Der Islam und der Kommunismus

Der Islam und der Kommunismus

Mehrmals behaupteten wir, dass der Islam alle den Menschen nützlichen Prinzipien umfasse, und die Religion für alle Generationen und alle Völker dieser Erde sei. Die islamische Rechtsauslegung ist aber nun in wirtschaftlichen Angelegenheiten bereits seit vier Jahrhunderten lahmgelegt worden. Daher stellt sich die Frage, warum wir nicht eine andere Ideologie annehmen, die unser Gewissen beruhigt und unsere Gedanken auffrischt. So könnten wir den Kommunismus nur als Wirtschaftssystem übernehmen, ohne Einwirkung auf das staatliche Gefüge oder auf die Charakteristik der Gesellschaft. Auf diese Weise hätten wir unsere Persönlichkeit und Tradition bewahrt und eines der modernsten Systeme der Wirtschaftswelt eingeführt.


Dies ist ein verführerischer, doch äußerst hinterhältiger Gedanke, den uns die Kommunisten schon seit längerem schmackhaft machen wollen. Sie begannen ihre Tätigkeit im Orient mit der Bekämpfung des Islam im Geheimen. Danach streuten sie die verschiedensten Zweifel und abwegigen Theorien über diese Religion unter das Volk. Als sie jedoch bemerkten, dass die Menschen dadurch nur noch mehr an ihrer Religion festhielten, begannen sie einen anderen Weg zu suchen. Der neue Zugang, den sie propagierten lautete so: Der Kommunismus ist nicht gegen den Islam, denn er beruft sich auf die soziale Gerechtigkeit, und die Verpflichtung des Staates zur Versorgung der Bürger, und beides sind doch Anliegen des Islam, oder etwa nicht?

Die gleiche Methode hatten bereits die Engländer und Franzosen während ihrer Besatzungszeit benutzt. Auch sie begannen mit dem Angriff auf den Islam und mit dem Aufruf an die Muslime, endlich zu erwachen. Wenn diese Methodik nicht die gewünschten Erfolge brachte, so ging man zum nächsten Schritt über. So machte man den Leuten weis, dass den Westen in Wirklichkeit doch nur eines interessiere, nämlich den Fortschritt und die Zivilisation an dieses Volk weiterzugeben, und dies sind doch Anliegen des Islam, oder etwa nicht?! "Ihr könnt ja Muslime bleiben, also beten, fasten, Dhikr machen, usw. und zur gleichen Zeit die westliche Zivilisation annehmen", so belehrte man das Volk. Natürlich waren sie sich sicher, dass die Menschen, falls sie dieses Angebot akzeptierten, nicht mehr lange beim Islam bleiben würden, und ohne dass sie etwas davon bemerkten, würden sie langsam in die Knechtschaft des Westens eingehen. So geschah es auch tatsächlich - und Generationen wuchsen heran, die vom Islam keine Ahnung hatten, ja sogar vor ihm flohen.

Nun wollen die Kommunisten dieses Spielchen auf ihre Art wiederholen. Also, liebe Muslime, bleibt bei eurem Gebet, beim Fasten und beim Dhikr usw., denn alles was wir wollen, ist die Verwirklichung der kommunistischen Wirtschaftslehre, und die ist ein Teil der islamischen Prinzipien, die durch europäische Gelehrte weiterentwickelt und zur Blüte gebracht wurden, also könnt ihr sie ohne Bedenken annehmen! Und auch sie wissen genau, dass die Muslime, falls sie dieses Angebot akzeptierten, in wenigen Jahren zu Kommunisten würden. Trotzdem sind viele der Muslime dazu bereit, da dies ein Weg ist, der leicht zu gehen ist und der sie vor Problemen und der Mühe des Wiederaufbaus bewahrt.

Wir wollen hier nochmals betonen, dass der Islam vom Prinzip her jedes System, das den veränderten Ansprüchen der Gemeinschaft entgegenkommt und nicht gegen die islamischen Prinzipien gerichtet ist, in sein Gefüge aufnimmt.

Aber in Wirklichkeit haben gerade die Prinzipien des Kommunismus nicht das Geringste mit dem Islam zu tun, wenn auch in einigen wenigen Facetten Gemeinsamkeiten zu finden sind. Der Islam, der das bessere, vollkommene System besitzt, kann sich keinesfalls mit einem System wie dem kommunistischen, kapitalistischen oder sogar dem sozialistischen zufrieden geben, wenn auch in allen diesen Gefügen Teile der islamischen Lehre ähneln. Allah sagt: "Und wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat. das sind die Ungläubigen". Und es heißt nicht: "... wer nach dem richtet, was wie oder 90 ähnlich wie das ist, was Allah gesandt hat"!

Würden wir es denn tatsächlich fertig bringen, Kommunisten zu sein und gleichzeitig Muslime zu bleiben? Bei einer praktischen Anwendung der kommunistischen Ideen, bzw. der kommunistischen Wirtschaftslehre, wie man sie nennt, muss es unweigerlich zu einem Zusammenprall der unterschiedlichen Ansichten in den Prinzipien und der Praxis kommen. Alleine von den Vorstellungen her gibt es bereits mehrere Punkte, die zu beachten sind:

1.) Der Kommunismus begründet sich auf einer rein materialistischen Philosophie. Er glaubt grundsätzlich nur an wahrnehmbare Wirklichkeiten, alles andere wird als Halluzination und Traumvorstellung abgetan, die keinerlei wirkliche Existenz besitzt oder zumindest außerhalb der Berechnung steht. Engels meint: "Die Wirklichkeit der Welt beschränkt sich auf das Materielle." Und so meinen die Materialisten: "Der Verstand ist nichts anderes als eine Materie, die durch seine äußere Erscheinung widergespiegelt wird." So meinen sie zum Begriff "Seele": "Sie ist keine selbständige Wesenheit, sondern sie ist aus der Materie geboren."

Auf diese Weise lebt man im Kommunismus in einer rein materialistischen Weltanschauung, die sich über den Begriff der Seele und des Geistes lächerlich macht, da sie sie nicht als wissenschaftliche Realitäten anerkennt. Der Islam lehnt es auf das Entschiedenste ab, sich auf eine solch enge menschliche Existenzauffassung einschränken zu lassen, und den Menschen, der wohl mit seiner Körperlichkeit auf der Erde wandelt, doch mit seiner Seele und seinem Geist nach der Ewigkeit verlangt, auf ein Geschöpf zu reduzieren, das wie die Tiere rein materielle Existenz besitzt, und dessen wichtigstes Anliegen die Befriedigung seiner grundlegenden Bedürfnisse ist, die Karl Marx mit Nahrung, Wohnen und Sexualität definierte! Niemand kann behaupten, dass wir uns nicht durch diese materialistischen Ideen lenken lassen müssen, sondern unsere Religion, unseren Propheten, unseren Gott und unsere Seele behalten können, da man ja nur die wirtschaftliche Seite annehmen würde, die getrennt von all diesen Dingen betrachtet und angewendet werden kann. Die Kommunisten selbst verneinen diese Möglichkeit, da sie sehr stark zwischen dem Wirtschaftssystem und der Ideologie und Philosophie verbinden. Sie sind der Überzeugung, dass das Wirtschaftssystem die Ideologie und Philosophie begründet. Daher ist es unmöglich, dass sich dieses Wirtschaftssystem, das sich auf einer klaren materialistischen Basis aufbaut (wie es Marx und Engels selbst betonen), sich mit einer Philosophie des Geistes und der Seele vereinen oder verstehen könnte.

Die Kommunisten glauben, dass der Kampf um die Materie der alleinige Grund für die Entwicklung der Menschheit und ihrer Wirtschaftssysteme sei, angefangen vom Urkommunismus, zur Sklaverei, zur Leibeigenschaft, zum Kapitalismus, bis zum zweiten und endgültigen Kommunismus. In dieser Theorie bleibt kein Platz mehr für das Eingreifen Gottes, seiner Propheten und ihrer Sendung, da all diese Erscheinungen laut kommunistischer Auffassung nur gemäß ihres Ortes und ihrer Zeit aufgetaucht sind, also nie eine Entwicklung vorwegnehmen oder beschleunigen konnten. Dadurch verliert auch in ihren Augen die islamische Lehre heute an Bedeutung. Diese Theorie, die den Fortschritt des Menschen auf die Entwicklung der Produktionsmittel eingrenzt, steht aber im Grunde ratlos vor dem Problem, das Auftauchen des Islam zu erklären, denn welche Produktionsmittel hatten sich schon auf der arabischen Halbinsel vor dem Auftauchen des Islam verändert? Die dort 



stattfindenden Veränderungen waren allesamt das Ergebnis der Sendung Muhammads gewesen!

Wie könnten sich also jemals diese beiden Ideologien vereinen, wo der Muslim doch an die Führung und Fürsorge Gottes für seine Geschöpfe glaubt, und daran, dass der Islam nicht nur wegen wirtschaftlicher Missstände erschien?

2.) Nach kommunistischer Auffassung ist der Mensch ein passives Wesen, das gegenüber der materiellen und wirtschaftlichen Kraft keinen freien Willen besitzt. Karl Marx meint, dass man im sozialen Schaffen, das die Menschen betreiben, sie nur begrenzt Beziehungen knüpfen sieht, die unabhängig von ihrem Wollen sind. Es sei nicht das Gefühl der Menschen, das ihr Dasein bestimme, sondern ihr Dasein bestimme ihre Gefühle.

In der islamischen Begriffswelt ist der Mensch eine tätige Persönlichkeit mit eigenem Willen, der sich jedoch dem Willen Gottes unterwirft. So sagt der Koran: "Und Er hat das dienstbar gemacht flr euch, was in den Himmeln und auf Erden ist; alles ist von Ihm" (45:13). So wird bestimmt, dass der Mensch die oberste Kraft auf Erden ist, und dass die wirtschaftliche und materielle Kraft seinem Willen unterworfen ist. Der größte Beweis dafür ist der Islam selbst. Als die Menschen als Muslime in der Zeit des anfänglichen Islam lebten, bemerkten sie nicht, dass der ökonomische Fortschritt eine tyrannische Gewalt wäre, die sie in ihren Dienst stellte, unabhängig von ihrem eigenen Willen. Sie fühlten vielmehr, dass sie die Ökonomie nach den Anweisungen Gottes und mit Hilfe Seines Propheten formten. Sie schufen die sozialen Beziehungen nach der Leitung des Islam, und ließen Sklaven frei, ohne dass sie durch die Ökonomischen Verhältnisse dazu gezwungen worden wären, oder dass sie zuerst durch die Phase der Leibeigenschaft hätten marschieren müssen. Wenn wir also die kommunistische Wirtschaftslehre wählen, so gehen wir den Weg von willenlos der wirtschaftlichen Entwicklung ausgelieferten Menschen, die nur noch getrieben werden, ohne einen Gedanken an eine Veränderung zu verschwenden, da dies ja unmöglich wäre!

3.) Den nächsten Punkt haben wir bereits im Kapitel "Der Islam und das Recht auf Eigentum" ausgeführt. Wir sagten, dass man unmöglich zwischen Wirtschafts- und Sozialsystem trennen kann. So müssen wir im Kommunismus akzeptieren, dass das Sozialsystem darauf aufbaut, dass die Gesellschaft der Kern ist, während das Individuum unwichtig ist, bzw. nur als Teil dieser Gesellschaft gesehen wird. Im Gegensatz dazu hält die islamische Erziehung besondere Aufmerksamkeit für den Einzelnen für angebracht. So erwählt der Einzelne nach Ausbildung seines Gewissens seinen Platz in dieser Gesellschaft, indem er entscheidet, was und wo er arbeiten will, ja indem er sogar den Herrscher, der nicht nach dem Gesetz Gottes regiert, seines Amtes entheben kann. So macht der Islam den Menschen gerade durch die besondere Erziehung zum Selbstbewusstsein zum Wächter des Charakters der Gesellschaft, der versuchen muss, Unrecht zu ändern.

4.) Der letzte Punkt ist der, dass die kommunistische Philosophie sich alleine auf der wirtschaftlichen Antriebskraft begründet. Der islamische Verstand leugnet zwar nicht die Wichtigkeit der Ökonomie, noch die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Aufbaus auf einer gesunden Wirtschaft, doch er glaubt nicht daran, dass das Leben des Menschen nur aus der Sicht der Ökonomie beurteilt werden kann, und sich alle Probleme dadurch lösen lassen. Wenn wir z.B. von zwei Jünglingen ausgehen, die beide wirtschaftlich völlig gleich gestellt sind, der eine jedoch sich nur dem Genuss seiner Leidenschaften hingibt, in denen er ausweglos verstrickt ist, und der andere wohl in Maßen für seine körperlichen Bedürfnisse sorgt, jedoch den Rest seiner Energie dafür aufspart, seinen geistigen und wissenschaftlichen Horizont zu erweitern, dann können wir die beiden nicht gleichsetzen. Oder wenn von zwei Männern einer eine solch starke Persönlichkeit besitzt, dass ihm alle Leute zuhören und seinen Anweisungen folgen, der andere aber nichts anderes als das Scherzobjekt seiner Freunde ist, so kann hier auch das wirtschaftliche Umfeld wenig ausrichten.

Aus diesem Grund existieren im Islam auch noch andere Werte als nur die wirtschaftlichen, und ganz besondere Betonung erfahren dabei die charakterlichen. Diese anderen Werte benötigen ebenfalls ein funktionierendes System, das nicht weniger wichtig als das Ökonomische ist, und das auf einer ständigen Verbindung zwischen dem Herrn und Seinem Geschöpf begründet ist So erfahren die Menschen eine Erhebung in eine Welt, in der das Gute und das Mitgefühl überwiegt.

Der Islam geht zusätzlich davon aus. dass gerade die seelische Kraft einen besonderen Stellenwert besitzt, die einen gewaltigen Einfluss auf das Leben des Menschen hat. Sie ist sogar in manchen Situationen beherrschender als alle anderen Kräfte, wie wir das am Beispiel Abu Bakrs ersehen können, der nach dem Tod des Propheten ganz alleine gegen die Masse von Menschen auftrat, die vom Glauben abfallen wollten. Woher hatte er diese Energie? Die materielle, wirtschaftliche, menschliche Kraft hätte ihn auf den Kampf verzichten lassen. Aber diese geheimnisvolle seelische Kraft war es, die Abu Bakr mit seinem Schöpfer verband und ihm Persönlichkeit und Größe verlieh. Sie verwandelte die Zweifler nicht nur in Rückkehrer, sondern sogar in Begeisterte. Sie war es auch, die das Gefühl in eine materielle und wirtschaftliche Stärke verwandelte, die die Menschheit noch nie gesehen hatte. Ein anderer Beweis für diese besondere seelische Kraft ist "Ulnar Ibn 'Abdul-'Aziz, der alleine gegen die Unterdrückung und das Unrecht auftrat, das die Bani Umayya begonnen hatten, und alleine dafür kämpfte, dass alles wieder so wurde, wie es sein sollte, so dass in seiner Zeit das wirtschaftliche Wunder erreicht wurde, dass es keine Armen mehr gab! Aus diesem Grund glaubt der islamische Verstand an die seelische Energie, weil sie keine Gelegenheit vorbeigehen läßt, den Menschen von ihren Wundern profitieren zu lassen.

Manche Leser werden nach den praktischen Auswirkungen dieses "Zusammenprallens" zwischen Islam und Kommunismus fragen und sich mit der geistigen Auseinandersetzung nicht begnügen. So sollen hier noch einige Punkte aufgezählt werden:

1.) Der Islam sieht die Hauptaufgabe der Frau in der Fürsorge und Pflege des menschlichen Nachwuchses, und stimmt einem Verlassen dieser Pflicht nur unter der Bedingung einer Notwendigkeit zu.

Der Kommunismus jedoch sieht die Frau genauso wie den Mann da/u verpflichtet, an der wirtschaftlichen Produktion teilzunehmen. Die Unfähigkeit der Frau zur Teilnahme am Produktionsprozess in den Wochen bzw. Monaten vor oder nach einer Geburt bedeutet bereits Verlust genug. So übernehmen Kindergärten und -krippen die Aufzucht der Kinder nach dem Prinzip der wirtschaftlichen Massenproduktion.

2.) Das kommunistische System ist auf der Diktatur begründet. Es ist der Staat, der den Arbeiter anstellt, die Art der Arbeit für ihn bestimmt, und den Platz seines Wirkens festlegt. Der Staat ist es auch, der den politischen Weg vorzeichnet, während es dem Volk aufgetragen ist, diesen Weg mitzugehen. Das kann nur funktionieren, wenn der Staat auch die Aufsicht über alle Gedanken, Aussprüche, Versammlungen und Belehrungen ausübt. Freiheit kann nicht geduldet werden, da sie zur Kritik am System oder an der Regierung fuhren könnte, und das kann der Staat auf keinen Fall dulden. Die "Diktatur des Proletariats" ist eine Diktatur des Staates, die zu unterscheiden ist von der Diktatur eines einzelnen Regierenden. Der Regent selbst kann in seiner Person ein umgänglicher, bescheidener Mensch sein, der das Gute für die Menschheit verwirklichen will. Doch die Diktatur des Staates bedeutet ein Weiterfuhren des Wirtschaftssystems und seine Überwachung mit Gewalt.

Als letzter Zusatz ist noch zu erwähnen, dass der Kommunismus sich selbst widerlegt. Man begann den Weg mit der Aufhebung des persönlichen Eigentums und der Nivellierung aller Arbeitslöhne. Sodann stellte sich heraus, dass der Druck der Wirklichkeit doch größer war, als man angenommen hatte, und so ging man wieder schrittweise dazu über, Privateigentum zu erlauben und besondere Leistungsprämien auszubezahlen, um die Arbeiter zu besseren Ergebnissen anzuspornen. So verzichtete man auf zwei grundsätzliche Prinzipien und machte zwei Schritte näher zum islamischen System. Warum also sollten wir das Original bleiben lassen, und zu Systemen greifen, die selbst immer wieder auf diesen Ursprung zurückgreifen, wenn sie ins Wanken geraten?

Quelle: Einwände gegen den Islam 

von: Muhammad Qutb

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