Mittwoch, 26. Juli 2017

12- Die Anfangszeit in Jathrib

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Gründe für den Empfang des Propheten durch die Einwohner Jathribs



Sowohl einzeln als auch in Gruppen zogen Männer und Frauen der Einwohner Jathribs zum Empfang Muhammads aus. Sie hatten von seiner Auswanderung und der Verschwörung der Quraisch gegen ihn gehört und dass er auf dieser erschöpfenden Reise zwischen den Sandhügeln und Felsen Tihamas, die die Sonnenstrahlen als flammende Glut zurückwarfen, übergroße Hitze ertragen hatte. Getrieben von Neugier zogen sie aus, denn die Kunde hatte sich über die Halbinsel verbreitet, dass sein Ruf die von den Vätern ererbten heiligen Glaubenssätze beseitigt hatte.

Ihr Auszug ist jedoch nicht nur auf diese beiden Gründe allein zurückzuführen, sondern vielmehr darauf, dass er von Mekka nach Jathrib ausgewandert war, um sich in ihrer Stadt niederzulassen. Jede Gruppe und jeder Stamm der Bewohner Jathribs hatten im Hinblick auf diese Ansiedlung verschiedene politische und gesellschaftliche Motive. Diese veranlassten sie mehr als die Neugier, diesen Mann zu sehen und ob seine Erscheinung ihre Vorstellung bestätigen oder eine Berichtigung bewirken würde.

Somit waren die Polytheisten und die Juden nicht weniger am Empfang des Propheten interessiert als die Muhadschirun und Ansar unter den Muslimen. Deshalb umringten sie ihn alle, wenn sich auch im Innern eines jeden die unterschiedlichsten Regungen über den bedeutenden Ankömmling fanden. Als er die Zügel seiner Kamelstute losließ, folgten sie ihm in ungeordneter Weise, denn es drängte jeden danach, sein Antlitz zu betrachten. Und sich ein Bild von dem Mann zu machen, dem er zusammen mit denen unter den Bewohnern dieser Stadt, die geschworen hatten, gegebenenfalls jeden Menschen zu bekämpfen, den großen Schwur von Akaba geleistet hatte. Von dem Mann, der seine Heimat verlassen, sich von seinen Angehörigen getrennt und ihre Feindschaft und Nachstellungen dreizehn aufeinanderfolgende Jahre lang des Eins-Seins Allahs willen ertragen hatte, das sich auf die Betrachtung des Kosmos und die daraus folgende Erkenntnis der Wahrheit gründete.

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Errichtung der Moschee und der Wohnstätte des Gesandten



Die Kamelstute des Propheten kniete beim Kamellagerplatz von Sahl und Suhail, den Söhnen des Amr, nieder, und Muhammad erwarb ihn, um sich dort eine Moschee bauen zu lassen. Während ihrer Errichtung blieb er im Hause von Abu Ayyūb Khalid Ibn Zaid Ansari. Muhammad legte beim Bau der Moschee selbst Hand mit an, und auch die Muslime der Muhadschirun und Ansar wirkten bei ihrer Erbauung eifrig mit. Nach ihrer Vollendung errichteten sie um sie herum die Wohnstätte des Gesandten.

Der Bau der Moschee und der Wohnstätte überforderte niemanden, da sie gemäß den Anweisungen Muhammads durchweg schlicht gehalten waren:

Die Moschee bestand aus einem weiten Hof, dessen vier Wände aus Ziegeln und Lehm errichtet wurden. Ein Teil wurde mit Palmblättern überdacht, der andere freigelassen. Eine ihrer Seiten wurde der Beherbergung der Armen vorbehalten, die keine Wohnung hatten. Nachts wurde die Moschee nur zur Stunde des Nachtgebets durch angezündete Strohfeuer erleuchtet. So blieb es neun Jahre lang; danach wurden Lampen an den Palmstämmen, die das Dach abstützten, angebracht. Die Wohnstätte des Propheten war nicht aufwendiger als die Moschee, jedoch naturgemäß abgeschirmter als diese.

Muhammad erbaute seine Moschee und seine Wohnstätte und zog vom Hause Abu Ayyūbs dorthin. Dann begann er, über dieses neu begonnene Leben, das ihn und seinen Ruf erneut einen großen Schritt weiterbrachte, nachzudenken. Er hatte diese Stadt angetroffen, als unter ihren Sippen eine Zwietracht herrschte, die Mekka nicht kannte. Aber er hatte gefunden, dass ihre Stämme und Familien nach einem Leben voller Ruhe strebten, weswegen sie Hass und Streitigkeiten mieden, die sie in der Vergangenheit aufs übelste zerrissen hatten. Durch die künftige Ruhe hofften sie, wohlhabender und angesehener als Mekka zu werden.

Jathribs Wohlstand und Ansehen waren nicht Muhammads erstes Anliegen, sondern nur etwas, was ihn teilweise beschäftigte. Sein erstes und letztes Anliegen war die Botschaft, die Allah ihm anvertraut hatte, auf dass er sie verkünde, zu ihr aufrufe und durch sie warne. Die Mekkaner hatten ihn vom Tag seiner Entsendung an bis zum Tag seiner Auswanderung in einem entsetzlichen Krieg bekämpft. Dies hatte verhindert, dass alle Herzen mit dem Licht dieser Botschaft und dem Glauben daran erfüllt wurden; denn sie waren mit der Furcht vor den Nachstellungen und der Bedrängnis seitens der Quraisch erfüllt. Diese Nachstellungen und diese Bedrängnis traten zwischen den Glauben und die Herzen, in denen der Glaube noch nicht eingezogen war.

 

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Gewährleistung der Glaubensfreiheit

Es war deshalb erforderlich, dass sowohl die Muslime als auch andere daran glauben konnten, dass derjenige, der der Rechtleitung folgte und die Religion Allahs annahm, vor Nachstellungen sicher war, damit die Gläubigen im Glauben gestärkt würden und die Unschlüssigen, Furchtsamen und Schwachen den Glauben annehmen könnten. Das war das erste, woran Muhammad in der Ruhe seines Wohnortes Jathrib dachte. Darauf richtete er seine Politik aus, und an dieser Ausrichtung muss sich seine Lebensbeschreibung orientieren. Er dachte weder an Herrschaft, Geld noch Handel. Sein einziges Anliegen bestand vielmehr darin, für diejenigen, die seiner Botschaft folgten, die Zuversicht zu verstärken und ihnen sowie auch anderen die Glaubensfreiheit zu gewährleisten. Muslime, Juden und Christen mussten die gleiche Glaubens-, Meinungs- und Verkündungsfreiheit haben.

Allein die Freiheit ist der Garant für den Sieg der Wahrheit und dafür, dass die Welt zur Vollkommenheit in ihrer höheren Einheit voranschreitet. Jeder Krieg gegen die Freiheit stärkt die Falschheit und gibt den Kräften der Finsternis mehr Raum, so dass sie das im Menschen leuchtende Licht auslöschen. Das Licht, durch das er mit dem gesamten Sein vom Anbeginn bis in Ewigkeit Verbindung aufnimmt - ein Band der Harmonie, Liebe und Einheit und nicht ein Band der Entfremdung und des Untergangs.

 

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Muhammads Abneigung gegen den Kampf

Mit dieser Ausrichtung des Denkens war die Offenbarung seit der Auswanderung auf Muhammad herabgekommen. Sie ließ ihn sich dem Frieden zuwenden und dem Kampf, den er sein ganzes Leben hindurch zielstrebig zu vermeiden suchte, gegenüber abgeneigt sein. Nur im Notfall - zur Verteidigung der Freiheit, der Religion und des Glaubens - griff er auf das Mittel des Kampfes zurück.

Sagten die Einwohner Jathribs, die ihm das zweite Treuegelöbnis von Akaba gegeben hatten, nicht zu ihm, als sie den Lauscher hörten, wie er die Quraisch gegen sie rief und ihre Sache verriet: “Bei Allah, DER dich mit der Wahrheit sandte, wenn du willst, ziehen wir morgen unsere Schwerter gegen die Bewohner von Mina“? Doch seine Antwort lautete: “Das ist uns nicht befohlen worden.“

Hatte nicht die erste Aya, der hinsichtlich des Kampfes geoffenbart wurde, folgenden Wortlaut:

„Er ist denen erlaubt, die bekämpft werden, da sie unterdrückt wurden, und Allah hat gewiss Macht, ihnen zu helfen“?

War nicht die Aya, der dem ersten in der Angelegenheit des Kampfes folgte, das Wort des Erhabenen:

„Und bekämpft sie, bis es keine Versuchung mehr gibt und die Religion völlig für Allah ist“?

Muhammads Denken war folglich auf ein einziges oberstes Ziel ausgerichtet: die Gewährleistung der Glaubens- und Meinungsfreiheit, um derentwillen allein der Kampf erlaubt war. Zu ihrer Verteidigung war die Bekämpfung des Angreifers gestattet, bis niemand mehr wegen seiner Religion Versuchungen ausgesetzt und niemand mehr aufgrund seines Glaubens und seiner Ansicht unterdrückt würde.

 

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Die Überlegungen der Bevölkerung Jathribs

Während Muhammad so über die Angelegenheiten Jathribs und die dort zur Gewährleistung der Freiheit erforderlichen Maßnahmen nachdachte, stellte von den Bewohnern dieser Stadt, die ihn empfingen, jede Gruppe andere Überlegungen an: Es lebten damals in Jathrib Muslime von den Muhadschirun und den Ansar, Polytheisten von den noch am Leben gebliebenen Aws und AI Hazradsch, zwischen denen die bekannte Feindschaft bestand, und die Juden, von denen die Banū Kainuka im Innern der Stadt, die Banū Kuraiza in Fadak, die Banū An Nadir in deren Nähe und die Juden von Khaibar nördlich von Jathrib wohnten.

Was die Muhadschirun und Ansar betraf, so hatte die neue Religion sie bereits mittels eines festen Bandes zusammengebracht. Dennoch machte sich Muhammad Sorgen, dass der alte Hass zwischen ihnen eines Tages wieder ausbrechen könnte. Er versuchte, einen Weg zu finden, wie jeder Zweifel dieser Art beseitigt werden könnte. Diese Überlegungen sollten später zum Tragen kommen.

Die Polytheisten von den noch am Leben gebliebenen Aws und Hazradsch fanden sich erschöpft von den stattgefundenen Kämpfen und geschwächt zwischen den Muslimen und Juden und setzten alles daran, Streit zwischen den beiden hervorzurufen.

Die Juden ihrerseits zögerten nicht, Muhammad aufs beste zu empfangen. Sie nahmen an, es werde ihnen gelingen, ihn für sich zu gewinnen, und dass er in ihre Reihen treten würde und sie seine Hilfe bei der Vereinigung der arabischen Halbinsel in Anspruch nehmen könnten, um sich dann gegen das Christentum zu stellen, das die Juden, das auserwählte Volk Allahs, aus Palästina, dem Gelobten Land und ihrer nationalen Heimat, vertrieben hatte.

So beeilte sich jeder entsprechend seiner Überlegungen, den Weg für die Erreichung seines Ziels zu bahnen.

Hier beginnt im Leben Muhammads ein neuer Abschnitt, wie es ihn im Leben der früheren Propheten und Gesandten noch nie gegeben hatte. Hier beginnt der politische Abschnitt, in dem Muhammad so viel Geschick, Befähigung und Weisheit zeigte, dass es beim Betrachter zunächst Verwunderung hervorruft und ihn dann mit vor Erhabenheit und Große gesenktem Haupt innehalten lässt. Muhammads größtes Anliegen war, in Jathrib, seiner neuen Heimat, zu einer im Jemen zwar längst bekannten, im Hidschāz aber bislang unbekannten politischen und organisatorischen Einheit zu gelangen. Er beriet sich mit Abu Bakr und Umar - seinen beiden Wesiren, wie er sie zu nennen pflegte. Das erste, auf das er der Natur der Lage entsprechend seine Gedanken richtete, war die Ordnung der Reihen der Muslime und die Festigung ihrer Einheit - um jeden Zweifel zu beseitigen, dass die alte Feindschaft zwischen ihnen wieder ausbrechen könnte.

 

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Die Verbrüderung unter den Muslimen

Zur Verwirklichung dieses Ziels rief er die Muslime auf, sich paarweise zu Brüdern in Allah zusammenzuschließen. So waren er und Ali Ibn Abu Talib zwei Brüder. Sein Onkel Hamza und sein Schutzbefohlener Zaid waren zwei Brüder. Abu Bakr und Khadidscha Ibn Zaid waren zwei Brüder. Umar Ibn al-Khattāb und Itban Ibn Malik AI Hazradschi waren zwei Brüder. Und desgleichen verbrüderte sich jeder einzelne der Muhadschirun, deren Zahl in Jathrib groß geworden war, nachdem auch die in Mekka Zurückgebliebenen nach der Auswanderung des Gesandten dort eingetroffen waren, mit einem der Ansar in einer Brüderlichkeit, die der Gesandte der Blutsbruderschaft gleich achtete. Durch diese Bruderschaft nahm die Einheit der Muslime an Intensität zu.

Die Ansar zeigten ihren Brüdern von den Muhadschirun große Gastfreundschaft, was diese zuerst freudig annahmen. Denn sie hatten Mekka verlassen und sich von ihrem Besitz an Geld und Lebensunterhalt getrennt und waren nach Medina gekommen, oft ohne das Nötigste zu haben. Niemand von ihnen war wohlhabend und begütert außer Uthman Ibn Affan. Von den übrigen hatten nur wenige etwas von Mekka mitgebracht, das ihnen von Nutzen war. Sogar Hamza, der Onkel des Gesandten, ging eines Tages mit der Bitte zu diesem, Nahrung für ihn zu finden.

Abd Ar Rahman Ibn Auf und Sad Ibn Ar Rabi waren zwei Brüder, und Abd Ar Rahman besaß nichts in Jathrib. So bot Sad ihm an, sein Geld mit ihm zur Hälfte zu teilen. Abd Ar Rahman lehnte jedoch ab und bat ihn, ihn zum Markt zu führen, wo er Butter und Käse zu verkaufen begann. Durch Geschick im Handel kam er alsbald zu Wohlstand und konnte einer der Frauen Medinas die Mitgift zur Heirat geben und eine Handelskarawane unterhalten. Viele der Muhadschirun neben Abd Ar Rahman taten es ihm gleich. Denn diese Mekkaner verfügten über eine solche Beschlagenheit in Handelsdingen, dass es über sie hieß, sie verwandelten durch Handel den Sand der Wüste in Gold.

Was nun aber jene betraf, die nicht im Handel tätig waren, wie Abu Bakr, Umar, Ali Ibn Abu Talib und andere, so arbeiteten ihre Familien in der Landwirtschaft auf den Ländereien der Ansar in einem Pachtverhältnis.

Wieder andere erlitten ein Leben der Härte und des Leids. Aber sie weigerten sich, auf Kosten anderer zu leben. So verrichteten sie Schwerarbeit und fanden dadurch die Annehmlichkeit der inneren Ruhe für sich und ihren Glauben, die sie in Mekka nicht gefunden hatten.

Dennoch gab es eine Gruppe unter den Arabern, die nach Medina gekommen und Muslime geworden waren und sich im Zustand solcher Armut und solchen Elends befanden, dass sie noch nicht einmal ein Obdach hatten. Ihnen wies Muhammad die „Suffa“ der Moschee zu (einen überdachten Platz in ihr), wo sie übernachteten und Unterkunft fanden. Sie wurden deshalb „Ahl As Suffa“ genannt.

Er verpflegte sie aus dem Vermögen der Muslime von den Muhadschirun und Ansar, denen Allah reichliche Versorgung gegeben hatte.

Muhammad war mit der dieser Bruderschaft entspringenden Einheit der Muslime zufrieden. Es handelte sich zweifellos um eine politische Weisheit, die Urteilsvermögen und Weitsicht erkennen lässt. Dies werden wir ausführlich darlegen, wenn wir uns mit dem Versuch der Heuchler beschäftigen, Zwietracht zwischen Aws und Hazradsch unter den Muslimen sowie zwischen den Muhadschirun und den Ansar zu stillen, um deren Sache zu verderben.

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Muhammads Freundlichkeit gegenüber den Juden

Die wirklich bedeutsame politische Tat Muhammads, die höchstes Urteilsvermögen zeigt, bestand jedoch darin, dass er die Einheit Jathribs verwirklichte und eine politische Ordnung unter Einbeziehung der Juden auf einer soliden Grundlage von Freiheit und Bündnisverhältnis erreichte.

Wir haben bereits gesehen, wie die Juden ihn aufs beste empfingen, in der Hoffnung, ihn für ihre Reihen zu gewinnen. Er hatte denn auch keinen Augenblick gezögert, ihren Gruß mit gleichem zu erwidern und seine Beziehung zu ihnen zu vertiefen. Er redete mit ihren Führern, und ihre maßgeblichen Persönlichkeiten bemühten sich um seine Gunst. In Anbetracht dessen, dass sie monotheistische Schriftbesitzer waren, schloss er sich mittels der Bande der Freundlichkeit mit ihnen zusammen. Dies ging so weit, dass er am Tag ihres Fastens fastete und seine Gebetsrichtung nach Jerusalem war, wohin sowohl sie als auch die Kinder Israels ihre Blicke wandten. Jeden Tag nahmen Freundlichkeit und Nähe zwischen ihm und den Juden zu. Sein Verhalten, seine überaus ausgeprägte Bescheidenheit, sein tiefes Mitgefühl, sein gütiges Herz, seine überströmende Güte gegenüber den Armen, Leidenden und Verstoßenen und sein daraus resultierendes Prestige unter der Bevölkerung Jathribs führten zum Abschluss von Freundschaftsverträgen, Bündnissen und der Festlegung der Glaubensfreiheit zwischen ihm und ihnen: Verträgen, die zu den politischen Zeugnissen der Geschichte gehören, die Bewunderung verdienen.

In diesem Abschnitt des Lebens des Gesandten war er allen Propheten bzw. Gesandten voraus. Jesus, Moses und die ihnen vorangegangenen Propheten waren über den eigentlichen religiösen Aufruf, nämlich den Menschen die Religion sowohl durch Argumentationen als auch durch das Vollbringen von Wundern nahe zu bringen, nicht hinausgegangen. Sodann hatten sie es den Politikern und Machthabern nach ihnen überlassen, diesen Aufruf mittels politischer Macht und mittels Verteidigung der Glaubensfreiheit der Menschen und wenn nötig durch bewaffnete Verteidigung, also Kampf und Krieg, zu verbreiten.

Das Christentum breitete sich nach Jesus durch die Jünger aus. Sie und ihre Anhänger litten bis zum Kommen eines Königs, dessen Herz sich gegenüber dieser Religion geneigt zeigte und sie annahm und verbreitete, unter Peinigungen. Ähnlich verhielt es sich mit den übrigen Religionen der Welt.

Was nun aber Muhammad betraf, so wollte Allah die Verbreitung des Islam und den Sieg des Wortes der Wahrheit durch ihn selbst vollbringen lassen. ER wollte, dass er Gesandter, Politiker, Kämpfer und Eroberer sei für Allah und das Wort der Wahrheit, mit dem er entsandt worden war. In all dem war Muhammad hervorragend und das Ideal wirklicher menschlicher Vollkommenheit. Muhammad fertigte ein gemeinsames Schriftstück für die Muhadschirun und Ansar. Darin traf er mit den Juden eine Abmachung, die ihnen ihre Religion und ihr Vermögen zusicherte und ihre Rechte und Pflichten festlegte. Der Wortlaut dieses Dokumentes lautet wie folgt:

„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Dies ist ein Vertrag von Muhammad, dem Propheten, zwischen den Gläubigen und Muslimen von den Quraisch und von Jathrib und denjenigen, die ihnen folgen, sich ihnen anschließen und sich mit ihnen bemühen: Sie bilden eine einzige Gemeinschaft unter Ausschluss der übrigen Menschen.

Die Muhadschirun von den Quraisch bezahlen ihrer Sitte gemäß das Blutgeld untereinander und lösen ihre Gefangenen mit dem geziemenden Entgegenkommen und der Gerechtigkeit unter den Gläubigen aus. Die Banū Auf bezahlen gemäß ihrer früheren Sitte ihr Blutgeld, und jede Sippe löst ihre Gefangenen mit dem geziemenden Entgegenkommen und der Gerechtigkeit unter den Gläubigen aus.“

Dann werden jede Sippe der Ansar und die Angehörigen eines jeden Hauses erwähnt: Banū al-Harith, Banū Saida, Banū Dschuscham, Banū An Naddschar, Banū Amr Ihn Auf und Banū An Nabit, bis es hiernach heißt:

„Die Gläubigen lassen keinen mit Schulden Belasteten und kein Familienmitglied unter sich, ohne ihm in Billigkeit an Auslösung oder Sühnegeld zu geben. Kein Gläubiger verbündet sich mit dem Schutzbefohlenen eines Gläubigen ohne diesen Gläubigen. Die gottesfürchtigen Gläubigen sind gegen jeden von ihnen, der Unrecht, Sünden, Feindseligkeiten oder Schlechtigkeiten unter den Gläubigen begeht oder erstrebt, und sie helfen allesamt gegen ihn, selbst wenn es jemandes Sohn von ihnen wäre. Kein Gläubiger tötet einen Gläubigen als Vergeltung für einen Ungläubigen, noch hilft er einem Ungläubigen gegen einen Gläubigen. Der Schutz Allahs ist unteilbar, und der Niedrigstehendste von ihnen nimmt sie unter seinen Schutz. Die Gläubigen sind unter Ausschluss der übrigen Menschen einander verpflichtet.

Wer uns von den Juden folgt, dem stehen Hilfe und Gleichberechtigung zu: ihnen wird weder Unrecht getan, noch wird gegen sie Unterstützung gewährt.

Der Friede der Gläubigen ist unteilbar: kein Gläubiger schließt ohne einen anderen Gläubigen im Kampf, der um Allahs willen geführt wird, Frieden, es sei denn auf der Basis von Gleichheit und Gerechtigkeit unter ihnen. Jeder, der mit uns einen Kriegszug unternimmt, folgt jeweils dem anderen nach. Die Gläubigen vergelten jeweils das Blut für einen, das dieser um Allahs willen hingegeben hat.

Die gottesfürchtigen Gläubigen folgen dem Besten und Wahrhaftigsten an Rechtleitung.

Kein Polytheist nimmt Vermögen oder Personen der Quraisch unter seinen Schutz, noch verhindert er es gegenüber einem Gläubigen.

Wenn jemand einen Gläubigen ohne rechtlichen Grund erwiesenermaßen vorsätzlich tötet, so ist ihm Gleiches mit Gleichem zu vergelten, es sei denn, die Verwandten des Ermordeten sich zufrieden geben; und die Gläubigen stehen alle zusammen gegen ihn, und nichts ist ihnen erlaubt außer, dass sie sich gegen ihn erheben. Keinem Gläubigen, der sich zu dem bekennt, was in diesem Vertrag steht, und an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, ist es gestattet, einem Verbrecher zu helfen oder ihn bei sich aufzunehmen. Wer ihm hilft oder ihn bei sich aufnimmt, über den kommen am Tag der Auferstehung der Fluch Allahs und SEIN Zorn. Weder Bezahlung noch Redlichkeit werden von ihm angenommen.

Wenn immer ihr auch in etwas uneinig seid, so ist es Allah und Muhammad zu unterbreiten.

Die Juden geben mit den Gläubigen von ihrem Vermögen, solange sie beide Kriegsführende sind. Die Juden der Banū Auf sind im Verhältnis zu den Gläubigen eine Gemeinschaft: die Juden haben ihre Religion, und die Muslime haben ihre Religion, und zwar sowohl ihre Schutzbefohlenen als auch sie selbst. Ausgenommen ist, wer Unrecht tut bzw. sündigt; und der ruiniert niemanden außer sich selbst und die Angehörigen seines Hauses.

Für die Juden der Banū An Naddschar, die Juden der Banū AI Harith, die Juden der Banū Saida, die Juden der Banū Dschuscham, die Juden der Banū Aws und die Juden der Banū Thalaba sowie für Dschafna und die Banū Asch Schutaiba gilt das gleiche wie für die Juden der Banū Auf. Die Schutzbefohlenen der Thalaba sind ihnen gleich. Und das Gefolge der Juden ebenso.

Niemand von ihnen zieht ohne Genehmigung Muhammads aus und begleicht eine Verletzung durch Vergeltung. Wer jemanden umbringt, bringt sich selbst und seine Familie um, mit Ausnahme dessen, dem Unrecht geschehen war, und Allah steht auf der Seite des Besseren.

Den Juden obliegen ihre Ausgaben und den Muslimen ihre Ausgaben. Sie helfen einander gegen jeden, der die an diesem Vertrag Beteiligten bekämpft. Unter ihnen herrschen Beratung und freundschaftliche Ermahnung und Güte anstelle von Schlechtigkeiten. Keinen trifft jedoch das Vergehen eines Verbündeten. Hilfe steht dem zu, dem Unrecht geschah. Die Juden geben mit den Gläubigen von ihrem Vermögen, solange sie beide Kriegsführende sind.

Das Innere Jathribs ist für die an diesem Vertrag Beteiligten ein unverletzlicher Ort. Der Nachbar ist einem selbst gleichgestellt, außer er fügt Schaden zu bzw. begeht Verbrechen. Niemand wird ohne Zustimmung seiner Familie in Schutz genommen. Jeder Vorfall und jeder Streit, der sich unter den an diesem Vertrag Beteiligten ereignet und dessen Schlechtigkeit befürchtet wird, ist Allah und Muhammad, Allahs Gesandten, zu unterbreiten; und Allah ist mit der Gottesfurcht hinsichtlich dessen, was in diesem Vertrag steht, zufrieden.

Weder die Quraisch noch diejenigen, die ihnen helfen, werden in Schutz genommen. Man gewährt einander Unterstützung gegen jeden, der Jathrib überfällt, und wenn sie aufgerufen werden, Frieden zu schließen, so sollen sie Frieden schließen. Und wenn jene zu desgleichen aufrufen, so steht ihnen dies gegenüber den Gläubigen zu mit Ausnahme dessen, der die Religion bekämpft; jeder Gruppe ist ihr Anteil gemäß ihrer Stärke. Den Schutzbefohlenen der Juden von Aws und ihnen selbst steht dasselbe zu wie den Beteiligten an diesem Vertrag einschließlich der aufrichtig erwiesenen Güte seitens der Beteiligten an diesem Vertrag.

Die Güte schließt jede Freveltat aus. “Niemand erwirkt etwas außer für sich selbst.

Allah verbürgt die Wahrheit und Gültigkeit dessen, was in diesem Vertrag steht, und ist damit zufrieden. Dieser Vertrag gibt einem Ungerechten oder einem Verbrecher keinen Schutz. Wer auszieht und wer zurückbleibt, jeder soll in dieser Stadt sicher sein mit Ausnahme dessen, der Unrecht oder Verbrechen begeht. Und Allah ist der Beschützer dessen, der fromm und gottesfürchtig ist.“

 

 

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Ein Neubeginn im politischen Leben

Das ist das politische Dokument, das Muhammad (s.a.s.) vor vierzehn Jahrhunderten niederschrieb und das die Glaubens- und Meinungsfreiheit, die Unantastbarkeit der Stadt, des Lebens und des Vermögens sowie das Verbot von Verbrechen festlegte. Dies stellt einen Neubeginn im politischen und zivilen Leben in der Welt der damaligen Zeit dar, jener Welt, in der Willkür herrschte und das Unrecht sein Unwesen trieb.
Wenn die Juden der Banu Kuraiza, Banu An Nadir und Banu Kainuka sich auch nicht an der Unterzeichnung dieses Dokumentes beteiligten, so dauerte es doch nicht lange, bis sie einen ähnlichen Vertrag zwischen sich und dem Propheten verfassten. So wurden Medina und sein Umland zu etwas Unantastbarem für ihre Bewohner. Es oblag ihnen, es zu schützen und gegen jeden Feind zu verteidigen sowie sich gegenseitig für die Beachtung dessen, was dieses Dokument an Rechten und Formen der Freiheit festlegte, zu verbürgen.

 

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Die Heirat des Propheten mit Aischa

Muhammad (s.a.s.) war mit diesem Ergebnis zufrieden. Die Muslime fühlten sich in ihrer Religion sicher und begannen, deren göttliche Vorschriften sowohl in Gemeinschaft als auch als Einzelperson zu praktizieren, ohne Angst vor Schaden zu haben oder Anfechtung zu fürchten.
Zu dieser Zeit vollzog Muhammad (s.a.s.) die Ehe mit Aischa, der Tochter von Abu Bakr, die zehn oder elf Jahre alt war. Sie war ein zartes Mädchen mit hübschen Gesichtszügen und angenehmen Umgangsformen. Sie entwickelte sich hinsichtlich ihrer Reife vom Kind zur jungen Frau, war voller Begeisterung für Spiel und Frohsinn und von schönem Wuchs. Sie fand in Muhammad (s.a.s.) in der ersten Zeit ihrer Ehe in ihrer Wohnung, die neben der von Sauda dicht bei der Moschee lag, einen gütigen, mitfühlenden Vater und innigen, schonungsvollen Ehemann, der es ihr nicht untersagte, mit ihrem Spielzeug zu spielen und sich damit die Zeit zu vertreiben. Sie lenkte ihn damit von seiner ständigen Beschäftigung mit der gewaltigen Bürde, die ihm aufgetragen war, und von den politischen Angelegenheiten Jathribs ab, die er gerade aufs beste auszurichten begonnen hatte.

 

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Der Gebetsruf

In dieser Zeit, in der die Muslime sich in ihrer Religion sicher fühlten, wurden die Sozialabgabe und das Fasten zur Pflicht erklärt und die der menschlichen Handlungsfreiheit gesetzten Grenzen festgelegt. Der Islam nahm in Jathrib an Stärke zu.
Als Muhammad (s.a.s.) nach Medina gekommen war, versammelten sich die Menschen zu den Gebetszeiten ohne Gebetsruf um ihn. Er dachte nun daran, mit einer Trompete zum Gebet zu rufen, wie die Juden es taten. Die Trompete missfiel ihm jedoch, und er gab die Anweisung, eine Glocke zu verwenden, die für das Gebet geschlagen werden sollte, so wie es die Christen taten.
Nachdem er sich jedoch einer Überlieferung zufolge mit Umar und einer Gruppe von Muslimen beraten bzw. - einem anderen Bericht zufolge - Allah (t.) ihm mittels Offenbarung einen Befehl gegeben hatte, wandte er sich auch von der Glocke ab und dem Gebetsruf zu und sagte zu Abdullah Ibn Zaid Ibn Thalaba: "Mach dich mit Bilal auf und trage sie" - d.h. die Fassung des Gebetsrufes - "ihm vor. Dann soll er damit zum Gebet rufen, denn er hatte eine schönere Stimme als du."
Eine Frau von den Banu Naddschar besaß neben der Moschee ein Haus, das höher war als die Moschee, und Bilal pflegte auf dessen Dach zu steigen und von dort zum Gebet zu rufen. Von da an hörten alle Bewohner Jathribs vom Morgengrauen eines jeden Tages an den Ruf zum Islam mit schöner, wohlklingender Stimme in singend rezitierender Weise vorgetragen. Bilal sandte seinen Ruf mit jedem Windhauch in alle Richtungen. Sein Ruf drang in das Ohr des Lebens:
"Allah ist am größten! Allah ist am größten!
Allah ist am größten! Allah ist am größten!
Ich bezeuge, dass es außer Allah keinen Gott gibt!
Ich bezeuge, dass es außer Allah keinen Gott gibt!
Ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist!
Ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist!
Kommt zum Gebet! Kommt zum Gebet!
Kommt zum Heil! Kommt zum Heil!
Allah ist am größten! Allah ist am größten!
Außer Allah gibt es keinen Gott!"
So wandte sich die Furcht der Muslime in Sicherheit, und Jathrib wurde zur "Madina An Nabij". Die Nichtmuslime unter seiner Bevölkerung begannen, die Stärke der Muslime zu erkennen, eine Stärke, die der Tiefe der Herzen entsprang, die um des Glaubens willen Opfer erfahren und deswegen Schaden erlitten hatten. An diesem Tag wurden die Früchte der Geduld geerntet und die Glaubensfreiheit genossen, die der Islam bestimmt hatte: Dass kein Mensch vor einem anderen Vorrang hat; dass alle Religion und Anbetung allein für Allah (t.) ist; und dass die Menschen vor IHM gleich sind und ihnen nur nach ihren Taten und der diesen Taten zugrundeliegenden Absicht vergolten wird.
Muhammad (s.a.s.) erhielt weiten Spielraum, um seine Lehre zu verkünden, durch sein Leben und sein Verhalten das erhabenste Beispiel für diese Lehre zu sein und dadurch den Grundstein für die islamische Zivilisation zu legen.

 

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Die Brüderlichkeit - Grundlage der islamischen Zivilisation

Dieser Grundstein war die menschliche Brüderlichkeit, die den Glauben eines Mannes erst vollkommen sein lässt, wenn er für seinen Bruder liebt, was er für sich selbst liebt, und mit ihm in dieser Brüderlichkeit zu Güte und Barmherzigkeit gelangt, die frei von Schwäche und Unterwürfigkeit ist.
Ein Mann fragte Muhammad (s.a.s.): "Wessen Islam ist am besten?" Er antwortete: "Wer zu essen gibt und den Gruß entbietet gegenüber dem, den er kennt, und dem, den er nicht kennt."
In seiner ersten Freitags? predigt, die er in Medina hielt, sagte er: "Wer sein Gesicht vor dem Feuer zu schützen vermag, und sei es nur durch ein Stück Dattel, soll es tun, und wer auch dies nicht findet, soll es durch ein gutes Wort tun, denn es wird ihm mit einer Wohltat zehnfach vergolten." Und in seiner zweiten Predigt sagte er: "Dient Allah und gesellt IHM nichts bei und fürchtet IHN, wie es IHM gebührt, und seid wahrhaftig gegenüber Allah durch tugendhafte Rede und liebt einander im Geiste Allahs (t.) . Wahrlich, Allah (t.). zürnt, wenn SEIN Vertrag verletzt wird."
Auf diese und auf ähnliche Art sprach er zu seinen Gefährten und predigte den Menschen in seiner Moschee, an einen ihr Dach tragenden Palmstamm gelehnt. Später ließ er sich ein Podest von drei Stufen errichten, auf dessen erster Stufe er stehend zu predigen und auf dessen zweiter Stufe er zu sitzen pflegte.

 

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Die Brüderlichkeit Muhammads (s.a.s.) und der Muslime

Seine Worte waren nicht die einzige Stütze des Aufrufes zu dieser Brüderlichkeit, die er zu einem Eckstein in der islamischen Zivilisation machte. Vielmehr verkörperten auch seine Taten und sein Beispiel diese Brüderlichkeit in höchster Vollkommenheit. Er war der Gesandte Allahs , aber er lehnte es ab, wie ein Machthaber, König oder Führer auf Zeit aufzutreten. Er pflegte zu seinen Gefährten zu sagen: "Preist mich nicht, wie die Christen den Sohn der Maria preisen, denn ich bin der Diener Allahs (t.) ; sagt also: der Diener Allahs (t.) und SEIN Gesandter." Als er einmal auf einen Stock gestützt zu einer Versammlung seiner Gefährten hinausging, standen sie für ihn auf. Da sagte er: "Steht nicht auf, wie die Nichtaraber aufstehen, um sich gegenseitig zu ehren."
Wenn er unterwegs auf seine Gefährten traf, setzte er sich in die hinterste Reihe ihrer Versammlung. Er pflegte mit seinen Gefährten zu scherzen, sich unter sie zu mischen, sich mit ihnen zu unterhalten, mit ihren Kindern zu spielen und sie auf seinen Schoß zu setzen sowie den Wünschen sowohl der Freien als auch der Sklaven, der Dienerin und der Armen gleichermaßen nachzukommen. Er besuchte die Kranken im entferntesten Teil Medinas, und wenn sich jemand entschuldigte, nahm er die Entschuldigung an. Wenn er jemanden traf, grüßte er zuerst, und seinen Gefährten gab er als erster die Hand. Niemand setzte sich zu ihm, wenn er betete, ohne dass er sein Gebet kurz fasste und ihn dann nach seinem Wunsch fragte; und erst, wenn er sich mit ihm befasst hatte, wandte er sich wieder seinem Gebet zu.
Er war der Frohmütigste unter den Menschen und der, der am häufigsten lächelte, wenn ihm nicht gerade der Qur´aan geoffenbart wurde oder er ermahnte oder predigte. Zu Hause war er seiner Familie zu Diensten, reinigte seine Kleidung und besserte sie aus, molk sein Schaf, flickte seine Sandalen, sorgte für sich selbst, band das Kamel an, aß mit dem Diener und tröstete den Schwachen, Notleidenden und Armen. Wenn er jemanden in misslichen Umständen sah, zog er ihn sich und seiner Familie vor, sogar wenn sie selbst Mangel litten. Er hob deshalb nichts für das Morgen auf, und als er starb, war sogar seine Rüstung für Nahrung für seine Familie bei einem Juden verpfändet.
Er war voller Demut und zutiefst treu. Als der Negus eine Delegation entsandte, erhob er sich, um sich ihnen dienstbar zu machen. Da sagten seine Gefährten zu ihm: "Lass es genug sein!" Doch er antwortete: "Sie haben unsere Gefährten geehrt, und ich möchte mich ihnen erkenntlich zeigen."
Seine Treue ging so weit, dass er über Chadidscha nur das Beste erzählte, so dass Aischa zu sagen pflegte: "Aufgrund dessen, was ich ihn über sie sagen hörte, war ich auf keine Frau so eifersüchtig wie auf Chadidscha."
Als einst eine Frau zu ihm kam, empfing er sie freundlich und fragte sie sehr höflich nach ihrem Befinden. Als sie gegangen war, sagte er: "Sie pflegte zur Zeit Chadidschas zu uns zu kommen, und gute Bekanntschaft ist ein Bestandteil des Glaubens."

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Muhammads (s.a.s.) Güte zu Tieren

Seine Güte und Barmherzigkeit, die er zu Stützen der Brüderlichkeit gemacht hatte, auf deren Grundlage die neue Zivilisation ruhte, machten beim Menschen nicht Halt, sondern erstreckten sich ebenso auf die Tiere. Er pflegte selbst aufzustehen, um die Tür für eine Katze zu öffnen, die bei ihm Zuflucht suchte. Und er hatte die Gewohnheit, einen kranken Hahn selbst zu pflegen sowie sein Pferd mit dem Ärmel seines Hemdes abzureiben.
Aischa ritt einmal auf einem widerspenstigen Kamel und behandelte es hart. Da sagte er zu ihr: "Sei gütig!" So war seine Barmherzigkeit allumfassend und barg jeden, der ihrer bedurfte, in ihrem Schatten.

 

 

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Die Brüderlichkeit hinsichtlich Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Es war eine Barmherzigkeit, die weder aus Schwäche oder Unterwürfigkeit herrührte noch durch den Makel der Vorhaltung oder der Überheblichkeit getrübt wurde. Es war vielmehr eine Brüderlichkeit um Allahs (t.) willen zwischen Muhammad (s.a.s.) und all seinen Anhängern. Von daher unterscheidet sich die Grundlage der islamischen Zivilisation in vielem von den übrigen Zivilisationen. Der Islam stellt die Gerechtigkeit an die Seite der Brüderlichkeit und geht davon aus, dass es Brüderlichkeit ohne Gerechtigkeit nicht gibt.
"Und wenn euch jemand angreift, so greift ihn in gleichem Maße an wie er euch angreift."
"Und in der Vergeltung liegt für euch Leben, o ihr Verständigen."
Es ist notwendig, dass allein der seelische Beweggrund, der absolut freie Wille und das Streben nach der Richtschnur Allahs (t.) ohne irgendeine andere Erwägung der Ausgangspunkt der Brüderlichkeit und der von ihr geforderten Güte und Barmherzigkeit sind. Sie muss der starken Seele entspringen, die keine Unterwerfung denn unter Allah (t.) kennt und im Namen der Frömmigkeit oder Gottesfurcht weder schwach wird noch ermattet. Weder Furcht noch Mutlosigkeit machen sich in ihr breit außer wegen begangenen Ungehorsams oder wegen einer verübten Sünde.
Die Seele ist nicht stark, solange sie fremdbeherrscht ist; noch ist sie stark, solange sie von ihren Begierden und Leidenschaften besiegt wird. Muhammad (s.a.s.) und seine Gefährten waren ja aus Mekka ausgewandert, um der Beherrschung durch die Kuraisch zu entgehen und damit deren Nachstellungen niemanden von ihnen schwäche. Und die Seele unterwirft sich ihren Begierden und Leidenschaften, wenn der Körper über den Geist herrscht und die Leidenschaft über den Verstand die Oberhand gewinnt und wir dem äußeren Leben Macht über das innere einräumen. Obwohl wir dessen unbedürftig sind und die Macht darüber besitzen!

 

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Muhammads (s.a.s.) Bewältigung des Lebens

Muhammad (s.a.s.) war das beste Beispiel solch ausgeprägten Vermögens, das Leben meistern zu können, dass er nicht zögerte, jemand anderem alles zu geben, was er hatte. Einer von ihnen sagte: "Muhammad gibt wie einer, der keine Armut fürchtet."
Damit nichts im Leben über ihn Macht haben konnte und stattdessen er alle Fähigkeit zur Bewältigung des Lebens besaß, war er bezüglich dessen materieller Dinge voller Entsagung. Denn er hatte heftiges Verlangen danach, das Leben völlig zu erfassen sowie seine Geheimnisse und die höchste Wahrheit ihm zu erkennen.

 

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Enthaltsamkeit in Ernährung und Kleidung

Entsagung des Materiellen ging so weit, dass sein Lager, auf dem er schlief, aus einer mit Palmfasern gefüllten Lederhaut bestand; dass er sich niemals satt aß; dass er Gerstenbrot nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu sich nahm; und dass Brei seine Hauptmahlzeit und Datteln seine Speise für den Rest des Tages zu sein pflegten. Tharid hatten er und seine Familie nie genug zum Essen. Er litt mehr denn einmal Hunger bis zu einem Ausmaß, dass er einen Stein auf seinen Bauch drückte, um sein Magenknurren zu unterdrücken. Für diese Enthaltsamkeit bei seinem Essen war er bekannt; sie hinderte ihn jedoch nicht, manchen Leckerbissen zu genießen. Man wusste um seine Vorliebe für Lammkeule, Kürbis, Honig und Süßigkeiten.
Seine Enthaltsamkeit in der Kleidung entsprach der im Essen. Eines Tages gab ihm eine Frau ein Gewand, das er benötigte; und einer von ihnen bat ihn um etwas, das er als Leichentuch für einen Toten nehmen könnte. Da gab er ihm das Gewand.
Seine übliche Kleidung waren ein langes Hemd und ein langes Gewand aus Wolle, Baumwolle oder Leinen. Dennoch war er zuweilen nicht abgeneigt, bei bestimmten Gelegenheiten ein prächtiges Gewand aus gewebtem Stoff aus dem Jemen anzuziehen. Er trug einfaches Schuhwerk und niemals Pantoffeln, bis der Negus ihm ein Paar Pantoffeln und Hosen schickte.
Diese Enthaltsamkeit und dieses Verschmähen der diesseitigen Welt waren weder Askese um ihrer selbst willen noch gehörten sie zu den Pflichten der Religion. Heißt es doch bereits im Qur´aan:
"Esst von dem Gutem, mit dem WIR euch versorgten"" , (2, V.57)
und:
"Erstrebe in dem, was Allah dir gab, die jenseitige Wohnstätte und vergiss nicht deinen Anteil am Diesseits und tu Gutes, so wie Allah dir Gutes tat." (2, V. 77)
Und in der Überlieferung:
"Ackere für dein Diesseits, als lebtest du ewig, und arbeite für dein Jenseits, als stürbest du morgen."
Muhammad (s.a.s.) wollte den Menschen jedoch das erhabenste Beispiel für die Bewältigung des Lebens sein. Für eine Stärke, zu der die Schwäche keinen Zugang findet und deren Träger sich weder Hab und Gut noch Geld und Macht unterwirft noch sonst irgendetwas, was neben Allah (t.) noch jemand anderem über ihn Herrschaft verleiht. Die Brüderlichkeit, die sich auf diese Stärke stützt und die Merkmale aufweist, für die Muhammad (s.a.s.) das beste Beispiel gab, zeigt sich als echte Brüderlichkeit von besonders tiefer Aufrichtigkeit und Erhabenheit. Es ist eine ungetrübte Brüderlichkeit, denn die Gerechtigkeit ist in ihr eng mit der Barmherzigkeit verflochten und wer ihrer teilhaftig ist, möchte sie nur mit dem Willen zur völligen Freiheit in Beziehung setzen. Jedoch stellte der Islam, als er die Gerechtigkeit an die Seite der Barmherzigkeit stellte, auch die Vergebung an die Seite der Gerechtigkeit. Aber eine Vergebung aus Stärke heraus, auf dass der Ausdruck der Barmherzigkeit aufrichtig und echt und das ihr entspringende Streben nach Versöhnung ehrlich sein mögen.

 

 

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Muhammads (s.a.s.) Handlungsweise

Diese Grundlage, die Muhammad (s.a.s.) für die neue, von ihm errichtete Zivilisation festlegte, wird deutlich in einem Bericht von Ali Ibn Abu Talib zusammengefasst. Er habe den Gesandten Allahs nach seiner Handlungsweise gefragt, woraufhin dieser geantwortet habe:
"Weisheit ist mein Kapital, der Verstand der Grundsatz meiner Religion. die Liebe mein Fundament, Sehnsucht mein Reittier, Gedenken Allahs mein Wegbegleiter, Vertrauen mein Schatz, Trauer mein Gefährte, Wissen meine Waffe, Geduld mein Gewand, Zufriedenheit meine Ausbeute, Armut mein Stolz, Enthaltsamkeit mein Handwerk, Gewissheit meine Stärke, Wahrhaftigkeit mein Fürsprecher, Gehorsam mein Hauptinhalt und Bemühung meine Wesensart; und meine Freude liegt im Gebet."

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Erste Ängste der Juden

Diese Lehren Muhammads (s.a.s.) und sein Beispiel sowie seine Fähigkeiten hinterließen tiefe Spuren bei den Menschen. So dass viele den Islam annahmen und die Muslime in Medina weiter an Macht und Stärke zunahmen. Da begannen die Juden aufs neue, über ihre Haltung gegenüber Muhammad (s.a.s.) und seinen Gefährten nachzudenken. Sie hatten bereits einen Vertrag mit Ihm geschlossen und hofften nun, ihn für sich zu gewinnen und durch ihn gegenüber den Christen an Widerstandskraft und Stärke zu gewinnen. Doch er war stärker als Christen und Juden zusammen, und der Einfluss seines Wortes stieg immer mehr. Zudem erinnerte er sich des Beispiels der Kuraisch, dass sie nämlich ihn und die Muhadschirun aus Mekka vertrieben hatten und unter den Muslimen in seiner Religion anfochten, wen sie nur konnten.
Würden die Juden es zulassen, dass sein Ruf sich verbreitete und seine geistliche Macht sich ausweitete? Sich mit der Sicherheit unter seinem Schutz zufrieden geben, einer Sicherheit, die ihren Handel und Wohlstand vermehren würde? Vielleicht hätten sie sich damit begnügt, wären sie sich sicher gewesen, dass sein Ruf sich nicht auf die Juden erstrecken und unter dem einfachen Volk um sich greifen würde. Bestanden sie doch auf ihrer Lehre, keinen Propheten außerhalb der Kinder Israels anzuerkennen.

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Abdullah Ibn Salams Annahme des Islam

Als einer ihrer größten Rabbiner und Gelehrten, Abdullah lbn Salam, mit dem Propheten zusammentraf, zögerte er jedoch nicht, den Islam anzunehmen. Er gebot dies auch den Angehörigen seines Hauses, und sie wurden mit ihm Muslime. Abdullah fürchtete, wenn die Juden von seiner Annahme des Islam erfuhren, würden sie über ihn anders sprechen, als sie es zuvor zu tun pflegten. So bat er den Propheten, sie über ihn zu befragen, bevor jemand von ihnen über seine Annahme des Islam Bescheid wisse.
Sie sagten: "Er ist unser Gebieter und der Sohn unseres Gebieters, unser Rabbi und unser Gelehrter." Als dann Abdullah zu ihnen herauskam und ihnen klar wurde, was sich ereignet hatte, und er sie zum Islam aufrief, fürchteten sie die Folgen seines Falles. Sie verunglimpften ihn, verbreiteten über ihn in sämtlichen Wohnvierteln der Juden Verleumdungen und einigten sich darauf, sich gegen Muhammad (s.a.s.) zu verschwören und seine Prophetenschaft zu bestreiten. Sogleich scharten sich diejenigen der Al Aus und Al Chazradsch um sie, die beim Polytheismus geblieben oder nur aus Heuchelei Muslime geworden waren, um dadurch Vorteil zu erlangen bzw. den Bundesgenossen und Mächtigen zufrieden zu stellen.

 

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Die Wortfehde zwischen Muhammad (s.a.s.) und den Juden

Nun begann ein Wortkrieg zwischen Muhammad (s.a.s.) und den Juden, der verbissener und hinterlistiger als der zwischen ihm und den Kuraisch in Mekka war. In diesem jathribinischen Krieg wirkten Intrige, Heuchelei und Wissen um die vorangegangenen Propheten und Gesandten zusammen; all dies setzten die Juden nacheinander ein, um Muhammad (s.a.s.), seine Botschaft und seine Gefährten von den Muhadschirun und Ansar anzugreifen. Sie schmuggelten einige von ihren Rabbinern ein, die ihre Annahme des Islam zur Schau stellten und es vermochten, unter den Muslimen zu sitzen und in hohem Maß Gottesfurcht vorzutäuschen; danach äußerten sie dann und wann Zweifel und Verdacht und stellten Muhammad (s.a.s.) Fragen, von denen sie annahmen, sie würden bei den Muslimen ihren Glauben an ihn und an die von ihm verkündete Botschaft der Wahrheit ins Wanken bringen.
Den Juden schloss sich eine Gruppe von den Aus und Chazradsch an, die ebenfalls aus Heuchelei Muslime geworden waren, um Fragen zu stellen und Zwietracht unter den Muslimen zu stiften. Ihre Bemühungen gingen so weit, dass die Juden unter ihnen leugneten, was in der Thora stand. Und sie allesamt, die sie doch alle an Allah (t.) glaubten, seien es nun die Kinder Israels oder die Polytheisten, die ihre Götzen nahmen, damit sie sie Allah (t.) näher brächten, fragten Muhammad (s.a.s.): "Wenn Allah die Schöpfung erschuf, wer erschuf dann Allah?!" Muhammad (s.a.s.) antwortete ihnen mit den Worten des Erhabenen:
"Sprich, ER ist Allah , ein Alleiniger, Allah , von DEM alles abhängt. ER zeugt nicht und ward nicht gezeugt, und keiner ist IHM gleich." (112, V.1-3)

 

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Versuch der Zwietracht unter Al Aus und Al Chazradsch

Die Muslime begriffen das Vorhaben ihrer Gegner und erkannten das Ausmaß ihrer Anstrengung. Eines Tages sahen sie sie in der Moschee, wo sie sich mit gedämpften Stimmen beratschlagten, und vertrieben sie auf Geheiß Muhammads (s.a.s.) scheltend aus der Moschee. Dies hielt sie jedoch nicht von ihrem Plan und ihren Bemühungen ab, Zwietracht unter den Muslimen zu säen.
Einen von ihnen (Schas Ibn Kais), der an einer friedlich beieinandersitzenden Gruppe von Al Aus und Al Chazradsch vorbeikam, ärgerte der Friede unter ihnen, und er sagte sich: die Gruppen der Banu Kaila haben sich in diesem Land bereits vereinigt. Wir werden in ihm nicht ruhig leben können, wenn sich ihre Gruppen in ihm einig sind. Er befahl einem Jüngling von den Juden, der bei ihnen war, die Gelegenheit zu ergreifen, den Tag von Buath und den Sieg der Al Aus über Al Chazradsch zu erwähnen. Der Junge sprach darüber und erinnerte die Leute an diesen Tag, woraufhin sie sich zerstritten, prahlten, aneinander gerieten und zueinander sagten: "Wenn ihr wollt, wiederholen wir es."
Muhammad (s.a.s.) erfuhr von dieser Angelegenheit, ging zusammen mit seinen Gefährten, die bei ihm waren, zu ihnen und erinnerte sie daran, dass der Islam ihre Herzen versöhnt und sie zu einander liebenden Brüdern gemacht hatte. Er redete so lange weiter, bis die Leute weinten, sich einander umarmten und allesamt Allah (t.) um Vergebung baten.
Der Streit zwischen Muhammad (s.a.s.) und den Juden erreichte ein Ausmaß an Heftigkeit, das in den darüber im Qur´aan geoffenbarten Verstn bezeugt wird. Die ersten 81 Ayat der Sura Al Bakara und ein großer Teil der Sura An Nisa wurden geoffenbart. Darin werden diese Leute der Schrift und ihre Verleumdung dessen, was in ihrer Schrift steht, erwähnt. Und sie werden aufs heftigste wegen ihres Unglaubens und ihrer Verleumdung verflucht:
"WIR gaben bereits Mose die Schrift und entsandten nach ihm Gesandte; und WIR gaben Jesus, dem Sohn der Maria, die deutlichen Zeichen und stärkten ihn mit dem Heiligen Geist. Seid ihr denn jedes Mal, wenn zu euch ein Gesandter mit dem kommt, was eure Seelen nicht begehren, hoffärtig und zeiht einige der Lüge und tötet einige? Und sie sagten: "Unsere Herzen sind verhüllt." Aber Allah verfluchte sie vielmehr ob ihres Unglaubens; so glauben nur wenige. Und als eine Schrift von Allah zu ihnen kam, die bestätigte, was bei ihnen war - und sie hatten zuvor um Sieg über die Ungläubigen gefleht-, als dann zu ihnen kam, was sie kannten, leugneten sie es. Darum Allahs Fluch auf die Ungläubigen!" (2, V. 87-89)

 

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Die Geschichte von Finhas

Der Wortstreit zwischen den Juden und den Muslimen erreichte eine Intensität, die trotz des Abkommens zwischen ihnen zuweilen bis zur handgreiflichen Feindschaft führte. Um das zu ermessen, genügt es zu erfahren, dass Abu Bakr, dessen sanften Charakter, Langmut und nachgiebige Natur wir kennen sich eines Tages mit einem Juden namens Finhas unterhielt, um ihn zum Islam einzuladen, worauf Finhas ihm mit den Worten antwortete:
"Bei Allah , o Abu Bakr, wir bedürfen Allahs nicht, sondern ER bedarf wahrlich unser, und wir flehen IHN nicht an wie ER uns anfleht, und wir sind SEINER unbedürftig, und ER ist unser nicht unbedürftig. Wäre ER unser unbedürftig, würde ER uns nicht um ein Darlehen aus unserem Vermögen bitten, wie euer Gefährte es erklärt. ER verbietet euch den Zins und gibt ihn uns. Wäre ER unser unbedürftig, hätte ER ihn uns nicht gegeben."
Finhas bezog sich hier auf Allahs (t.) Worte:
"Wer ist es, der Allah ein schönes Darlehen! gibt, und ER vermehrt es ihm vielfach?" (2, V. 245)*
* Unter einem "schönen Darlehen" wird ja gerade ein Darlehen ohne Erwartung auf Zins oder diesseitige Belohnung verstanden. Unter dieser Voraussetzung trägt es vielfachen Lohn im Jenseits.
Abu Bakr vermochte diese Antwort jedoch nicht geduldig hinzunehmen, erzürnte, schlug Finhas heftig ins Gesicht und sagte:
"Bei DEM, in DESSEN Hand meine Seele ist, gäbe es nicht das Abkommen zwischen uns und euch, hätte ich dir den Kopf abgeschlagen, o Feind Allahs!" Finhas beklagte sich darüber beim Propheten und leugnete, was er zu Abu Bakr über Allah (t.) gesagt hatte. Da wurde die Rede des Erhabenen geoffenbart:
"Allah hat bereits die Rede derer gehört, die sagten: "Wahrlich, Allah ist arm, und wir sind reich." WIR werden niederschreiben, was sie sagten, sowie ihr widerrechtliches Ermorden der Propheten und werden sagen: Schmeckt die Strafe des Feuers!" (3, V.181)
Die Juden begnügten sich nicht mit der Aussaat von Zwietracht unter den Muhadschirun und den Ansar sowie den Aus und den Chazradsch. Es genügte ihnen auch nicht, die Muslime in ihrer Religion anzufechten und zu versuchen, sie zum Polytheismus zurückzuführen, ohne sie jedoch zu Juden machen zu wollen. Nein, sie versuchten sogar, Muhammad (s.a.s.) selbst in seiner Religion anzufechten. Ihre Rabbiner, Edelleute und Führer gingen zu ihm und sagten: "Du kennst unsere Verhältnisse und unsere Stellung. Wenn wir dir folgen, folgen dir die Juden und widersprechen uns nicht. Zwischen uns und einem Teil unseres Volkes gibt es einen Streit, und wir legen ihn dir zur Entscheidung vor; wenn du dann das Urteil zu unseren Gunsten fällst, folgen wir dir und glauben an dich." Da wurde über sie die Rede des Erhabenen geoffenbart:
"Und richte zwischen ihnen mit dem, was Allah geoffenbart hat, und folge nicht ihren Gelüsten und hüte dich vor ihnen, dass sie dich an einem Teil dessen versuchen, was Allah dir geoffenbart hat. Und wenn sie sich abwenden, so wisse, dass Allah will, dass ER sie für einen Teil ihrer Sünden bestrafe. Und viele von den Menschen sind gewiss Frevler. Erstreben sie denn die Rechtsprechung der Zeit der Unwissenheit? Und wer ist besser als Allah an Rechtsprechung für Leute, die fest in ihrem Glauben sind?" (5, V. 49-50)
Die Juden konnten Muhammad (s.a.s.) nicht ertragen und dachten daran, sich gegen ihn zu verschwören und ihn zur Auswanderung aus Medina zu veranlassen, wie auch die Nachstellungen der Kuraisch ihn und seine Gefährten aus Mekka vertrieben hatten. Sie erinnerten ihn, dass alle Gesandten, die ihm vorangingen, nach Jerusalem gewandert seien und dort ihren Wohnort gehabt hätten und dass es, wenn er ein wahrer Gesandter sei, für ihn angemessen sei, es ihnen gleichzutun und Medina nur als Zwischenaufenthalt seiner Auswanderung von Mekka zur Stadt der Al Aksa-Moschee zu betrachten. Muhammad (s.a.s.) musste jedoch nicht erst lange über ihr Ansinnen nachdenken, um zu wissen, dass sie mit ihm ein falsches Spiel trieben

 

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Neuorientierung der Gebetsrichtung zur Kaba

Damals, zu Beginn des siebzehnten Monats seines Aufenthalts in Medina, offenbarte ihm Allah (t.), seine Gebetsrichtung zur heiligen Moschee, dem Haus Abrahams und Ismaels, hin auszurichten. Es wurde in diesem Zusammenhang die Aya geoffenbart:
"WIR sehen dich dein Antlitz zum Himmel richten, und WIR wollen dich zu einer Gebetsrichtung wenden, die dir zusagt. So wende also dein Antlitz in Richtung der heiligen Moschee, und wo auch immer ihr seid, wendet euer Antlitz in Richtung zu ihr." (2, V. 144)
Die Juden warfen ihm vor, was er getan hatte, und versuchten, ihn ein weiteres Mal zu versuchen, indem sie sagten, sie würden ihm folgen, wenn er zu seiner Gebetsrichtung zurückkehre. Da wurde die Rede des Erhabenen geoffenbart:
"Die Törichten unter den Menschen werden sagen: "Was hat sie von ihrer Gebetsrichtung abgebracht, die sie befolgten?" Sprich: "Allahs ist der Osten und der Westen, ER leitet, wen ER will, auf den geraden Weg." Und so machten WIR euch zu einer auserlesenen Gemeinschaft, auf dass ihr Zeugen wider die Menschen seid und der Gesandte Zeuge wider euch sei. Und WIR setzten die Gebetsrichtung, die du befolgtest, nur ein, um zu wissen, wer dem Gesandten folgt und wer sich auf seinen Fersen umdreht. Und es war gewiss etwas Schwieriges außer für die, die Allah rechtleitete." (2, V. 142-143)

 

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Die Gesandtschaft der Christen von Nadschran

Zu jener Zeit, in der die Auseinandersetzung zwischen Muhammad (s.a.s.) und den Juden zunahm, kam eine Gesandtschaft der Christen von Nadschran mit sechzig Reitern nach Medina. Unter ihnen war jemand, der Ansehen unter ihnen genoss, ihre Bücher studiert hatte und über ein ausgezeichnetes Wissen in ihrer Religion verfügte und den die Könige Roms, soweit sie dem Christentum angehörten, geehrt und finanziert hatten und dem sie zu Diensten gewesen waren sowie Kirchen gebaut und sich ihm als großzügig erwiesen hatten. Vielleicht hoffte diese Gesandtschaft, als sie zur Stadt des Propheten kam und von der Auseinandersetzung zwischen ihm und den Juden erfuhr, diesen Zwist noch vertiefen zu können, bis dass dieser in Feindschaft münden und das benachbarte Christentum in Asch Scham und im Jemen von den Intrigen der Juden und der Feindseligkeit der Araber befreit sein würde.
Die drei Schriftreligionen trafen bei der Ankunft dieser Gesandtschaft und der Diskussion mit dem Propheten aufeinander, und es entstand ein erbittertes Wortgefecht zwischen Judentum, Christentum und Islam: Die Juden leugneten die Prophetenschaft Jesu und Muhammads (s.a.s.) mit der bereits geschilderten Verbissenheit und behaupteten, Esra sei Allahs (t.) Sohn. Die Christen wiederum sprachen von der Dreieinigkeit und der Göttlichkeit Jesu. Muhammad (s.a.s.) dagegen rief zur Lehre des Eins-Seins Allahs (t.) und zur geistigen Einheit auf, die die Welt von Anbeginn bis in Ewigkeit ordnet. Die Juden und Christen fragten ihn, an welchen der Gesandten er glaube, und er sagte:
"Wir glauben an Allah und an das, was uns geoffenbart wurde und was Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Nachkommen geoffenbart wurde und was Mose und Jesus gegeben wurde und was den Propheten gegeben wurde von ihrem Herrn; wir machen keinen Unterschied zwischen einem von ihnen, und IHM sind wir ergeben." (2, V. 136)
Er machte ihnen mit Nachdruck alles zum Vorwurf, was sie an Zweifel am Eins-Sein Allahs (t.) vorbrachten. Er wies sie daraufhin, dass sie den Worten dessen, was in ihren Büchern stand, ihren eigentlichen Sinn nahmen und etwas anderes vertraten als die Propheten und Gesandten, deren Prophetenschaft sie anerkannten. Das, womit er gekommen sei, sei die ursprüngliche ewige Wahrheit. Die in ihrer herrlichen Klarheit und erhabenen Einfachheit jedem offenbar wird, der sich niemandem außer Allah (t.) - DER erhaben ist in SEINER Einheit - unterwirft. Und der eine verbundene einzigartige Einheit im Dasein erkennt, die über die Neigungen des Augenblicks, Hoffnungen der Vergänglichkeit und Leidenschaften des Materiellen erhaben ist und sich loslöst von der blinden Unterwerfung unter die Vorstellungen der Allgemeinheit und der Vorvater.

 

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Zusammenkunft der drei Religionen

Welche Zusammenkunft ist gewaltiger als jene Zusammenkunft in Jathrib, in der die drei Religionen zusammentrafen, die bis heute das Geschick der Welt bestimmen! Sie trafen in ihr des erhabensten Nachdenkens und des edelsten Ziels wegen zusammen. Es war keine Wirtschaftskonferenz noch hatte sie irgendein materielles Ziel gleich denen, an denen sich unsere heutige Welt vergeblich abmüht. Vielmehr war ihr Ziel ein geistiges, hinter dem allerdings im Fall des Christentums und des Judentums ehrgeizige Bestrebungen der Politik und Wünsche der Reichen, der Könige und Machthaber standen, während Muhammad (s.a.s.) für das geistige, menschliche Ziel eintrat. Aufgrund dessen diktierte Allah (t.) ihm die folgende Formulierung, die er den Juden, den Christen und allen Menschen vortrug:
"Sprich: "0 Leute der Schrift, kommt her zu einem Wort, das gleich ist zwischen uns und euch: dass wir niemanden anbeten außer Allah und IHM nichts beigesellen und nicht die einen von uns die anderen anstelle Allahs zu Herren nehmen." Doch wenn sie sich abwenden, so sprecht: "Bezeugt, dass wir Muslime sind." " (3, V. 64)
Was können die Juden oder die Christen oder irgendjemand sonst zu diesem Aufruf sagen: Dass sie niemanden anbeten außer Allah (t.) und IHM nichts beigesellen, und dass die einen von ihnen nicht die anderen anstelle Allahs (t.) zu Herren nehmen! Was den aufrichtigen, wahrhaften Geist betrifft und was den Menschen betrifft, der durch Verstand und Empfinden ausgezeichnet ist, so vermag er nichts, als nur daran zu glauben.

 

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Rückzug und Rückkehr der christlichen Gesandtschaft

Im menschlichen Leben stehen jedoch das Seelische und das Materielle Seite an Seite. Darin liegt die Schwäche, anderen Macht über uns zuzugestehen wegen eines Preises, für den sie unsere Seele, unseren Geist und unser Herz kaufen. Und darin ist die Gefahr enthalten, dass die Ehre, das Empfinden und das wirkende Licht der Seele abgetötet werden.
Diese sich in Geld, Ruhm und falschem Adel und Rang ausdrückende Seite war es, die Abu Haritha, den an Wissen und Kenntnissen Reichsten der Christen von Nadschran, dazu verleitete, gegenüber einem seiner Kameraden zu ,äußern, dass er von dem, was Muhammad (s.a.s.) sagte, überzeugt sei. Als ihn sein Kamerad jedoch fragte: "Was hält dich dann davon ab, wenn du das weißt?", antwortete er: "Es hält mich ab, was diese Leute für uns getan haben; sie ehrten, finanzierten uns und waren uns gegenüber großzügig; und sie wollen ihm unbedingt widersprechen. Würde ich es tun ( den Islam annehmen), würden sie uns alles, was du siehst, wegnehmen."
Muhammad (s.a.s.) warb bei den Juden und Christen um diesen Aufruf; andernfalls sollten die Christen den Verfluchungsschwur aussprechen. Denn was die Juden betraf, so gab es zwischen ihm und ihnen einen Friedensvertrag. Also berieten sich die Christen und teilten ihm dann mit, sie seien der Ansicht, sie sollten den Fluch nicht auf ihn herabrufen, sondern sollten ihn bei seiner Religion lassen und selbst bei ihrer Religion bleiben. Sie erkannten jedoch Muhammads (s.a.s.) Streben nach Gerechtigkeit, das seine Gefährten sein Beispiel nachahmen ließ. Sie baten ihn, jemanden mit ihnen zu schicken, der im Falle der Uneinigkeit zwischen ihnen richte. Daraufhin sandte Muhammad (s.a.s.) den Abu Ubaida Ibn Al Dscharrah mit ihnen.

 

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Das Nachdenken über die Kuraisch und Mekka

Muhammad (s.a.s.) festigte die Zivilisation, für die er durch seine Lehren und sein Beispiel den Grundstein gelegt hatte. Er und seine Gefährten von den Muhadschirun dachten über das nach, was sie seit ihrer Auswanderung aus Mekka nicht losgelassen hatte: Wie sie sich gegenüber den Kuraisch verhalten sollten. Viele Beweggründe veranlassten sie, darüber nachzudenken:
In Mekka war die Kaba, das Haus Abrahams und der Ort ihrer Wallfahrt und der Wallfahrt aller Araber. Sollten sie etwas von dieser heiligen Pflicht aufgeben, die sie bis zum Tag ihrer Auswanderung aus Mekka aufrechterhalten hatten? Ferner hatten sie in Mekka immer noch Angehörige, denen sie zugeneigt waren und um deren Verharren im Polytheismus sie sich sorgten. Auch waren ihr Vermögen, ihr Hab und Gut und ihr Handel, von denen sie die Kuraisch seit ihrer Auswanderung abhielten, dort zurückgeblieben. Hinzu kam, dass Medina bei ihrer Ankunft vom Fieber verseucht war, was sie so sehr mitnahm, dass die Krankheit sie erschöpfte und sie sitzend beteten.
Dies alles mehrte ihre Sehnsucht nach Mekka. Sie waren widerwillig, ja sogar quasi hilflos aus Mekka ausgewandert. Es lag nicht in der Natur dieser Kuraisch, Unrecht zu erdulden oder sich in eine Niederlage zu fügen, ohne an Rache zu denken. Neben all diesen Gründen hatten sie noch einen natürlichen Beweggrund: das Verlangen nach ihrer Heimat, nach diesem Ort, an dem man geboren wurde und aufwuchs und dessen Erde, Ebenen, Berge und Wasser das erste Gespräch, die erste Freundschaft und die erste Liebe darstellen. Mit diesem Flecken Erde, der uns hervorbringt, wenn wir jung sind, und der unsere Ruhestätte ist, wenn wir alt sind, sind unser Herz und unsere Empfindungen verbunden. Ihn verteidigen wir mit unserer Kraft und unserem Vermögen und bringen unsere Mühen und unser Leben als Opfer dar und in ihm wollen wir nach unserem Tode begraben werden, um in seinen Staub zurückzukehren, aus dem wir hervorgingen.
Dieser natürliche Beweggrund entbrannte in den Muhadschirun stärker als alle übrigen Beweggründe und ließ sie nicht aufhören, über die Kuraisch nachzusinnen und wie sie sich ihnen gegenüber verhalten sollten. Diese Haltung sollte nicht eine Haltung der Unterwerfung oder Unterwürfigkeit sein, nachdem sie in Mekka insgesamt dreizehn Jahre lang die üblen Nachstellungen erduldet hatten. Die Religion, um derentwillen sie jene Peinigungen ertragen hatten und derentwegen sie ausgewandert waren, befürwortet weder Schwäche noch Verzweiflung noch Unterwerfung.
Wenngleich sie Feindseligkeit verabscheut und ablehnt und Brüderlichkeit vorschreibt und dazu aufruft, so macht sie doch die Verteidigung der Person, der Würde, der Glaubensfreiheit und der Heimat zur Pflicht. Dieser Verteidigung wegen hatte Muhammad (s.a.s.) mit den Bewohnern Jathribs das große Abkommen von Akaba geschlossen. Wie könnten die Muhadschirun diese Pflicht erfüllen, die ihnen gegenüber Allah (t.), gegenüber SEINER heiligen Moschee und gegenüber ihrer von Herzen geliebten Heimat Mekka oblag? Dieser Frage wandte sich die Politik Muhammads (s.a.s.) und der Muslime mit ihm zu, bis durch ihn der Sieg über Mekka zustande kam und die Religion Allahs (t.) und das Wort der Wahrheit in Mekka maßgebend waren.

 

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