mit Lippen wie denen von Kamelen. In ihren Händen hatten sie faustgroße glühende Steine, die sie sich in den Mund warfen und die aus ihrem Gesäß wieder herauskamen. “Wer sind sie, o Gabriel?“ fragte ich. Er antwortete: “Dies sind jene, die den Besitz der Waisen ohne Recht aufgezehrt haben.“

Sodann erblickte ich Männer in einer Art der Familie des Pharao mit Bäuchen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Über sie zogen Wesen hin wie vor Durst schmachtende Kamele, wenn sie dem Feuer ausgesetzt werden. Sie traten auf die Männer, ohne dass sich diese von ihrer Stelle hätten bewegen können. Ich fragte: “Wer sind diese Männer, o Gabriel?“ Er erwiderte: “Dies sind jene, die sich vom Wucher genährt haben!“

Und dann sah ich Männer, vor denen neben fettem, gutem Fleisch auch mageres, stinkendes lag. Sie aßen nur von dem mageren, stinkenden und ließen das fette, gute liegen. “Wer sind diese, o Gabriel?“ fragte ich. Er erklärte: “Das sind jene Männer, die sich nicht die Frauen nahmen, die Allah ihnen erlaubte, sondern zu jenen gingen, die Allah ihnen verbot.“

Dann erblickte ich Frauen, die an ihren Brüsten aufgehängt waren, und ich fragte: “Wer sind diese, o Gabriel?“„Dies sind jene Frauen,“ antwortete er, “die ihren Männern Kinder unterstellten, die diese nicht gezeugt hatten.“

Schließlich betrat er mit mir das Paradies. Dort erblickte ich ein Mädchen mit dunkelroten Lippen, und da es mir gefiel, fragte ich es: “Wem gehörtest du?“„Dem Zaid Ibn Haritha“, erwiderte es mir. Der Gesandte Allahs verkündete diese frohe Botschaft dem Zaid Ibn Haritha.“

Weitere, vom Bericht des Ibn Hischam abweichende Überlieferungen, findet man in anderen Biographien und in den Büchern der Qur’ān-Erläuterung. Es steht dem Historiker zu, Genauigkeit und Zuverlässigkeit all dessen zu hinterfragen, sowie was davon mit einwandfreier Überlieferungskette auf den Propheten zurückgeführt werden kann und was der Vorstellungskraft der Sufis und anderer entsprang. Es ist hier nicht der Ort zur Beurteilung oder Erforschung der Aussagen über al-Miradsch und al-Isra, ob sie beide mit dem Körper stattfanden, oder ob al-Miradsch sich mit dem Geist und die al-Isra mit dem Körper ereignete, oder ob beide nur mit dem Geist stattfanden. Doch gibt es keinen Zweifel darüber, dass jede dieser Ansichten Rückhalt bei den Gelehrten hat und dass es kein Vergehen ist, wenn jemand ausschließlich eine dieser Ansichten vertritt. Wer die Ansicht vertreten möchte, al-Isra und al-Miradsch hätten mit dem Geist stattgefunden, dem dient als Stütze das Vorausgeschickte und das, was im Qur’ān und in den Worten des Gesandten wiederkehrt:

„Ich bin indes nur ein Mensch wie ihr. Mir wurde geoffenbart, dass euer Gott ein einziger Gott ist“ (18:110), und dass das Buch Allahs allein das Wunder Muhammads ist, und „Allah vergibt gewiss nicht, dass IHM etwas beigesellt wird und vergibt abgesehen davon, wem ER will.“ (4:48)

Es steht dem Vertreter dieser Ansicht noch mehr als anderen die Frage nach der Bedeutung von al-Isra und al-Miradsch zu. Wir wollen nun unsere Ansicht darstellen, ohne zu wissen, ob dies schon jemand vor uns tat.

 

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Al-Isra und die Einheit des Seins

Al-Isra und al-Miradsch haben in Muhammads geistigem Leben eine überaus große Bedeutung. Eine Bedeutung, die größer ist, als die zitierten Überlieferer sie beschreiben und die einiges davon mit der fruchtbaren Vorstellungskraft der Philosophen sehr vermischt. Dieser starke Geist Muhammads vereinte in sich zur Stunde von al-Isra und al-Miradsch die Einheit dieses Seins in äußerster Vollkommenheit. Weder Zeit noch Raum noch irgendeine andere Art von Schleier, der aufgrund unserer verhältnismäßig beschränkten Wahrnehmungs- und Verstandeskraft unser Urteil beeinflusst, stand zu jener Stunde vor Muhammads Intellekt und Geist.

In dieser Stunde fielen sämtliche Schranken vor Muhammads Einblick, und er vereinte das gesamte Sein in seinem Geist. Er umfasste es von seinem Anbeginn bis zur Ewigkeit. Es stellte sich ihm in seiner Einheit dar als Entwicklung hin zur Vollkommenheit hinsichtlich des Guten, der Überlegenheit, der Schönheit und der Wahrheit, die durch die Gnade und Vergebung von Allah das Schlechte, das Minderwertige, das Hässliche und die Falschheit bekämpfen und überwinden.

Nur eine übermenschliche Kraft ist zu dieser Erhabenheit imstande. Wenn also die Anhänger Muhammads später nicht in der Lage sind, dieselbe Größe des Denkens zu erreichen und die Einheit des Seins in seiner Vollkommenheit zu erfassen wie er und ihm in seinen Anstrengungen zu folgen, diese Vollkommenheit zu erreichen, so nimmt dies weder Wunder noch liegt darin ein Mangel. Unter den Ausgezeichneten und Begabten der Menschen bestehen Abstufungen. Wenn wir die Wahrheit erlangen wollen, stoßen wir ständig auf diese unüberwindbaren Grenzen.

Wenn es trotz der Verschiedenheit ein Beispiel gibt, so wollen wir im Zusammenhang mit dem, was wir gerade erörtern, die Geschichte jener Blinden erwähnen, die wissen wollen, was ein Elefant ist. Einer von ihnen sagte: Es ist wie ein langes Seil, da er den Schwanz des Elefanten berührte. Der Zweite sagte: Es ist dick wie ein Baum, da er seinen Fuß berührte. Der Dritte sagte: Es ist spitz wie eine Lanze, da er seinen Stoßzahn berührte.

Der Vierte sagte: Es ist rund und bewegt sich schnell und viel, da er seinen Rüssel berührte. Vergleicht man diese Eindrücke mit dem tatsächlichen Aussehen des Elefanten, so sei uns der Vergleich mit dem Bewusstsein Muhammads vom Wesen der Einheit des Seins und seiner Darstellung in al-Isra und al-Miradsch erlaubt, wo er mit der Zeit von ihrem Anfang vor Adam bis zu ihrem Ende am Tag der Auferstehung in Berührung kam. Wo die Begrenztheit des Raumes schwand, als er beim höchsten Lotusbaum mit dem Blick der Einsicht auf dieses Sein blickte, das sich als ein Nebel vor ihm auftat.

Demgegenüber ist das Verständnis der Weisheit von al-Isra und al-Miradsch bei vielen beeinträchtigt, indem sie sich bei Einzelheiten aufhalten, die in Bezug auf die Einheit des Seins und seiner Belebtheit nur die Partikelchen des Körpers sind und sogar das Verstehen verhindern: Welch großer Unterschied besteht doch zwischen diesen Partikelchen im Leben dieses Körpers und dem Schlag seines Herzens, der Ausstrahlung seines Geistes und dem Leuchten seines Verstandes und seiner Erfüllung mit Leben, das keine Grenzen kennt, da es aus dem Sein heraus mit dem ganzen Sein verbunden ist.

Al-Isra mit dem Geist ist in ihrer Bedeutung nicht geringer an Erhabenheit und Herrlichkeit als die al-Isra und al-Miradsch mit Geist und Körper. Sie ist eine intensive Verbildlichung der geistigen Einheit vom Anfang des Seins bis zur Ewigkeit. Dieser Umweg über den Berg Sinai, wo Allah mit Mose sprach, und Bethlehem, wo Jesus geboren wurde, und diese geistige Versammlung, in der Muhammad, Jesus, Moses und Abraham im Gebet vereinigt wurden, sind ein starker Ausdruck der Einheit des religiösen Lebens als Stütze der Einheit des Seins, während es sich beständig auf die Vollkommenheit zu bewegt.

 

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Al-Isra und die moderne Wissenschaft

Die Wissenschaft unserer heutigen Zeit bekennt sich zu dieser Nachtfahrt und dem Aufstieg mit dem Geist. Denn wo sich ursprüngliche Kräfte treffen, verbreitet sich das Licht der Wahrheit, den Naturkräften gleich, die in bestimmter Form Marconi [3] gehorchten und mittels der Kraft der Wellen des Äthers die Stadt Sidney in Australien erleuchteten, als er von seinem Schiff aus, das bei Venedig vor Anker lag, einen besonderen elektrischen Strom einsetzte. In dieser unserer Zeit bestätigt die Wissenschaft die Theorien vom Gedankenlesen und was sie in sich schließen, so wie sie die Übertragung des Schalls durch den Äther mittels des Radios bestätigt. Ebenso die Übertragung von Bild und Schrift, was in Vergangenheit manche Wissenschaftszweige als Utopie betrachteten. Die verborgenen Kräfte des Seins werden für unsere Wissenschaft jeden Tag aufs Neue entdeckt.

Wenn also ein Geist an Kraft und Macht erreicht, was die Seele Muhammads erreichte, und ihn Allah eines Nachts vom Masdschid al-Haram in Mekka zum Masdschid al-Aqsa in Jerusalem reisen ließ, deren Umgebung ER heiligte, um ihm etwas von SEINEN Zeichen zu zeigen, so wird dies von der Wissenschaft zugestanden. Die Weisheit darin liegt in jenen erhabenen Vorstellungen voller Schönheit und Herrlichkeit, die Muhammad die Einheit des Geistes und die Einheit des Seins als klares Bild erkennen ließen.

Der Mensch kann zu diesem Verständnis gelangen, wenn er sich über die Täuschungen des Vergänglichen im Leben zu erheben versucht. Wenn er versucht, mit dem innersten Wesen der höchsten Wahrheit in Verbindung zu treten, um von ihr seine Bedeutung und die Bedeutung der ganzen Welt zu erfahren.

 

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Zweifel der Quraisch und Glaubensabfall einiger Muslime

Die Araber unter den Mekkanern vermochten diese Bedeutungen nicht zu verstehen. Deshalb verweilten sie, kaum dass Muhammad ihnen von seiner Nachtreise erzählt hatte, bei der stofflichen Form dieser Nachtreise und ihrer Möglichkeit oder Unmöglichkeit. Sodann überkam selbst jene, die Muhammad folgten und ihm glaubten, Zweifel an dem, was er sagte. Viele sagten: “Das ist bei Allah eine klare Sache. Bei Allah, ein Kamel ist auf dem Hinweg ohne Unterbrechung einen Monat von Mekka nach Asch-Scham unterwegs und braucht einen Monat für den Rückweg. Legt Muhammad diese Entfernung in einer einzigen Nacht zurück!?“ Viele, die Muslime geworden waren, fielen vom Glauben ab.

Diejenigen, denen in der Sache Zweifel kamen, gingen zu Abu Bakr und trugen ihm Muhammads Geschichte vor. Da sagte Abu Bakr: “Ihr erzählt gewiss Lügen über ihn!“ Sie erwiderten: “Keineswegs, er selbst erzählt ja den Menschen in der Moschee davon.“ Abu Bakr sagte: “Bei Allah, wenn er es wirklich gesagt hat, dann stimmt es auch. Er berichtete mir, das Wort von Allah komme zu ihm vom Himmel zur Erde in einer Stunde der Nacht oder des Tages, und ich glaube ihm; und das ist weitgehender als das, worüber ihr euch wundert.“

Abu Bakr kam zum Propheten und hörte zu, wie er die Heilige Moschee in Jerusalem beschrieb, in der Abu Bakr bereits gewesen war. Als der Prophet nun die Beschreibung der Moschee vollendet hatte, sagte Abu Bakr zu ihm: “Du hast wahr gesprochen, o Gesandter Allahs.“ Von diesem Tag an nannte Muhammad Abu Bakr „As Siddiq.“ [4]

 

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Die Behauptung von al-Isra mit dem Körper

Jene, die sagen, al-Isra geschah mit dem Körper, verweisen zur Begründung ihrer Meinung darauf, dass die Quraisch und die Gläubigen, als sie davon erfuhren, Muhammad nach einem Zeichen dafür gefragt hätten, denn sie hätten desgleichen noch nie gehört. Da hätte er ihnen eine Karawane beschrieben, die er unterwegs getroffen und zu einem ihrer Tiere geführt hätte, das sich verirrt hätte. Bei einer anderen Karawane habe er aus einem Gefäß getrunken, das er danach verschlossen habe. Also fragten die Quraisch bei den Karawanen nach, und diese beiden Karawanen bestätigten, was Muhammad über sie berichtet hatte.

Jene, die nun behaupten, al-Isra habe mit dem Geist stattgefunden, sehen darin nichts Verwunderliches, nachdem ja die Wissenschaft unserer heutigen Zeit die Möglichkeit kennt, mittels Hypnose von Dingen, die weitab stattfanden, zu berichten. Wie also sollte dies dann nicht einem Geist möglich sein, der die Einheit des geistigen Lebens im gesamten Kosmos vereinigt?! Der durch die Kraft, mit der Allah ihn ausgestattet hat, mit dem Geheimnis des Lebens vom Anfang des Seins bis in Ewigkeit in Verbindung treten kann!

 

 


[1]  Al-Isra ist die nächtliche Reise Muhammads nach Jerusalem. Al-Miradsch der Aufstieg von dort zum siebenten Himmel.

 

[2]  die heilige Moschee in Jerusalem.

[3] Gughelmo Marconi (1874-1937) war ein italienischer Erfinder, der 1909 den Nobelpreis erhielt. Er gilt als Begründer des drahtlosen Nachrichtenverkehrs.

[4]  „As Siddik“ wird derjenige genannt, der daran glaubt, dass das Wahre wirklich wahr ist.

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