Über den Islam

Die Religion und der Selbstzwang

Die Religion und der Selbstzwang

 


Seht, was westliche Psychologen über die Religion zu sagen haben! Sie meinen, dass die Religion den Lebensgeist des Menschen und seine Energie unterdrückt, und sein Leben werde überschattet durch das ständige Bewusstsein der Sünde. Dieses Gefühl befällt besonders stark religiöse Menschen, die unter der Vorstellung leiden, dass alles, was sie tun, fehlerhaft und sündig sei, und sie dies nur damit wieder wett machen könnten, indem sie allen Sinnesfreuden entsagen. Europa blieb in Dunkelheit versunken, solange man sich noch an der Religion festhielt, und als die Ketten der zum Teil lächerlichen Vorschriften der Religion gesprengt waren, befreiten sich auch die innersten Gefühle, und Europa begann seinen weltweiten Aufstieg in der Arbeitswelt und der Produktion.

Da wollt ihr noch zur Religion zurückkehren? Wollt ihr die Gefühlswelt, die wir befreiten, wieder einsperren und die Jugend wieder mit der Aussage "Das ist erlaubt und das ist verboten" lähmen?

 Lassen wir Europa über seine Religion sagen, was es will. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, darüber zu entscheiden, ob das richtig oder falsch ist, denn wir sprechen nicht über die Religion im Allgemeinen, sondern wir beschäftigen uns mit dem Islam. Bevor wir jedoch etwas darüber aussagen, wie weit der Islam die Lebensenergie nun lähmt oder nicht, ist es wichtig zuerst abzuklären, was man unter Selbstzwang versteht, denn gerade dieser Begriff leidet sehr häufig unter Missverständnissen und Missbrauch.

Mit Selbstzwang meint man nicht die Zurückhaltung von sexueller Betätigung, wie sehr oft geglaubt wird, sondern man versteht darunter das Leugnen des Sexualtriebes an sich selbst, so dass der Mensch sich nicht eingesteht, dass diese Triebe ihn beherrschen oder beschäftigen könnten. Dieser Zwang stellt ein Problem dar, und es handelt sich dabei nicht nur einfach um eine Gefühlssache. Selbst der Geschlechtsverkehr kann diesem Problem keine Abhilfe verschaffen, er vermittelt dem einzelnen nur das Gefühl, eine schmutzige Sache zu begehen, die seiner eigentlich nicht würdig ist. Das bedeutet, dass eine solche Person von diesem Zwang befallen ist, auch wenn sie die "böse Tat" zwanzig Mal pro Tag "begehen" würde. Sein innerer Kampf mit sich selbst wird jedesmal wieder aufs Neue beginnen.

Diese Definition stammt übrigens von niemand geringerem als Freud, der sein gesamtes Lebenswerk in die Erforschung dieser Problematik stellte, und die Religion als Verursacherin dieser psychischen Zwänge verurteilte. So meint er auf Seite 82 seines Buches Three Contributions to the Sexual Theory“, dass es nötig sei, eine genaue Unterscheidung zu treffen zwischen diesem reflexartig ablaufenden psychischen Zwang und der willkürlichen Ablehnung des Sexualverkehrs. Letzteres bedeute nur eine vorübergehende Erscheinung.

Nun haben wir eine Feststellung über den Begriff der sexuellen Unterdrückung gemacht und können daran gehen, über diese Erscheinung im Islam zu sprechen.

Es existiert keine andere Religion neben dem Islam, die so offen und unumwunden über die natürlichen Veranlagungen des Menschen spricht und ihnen den rechten Platz in der Gefühls- und Gedankenwelt des Menschen einräumt.

"Zum Genuss wird den Menschen die Freude gemacht an ihrem Trieb zu Frauen und Kindern und aufgespeicherten Mengen von Gold und Silber und Rassepferden und Vieh und Saatfeldern. Dies ist der Genuss des irdischen Lebens; doch bei Allah ist die schönste Heimkehr." (3:14).

In diesem Vers werden alle Freuden und Begierden des Lebens aufgezählt, und es wird betont, dass sie in der Wirklichkeit des Menschen ihren Platz haben und ihm als schön und begehrenswert erscheinen, dass dagegen im Prinzip nichts einzuwenden sei, und dass niemand diese natürlichen Begierden abzuleugnen habe.



Es ist zwar richtig, dass sich die Menschen von diesen Trieben nicht so weit beherrschen lassen sollen, dass sie zu Sklaven ihrer niederen Instinkte werden, da das Leben nicht auf einem solchen Status erbaut werden kann. Der Islam erlaubt es dem Menschen jedoch nicht, sich auf ein animalisches Niveau reduzieren zu lassen, und hier besteht ein außerordentlicher Unterschied zwischen diesem Extrem und dem psychisch zwanghaften Komplex. Die Triebe werden nicht als etwas Schmutziges, Unreines gebrandmarkt, und so gibt es keine Versuche, sich selbst zu reinigen, indem man von diesen Instinkten Abstand nimmt. Der Islam behandelt die menschliche Seele in der Weise, dass er sich grundsätzlich zu den natürlichen menschlichen Anlagen bekennt und verbietet, sie zu unterdrücken. Sodann wird die Befriedigung des Triebes selbst in den angemessenen und vernünftigen Grenzen erlaubt, so dass weder ein Schaden für das Individuum, noch für die Gesellschaft entstehen kann, jedoch dennoch dem Einzelnen ein gewisses Maß an Genugtuung zuteil wird.

Der Schaden, der den Einzelnen befallen kann, besteht in der Abhängigkeit von diesen Trieben, die ihn seine Lebenskraft vorzeitig verlieren lässt, und die ihm nach einiger Zeit als ständig quälende Eigenschaft erscheint, die ihn dauernd hungern lässt aber nie sättigt.

 Der Schaden für die Gemeinschaft besteht im Verlust der Lebenskraft, die ihm zum Zwecke vieler nützlicher Aufgaben innerhalb der Gesellschaft gegeben wurde. So wird die Familie zerstört, gesellschaftliche Bande werden gelöst, und es werden getrennte Gruppen gebildet, die nicht durch ein gemeinsames Ziel verbunden werden. So wird es anderen leicht gemacht, sie anzugreifen und zu zerstören. 

Innerhalb seiner Grenzen, die Schaden verhindern sollen, erlaubt der Islam den Genuss der schönen Dinge dieses Lebens, ja er lädt sogar offen dazu ein und meint verurteilend: Sprich: Wer hat die schönen Dinge Allahs verboten, die Er für Seine Diener hervorgebracht hat und die guten Dinge der Versorgung?" (7:32). Im Koran heißt es auch: "... und vergiss deinen Teil an der Welt nicht;" (28:77), und an anderer Stelle: "Und esst von den guten Dingen, die Wir euch beschert haben." (7:160), "... und esst und trinkt, doch überschreitet (dabei) das Maß nicht;" (7:31)

Die offene Anerkennung der Sexualität reicht sogar so weit, dass der Prophet in einem Ausspruch erklärte: "Besonders lieb sind mir in dieser Welt der Wohlgeruch und die Frauen, und das Gebet ist mein Augentrost." (erwähnt von Ibnu Kathir in seinem "Tafsir"). Hier wird das geschlechtliche Gefühl auf die gleiche Ebene mit dem Wohlgeruch gestellt, und es wird mit dem Gebet verglichen, dem edelsten, das uns an Gott annähert. Darüber hinaus wurde bestimmt, dass demjenigen, der seine Sexualität mit seiner Frau befriedigt, Lohn zuteil wird. Als die Muslime daraufhin verwundert fragten: "Wenn einer von uns seine Lust befriedigt, wird ihm dafür auch noch Lohn zuteil?", kam zur Antwort: "Seht, wenn er es auf verbotene Weise getan hätte, würde er dafür nicht Bestrafung erhalten? Genauso wird ihm Lohn zuteil, wenn er es auf erlaubtem Wege tut." Aus einem solchen Verständnis heraus kann keine Triebunterdrückung entstehen. Wenn junge Menschen also ihr geschlechtliches Verlangen bemerken, so ist dies keine verabscheuungswürdige Sache, und es gibt keinen Anlass, diese Gefühle als schmutzig zu empfinden und vor ihnen Reißaus zu nehmen.

Der Islam verlangt von den jungen Leuten nur, diese Gefühle zu steuern, ohne sie zu unterdrücken. Eine Steuerung aber erfolgt mit eigenem Willen und im vollen Bewusstsein. So wird die Tat auf den rechten Zeitpunkt verschoben, und dies bedeutet laut Freud nicht eine Verdrängung ins Unbewusste, und es entstehen daraus keine Komplexe oder psychische Schäden.

Diese Regelung der triebhaften Gefühle bedeutet nicht, dass der Islam den Menschen die Lust verbietet. Die Geschichte zeigt uns vielmehr, dass es auch in nicht islamischen Ländern und Völkern unmöglich war. die Persönlichkeit und Eigenständigkeit eines Volkes zu erhalten, wenn es nicht die Fähigkeit besaß, seine Instinkte zu beherrschen.

Auf dieser Ebene begegnen wir dem Fasten im Islam. Manche fragen, was denn das für eine Dummheit sei. sich selbst für nichts und wieder nichts mit Hunger und Durst zu quälen, nur aus Befolgung einer Vorschrift, die weder Weisheit noch Grenzen besitzt. Aber was ist der Mensch ohne die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung? Wie kann er zum Menschen werden, ohne dass er gelernt hat, sich für ein Weilchen in der Hand zu haben? Wie kann er geduldig im Kampf gegen das Böse ausharren, wo doch dieser Kampf von ihm den Verzicht auf so vieles erfordert? Hätten die Kommunisten, deren Anhänger sich in unseren Ländern über die Fastenden lustig machen, in Stalingrad aushalten können, wenn sie nicht trainiert gewesen wären, besonders schwere Lebensumstände auszuhallen, oder erklären sie die Dinge ein Jahr für erlaubt und ein Jahr verboten? Oder besser gesagt, sie sehen es als erlaubt an, wenn der Befehl dazu von der Regierung kommt, da diese eine Macht ist, die man mit seinen Augen wahrnehmen kann, jedoch hält man die gleiche Angelegenheit für verboten, wenn die Anweisung dazu von Allah kommt, dem Schöpfer aller Staaten und alles Lebenden! Welche Art des Gottesdienstes gibt es im Islam denn noch außer dem Fasten? Das Gebet? Wieviel Zeit nimmt es denn dem Muslim? In einer Woche verbraucht er dafür nicht soviel, wie ein einziger Kinobesuch dauern würde. Kein Mensch wird diese Gelegenheit opfern, seinem Herrn zu begegnen, Seine Hilfe zu erlangen, seine Sicherheit bei Gott zu finden, die Ruhe in Seiner Weite zu finden, außer die Krankheit hat bereits Besitz von seinem Herzen ergriffen und seine Seele ist abgeirrt.

Was den Vorwurf anbelangt, die Religion würde das Leben des Menschen mit Komplexen belasten und mit einem ständigen Gefühl der Sündhaftigkeit verfolgen, so ist der Islam weit davon entfernt, denn er versichert dem Menschen zuerst die Verzeihung, ehe er die Strafe erwähnt. Die Sünde besitzt im Islam nicht die Gestalt eines Ungeheuers, das die Menschen verfolgt, und es existiert auch nicht die Vorstellung einer ewigen Dunkelheit, in die niemals Licht dringt. Die Sünde Adams ist nicht ein Schwert, das die gesamte Menschheit durchbohrt, und sie bedarf keiner Sühne oder Reinigung: "Da empfing Adam von seinem Herrn Worte, worauf Er ihm verzieh; wahrlich. Er ist der Allverzeihende, der Barmherzige." (2:36). So einfach ging das vor sich, und ohne irgendwelche besonderen Riten.

Auch die Kinder Adams sind wie ihr Stammvater selbst, nicht von der Barmherzigkeit Gottes ausgeschlossen, falls sie Fehler begehen. Allah kennt ihre Natur, daher trägt Er ihnen nicht mehr auf, als sie ertragen können. Er stellt sie auch nur innerhalb ihrer Grenzen zur Rechenschaft: "Allah fordert von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag." (2:286). "Jeder Mensch sündigt, und die besten der Sünder sind jene, die bereuen." (überliefert von At-Tirmidhi)

Die Verse, die von der Barmherzigkeit, der Verzeihung, der Reue handeln, sind im Koran zahlreich, jedoch wollen wir einen auswählen, der in besonderer Weise das Ausmaß der Barmherzigkeit Allahs zeigt: "Und wetteifert nach der Vergebung eures Herrn und nach einem Garten.' dessen Breite der von Himmel und Erde entspricht, der für die Gottesfürchtigen vorbereitet ist. die da spenden in Freud und Leid und den Groll unterdrücken und den Menschen vergeben. Und Allah liebt die Rechtschaffenen. Und diejenigen, die - wenn sie etwas Schändliches getan oder gegen sich gesündigt haben - Allahs gedenken und für ihre Sünden um Vergehung flehen', und wer vergibt die Sünden außer Allah? - und diejenigen, die nicht auf dem beharren, was sie wissentlich taten; für diese besteht ihr Lohn aus Vergebung von ihrem Herrn und aus Gärten, durch die Bäche fließen; darin werden sie ewig sein, und herrlich ist der Lohn der Wirkenden" (3:133-136)

Oh Allah, wie weit reicht doch Dein Erbarmen mit Deinen Dienern! Man kann sich der tiefen Betroffenheit nicht entziehen, wenn man die Barmherzigkeit Allahs erkennt. Und wann? Nachdem die Menschen die gewaltigsten Sünden begangen haben! Er nimmt von ihnen nicht nur die Reue an, und Er nimmt von ihnen nicht nur die Sünden, sondern Er gewährt ihnen sogar Seine Zufriedenheit und Barmherzigkeit und erhebt sie zur Ebene des Paradieses!!

Gibt es nach all dem noch Zweifel an der Verzeihung Gottes? Wo verfolgt hier die Seelenqual die Menschen, wenn Allah sie mit solchem Mitgefühl willkommen heißt, nachdem sie nur ein einziges Wort gesprochen haben: "Reue!"?

Es bedarf keiner weiteren Textproben, um das, was wir hier gezeigt haben, zu wiederholen. Wir wollen nur noch eine Aussage des Propheten zitieren, die in besonderer Weise, das vorher Erwähnte unterstreicht: "Bei dem, in dessen Hand meine Seele ist, würdet ihr keine Sünden begehen, so würde Allah euch fortnehmen und ein anderes Volk bringen, das sündigt und dem er verzeiht." (überliefert von Muslim). Also was sollte Allah mit der Qual der Menschen bezwecken, wo Er die Verzeihung und die Barmherzigkeit liebt?

Von: Muhammad Qutb

Quelle: Einwände gegen den Islam; SKD Bavaria Verlag, München

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