Über den Islam

Gründe für Missverständnisse und Vorurteile über den Islam

Gründe für Missverständnisse und Vorurteile über den Islam

Die derzeit herrschenden Missverständnisse und Vorurteile über den Islam sind z.B. die angebliche "Unterdrückung der Frau im Islam", "Zwangsheirat im Islam", der "islamische Fundamentalismus und Terrorismus", der seinen "heiligen Krieg" gegen die "Ungläubigen" führt.



Für ein friedliches Nebeneinander verschiedener Religionen in Europa und an anderen Orten ist es aber sehr wichtig dass Missverständnisse vermieden werden.


Daher soll im Folgenden erklärt werden wie diese und ähnliche Missverständnisse und Vorurteile über den Islam überhaupt entstanden sind bzw. wie weitere Missverständnisse enstehen könnten und welche Lösung sich anbietet dem entgegenzuwirken.

Wie sind Missverständnisse und Vorurtele über den Islam überhaupt entstanden? Und wie können diese vermieden werden?


"Die langjährige Erfahrung im interkulturellen Dialog lehrt, dass es insbesondere folgende vier Aspekte sind, die es Nicht-Muslimen schwer machen, ein authentisches Bild vom Islam zu erhalten:

1) Zum einen gelingt vielen aufgrund mangelnden Wissens um die Materie eine Unterscheidung zwischen Kultur und Islam kaum oder gar nicht ein Umstand, der übrigens auch für Muslime selbst gilt. Es darf und kann nicht alles, was z.B. aus Saudi-Arabien oder der Türkei kommt, dem Islam zugerechnet werden. Ebenso wie z.B. nicht alles, was aus den USA oder der Ukraine stammt, dem Christentum angerechnet werden darf.

2) Der zweite Aspekt, der es Nicht-Muslimen erschwert, ein authentisches Bild vom Islam zu erhalten, liegt darin, dass viele von ihnen sich diesbezüglich nicht von entsprechend qualifizierten Muslimen, sondern wiederum von Nicht-Muslimen über den Islam informieren lassen.

Ebenso wie es geradezu paradox erscheint, dass man sich etwa auf Vorträgen beispielsweise von einem Mann die „Rechte der modernen Frau“ erklären lässt, von einem katholischen Pfarrer die „Leistungen Martin Luthers“ dargestellt bekommt, oder von einem weißen Südstaatler über die „spirituelle Kultur“ der Indianer informiert wird, ebenso fragwürdig muss es auch erscheinen, wenn man sich den Islam nahezu ausschließlich von Nicht-Muslimen präsentieren lässt. Dass ein solches Vorgehen nur wenig zum Erkenntniserwerb beitragen kann, liegt geradezu auf der Hand.

Die Ansichten und Darstellungen von Nicht-Muslimen und oftmals selbsternannten „Islam-Experten“ sollten lediglich ergänzend dazu dienen, iese mit dem authentischen Islam zu vergleichen, um so zu einem möglichst objektiven Ergebnis über deren Richtigkeit oder eben auch Unrichtigkeit zu gelangen.

3) Der dritte Aspekt, der ein Verstehen des Islam erheblich erschwert, besteht darin, dass sich die Muslime und deren Gelehrte derzeit selbst in einer geradezu ramatischen Krise befinden. So sind die so genannten „islamischen Kulturräume“ heutzutage oft von einem hohen Grad an Analphabetismus, Patriarchismus und ückständigkeit geprägt, der es selbstverständlich in vielerlei Hinsicht rschwert, ein dem Islam entsprechendes Bild zu präsentieren.

Die autokratischen und diktatorischen Regime „islamischer Länder“, die nicht selten jegliches Denken zu verbieten suchen, sowie die Auswüchse radikal-literalistischer Randgruppen, die seit jüngerer Zeit einen „Kampf der Kulturen im Namen des Islam“ propagieren und durch spektakuläre Aktionen die eigentliche Mehrheit der Muslime bei weitem übertönen, tun ihr Übriges, um ein entsprechend negatives Bild „vom Islam“ zu verbreiten, das wiederum von westlichen Medien unter anderem wohl zur Befriedigung wirtschaftlicher Interessen eifrig aufgegriffen und ausgeschlachtet wird.



4) Der vierte und letzte Punkt schließlich, der hier angeführt werden muss, besteht darin, dass kultureigene Begriffe ohne eine nötige Beschäftigung mit dem „Fremden“, auf andere Kulturen übertragen werden. Das Gefangensein in den, von der eigenen Kultur definierten und geprägten Urtypen, Begriffs- und Denkmustern sowie in der eigenen Sprache, ist an sich zwar etwas völlig Normales, diese Befangenheit muss jedoch zum Begreifen fremder Kulturen unbedingt aufgebrochen oder zumindest entschärft werden. Die einzige Möglichkeit dazu, besteht darin die Begriffe, wie sie zum Beispiel im Islam verwendet werden, aus islamischer Perspektive und nicht aus der kultureigenen Perspektive zu definieren und zu begreifen.

Welche Problematik sich aus dem erwähnten Aspekt für eine Übersetzung islamischarabischer Begrifflichkeiten ergibt und der Umstand, dass bestimmte Begriffe nur durch eine eingehende Beschäftigung aus der „Perspektive des jeweils anderen“ wirklich verstanden werden können, soll hier beispielhaft am Terminus des „Iman“ verdeutlicht werden.

„Iman“ wird im Deutschen in der Regel als „Glaube“ wiedergegeben. Nur dem Kenner offenbart sich sofort, dass hier eine grundlegende Fehlübersetzung vorliegt, denn das arabische Wort „Iman“ hat weder sprachlich, noch im islamisch-fachspezifischen Sinne irgendetwas mit Glauben zu tun. Sowohl linguistisch, als auch fachspezifisch ist unter Iman, als ein arabisches Synonym für Al-Yaqin, eine „Gewissheit“, also etwas auf einem gesicherten Wissen Basierendes zu verstehen.

Deshalb ist insbesondere für den entsprechend gebildeten Muslim zum Beispiel die Existenz Gottes eine Gewissheits- und keine Glaubensfrage. Folgerichtig lautet das islamische „Glaubensbekenntnis“: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt, und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“ Denn Bezeugen setzt anders als Vermuten, Meinen oder Glauben, ein gesichertes Wissen voraus.

Der eine mag diese Position islamischer Gelehrter als hochnäsig abtun, der andere mag verstehen, dass es sich bei der „Übersetzung“ des Wortes „Iman“ mit „Glaube“ oder z.B. englisch „belief“ um eine Übertragung des eigenen Weltbildes handelt, in der Religionen oder Gott mit einer bloßen Vermutung zu tun haben, nicht jedoch mit einer - noch dazu vom Islam beanspruchten Möglichkeit für eine auch rationale - Gewissheit.


Auch Begriffen wie Religion, dem Begriff Gott, dem der Engel oder auch z.B. des Teufels liegen aus islamischer Perspektive völlig andere Verständnisse zugrunde, als dies oft aus einer christlich-kulturellen Sicht der Dinge und ohne die nötige Auseinandersetzung angenommen wird. Wichtige Unterschiede zum Christentum sind überdies z.B. die folgenden:


1) Der Islam lehnt die Idee eines „Gottessohnes“ oder der „Dreifaltigkeit“ ab.
2) Der Islam kennt keinen Klerus, keine Gruppe unfehlbarer Religionsmänner, keinen „Papst“ oder irgendeine Mittlerrolle zwischen Mensch und Gott.
3) Der Islam akzeptiert und vereint eine enorme Vielfalt von Schulen und Lehrmeinungen unter „einem gemeinsamen Dach“ und erachtet diese als einen großen Segen.
4) Der Islam kennt keine besonderen Rituale für einen Übertritt. Jeder Mensch, der folgenden Satz bewusst und willentlich bezeugt, gilt als eine Muslima bzw. ein Muslim: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt, und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“
5) Der Islam kennt keine Erbsünde und geht davon aus, dass jeder Mensch für sich selbst und nur für das eigene Handeln vor seinem Schöpfer verantwortlich ist.
6) Der Islam sieht sich als eine Religion, die mit Rationalität und Wissenschaft in hohem Maße harmoniert und fordert den Menschen zum Gebrauch seines Verstandes und zum Wissenserwerb auf.

Besonders wichtig ist es an dieser Stelle zu betonen, dass sich insbesondere der westliche Leser selbst überprüfen sollte, ob er eine wirklich erkenntnisbringende Beschäftigung mit dem Islam betreibt oder ob es ihm in einer oberflächlichen Weise lediglich darum geht, seine oft vorhandenen Vorurteile über diese Religion immer wieder aufs Neue für sich selbst zu bestätigen. Dazu schreibt z.B. der Jurist und zum Islam konvertierte Botschafter der Bundesrepublik Deutschland a.D. in Marokko und Algerien – Dr. Murad Wilfried Hofmann – sehr treffend:

„Getrieben von Angst vor radikalem Fundamentalismus, Integrismus, „Heiligem rieg“ und dem (in mehreren Buchtiteln beschworenen) „Schwert des Islam“, egnügt sich mancher Leser mit vordergründig politischen und sozialen rläuterungen.

Doch Dynamik und Hingabefähigkeit der zeitgenössischen Muslime sind ohne enntnis ihres Glaubens, der Weltreligion Islam und seiner Spiritualität, weder zu verstehen noch zu erahnen.“


Hofmann, Murad Wilfried: Der Islam als Alternative, mit einem Vorwort von Annemarie Schimmel, 2. Aufl., München, Diederichs 1993, S. 7."


Quellen:
Von  Samir Suleiman (qalam.de)
Suleiman, Samir: Der Islam muss kein Rätsel sein, qalam.de

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