Über den Islam

M7

Ist Religion bereits passé? (1)

Ein Großteil unserer "kultivierten" Bevölkerung leidet heutzutage unter einer schweren Religionskrise.


Ist Religion eine Wahrheit des Lebens? Und wenn dies für die Vergangenheit Geltung hatte, verhält es sich heute noch immer so, wo die Wissenschaft das Gesicht des Lebens völlig verändert hat und außer für sie und die von ihr festgestellten Tatsachen kein Platz mehr ist?

Ist die Religion ein Bedürfnis des Menschen? Oder ist sie eine "Privatangelegenheit", über die der Einzelne frei entscheidet?

 

Außerdem befinden sie sich in einer schweren Auseinandersetzung mit dem Islam im besonderen. Seine Anhänger behaupten: Diese Religion ist ein perfektes System. Sie ist nicht nur Ideologie, nicht nur eine Ausbildung des Geistes oder eine Erziehung zu guten Eigenschaften, sondern sie ist neben all dem auch ein gerechtes Wirtschaftssystem, ein ausgewogenes Sozialsystem, ein Zivil- und Strafrechtssystem, ein Recht zur Regelung der internationalen Beziehungen, eine gedankliche Wegweisung und eine Ausbildung der körperlichen Fähigkeiten.

 

So stellen sich nun jene Kritiker zahlreiche Fragen, da sie der Meinung waren, der Islam wäre an seinem Ende angelangt und hätte seine Aufgabe bereits erfüllt. Sie wurden von den Anhängern des Islam überrascht, die ihnen sagten: "Diese Religion gehört keineswegs zu den historischen Antiquitäten, die im Museum der Ideen. Systeme und Ideologien abgeladen werden. Sie ist vielmehr bis zu diesem Zeitpunkt ein lebendiges Wesen, und es besitzt die Lebensinhalte der Zukunft, wie sie keinem anderen dem Menschen bekannten System, eingeschlossen dem sozialistischen und I.ommunistischcn. zueigen sind."

Solche Aussagen überraschen jene "Kultivierten", und sie beginnen zu fragen: "Ist dies nicht das System, das die Sklaverei, das Feudalwesen und den Kapitalismus erlaubt? Das System, das der Frau den halben Wert des Mannes zumißt und sie in ihrem Haus gefangen hält? Das System, das die Steinigung und das Abhacken von Gliedmaßen und die Auspeitschung zu legalen Strafen macht? Das System, das seine Anhänger zu Almosenempfängern macht, die Gesellschaft zweiteilt in eine Schicht der Empfangenden und der Gebenden, die von den ersteren ausgenützt werden, bei dem diejenigen, die sich abmühen, keine Sicherheit auf ein ehrenhaftes Leben haben? Kann dieses System heute leben und einer besseren Zukunft vorgezogen werden? Kann es überhaupt noch überleben neben der großartigen Übermacht der heute entstehenden sozialen und wirtschaftlichen Systeme nach den "wissenschaftlichen" Methoden? Kann ihm der Vorzug gegeben werden neben diesen Giganten des Wettbewerbs und des Erfolgs?!

 

Und so muß man den derartig "Gebildeten" erst einmal vor Augen fuhren, wo diese Zweifel ihren Ursprung haben, um zu wissen, ob sie ihre eigenen Gedanken aussprechen, oder ob sie nur nachplappern, was sie nicht verstanden haben.



 

Sicher sind dies nicht ihre eigenen Zweifel, noch sind sie Ergebnis ihres eigenen Denkens. Und so möchten wir einige Schritte zurück unternehmen, um uns ein wenig mit der jüngeren Geschichte zu befassen.

 

Im Mittelalter kam es zu den Kreuzzügen, in denen das Feuer zwischen Europa und der islamischen Welt hoch aufloderte. Danach schien es für einige Zeit erloschen zu sein. Wer jedoch denkt, daß es sein Ende gefunden hatte, der irrt, denn Lord Allenby schreit es heraus, als er im Ersten Wellkrieg in Jerusalem steht: "Jetzt sind die Kreuzzüge beendet!"

 

In den letzten 200 Jahren griffen die europäischen Staaten nach der islamischen Welt, und im Jahre 1882 besetzten die Engländer mit ihrer Armee Ägypten, nachdem Tawfiq sein Land an die Briten verraten hatte, und nachdem sie die Volksrevolution unter der Führung cUrabis niedergeschlagen hatten. Es gab keinen Zweifel für die Engländer, daß sie den Weg einer Politik gehen mußten, durch die sie festen Fuß fassen konnten. Sie hatten sich vor allem gegen den islamischen Geist zu schützen, der im Falle seines Zunehmens und Stärkerwerdens wie ein Sturmwind eines Tages über sie hereinbrechen konnte. Und hier erinnern wir uns an Mr. Gladstone, den britischen Premierminister zur Zeit Königin Viktorias. der mit aller Deutlichkeit und Lautstärke über diese Politik sprach, indem er den Koran in seiner Hand hielt und vor dem versammelten Unterhaus sprach: "Solange dieses Buch in den Händen der Ägypter ist, gibt es für uns kein sicheres Verbleiben in diesem Land!"

 

Also bestand die verlangte Politik darin, die Heiligkeit dieser Religion zu vernichten und sie aus den Seelen ihrer Anhänger zu reißen, indem man ihr Bild in der Gedankenwelt und im Gewissen ihres Volkes verunstaltete, um es am Festhalten an den Gesetzen und der Kultur dieser Religion zu hindern und so den Kolonialherren das Verbleiben in diesem Land zu ermöglichen!

Auf diese Weise gingen die Engländer in Ägypten vor. und sie sorgten durch ihre Bildungspolitik dafür, daß nichts über die Wahrheit des Islam unterrichtet wurde, außer die grundlegendsten gottesdienstlichen Pflichten und den Dhikr und die Masabih der Sufis. Der Koran wurde gelesen, um Gottes Segen zu erlangen, zusätzlich wurden noch allgemeine Anweisungen zur Charakterbildung erteilt! Jedoch der Islam als Wirtschaftssystem, als System des Rechts und als Verfassung zur Regelung der Außen- und Innenpolitik, der Islam als Erziehungs- und Bildungssystem, der Islam als Lebensweg, davon wurde den Studenten und Schülern nichts unterrichtet. Statt dessen wurden ihnen die Zweifel und Anschuldigungen gelehrt, die den Orientalisten und anderen "Kreuzzüglern" Europas zu verdanken waren. So war es nun die europäische Denkweise, der die Gesetzessysteme entnommen wurden, es waren die Menschenrechte von der französischen Revolution erfunden worden, die Demokratie von den Engländern, und die "Zivilisation" wurde von den römischen Imperatoren begründet. So wurde ihnen kurzgefaßt dargestellt, daß Europa als übermächtiger Koloß vor ihnen stand, dem sich nichts in den Weg stellen konnte, während der Orient als schwacher Zwerg erschien, dem nichts zum Aufstieg verhelfen konnte, außer seine Ergebenheit für Europa, um sich von dort seine neue Identität zu holen.

 

Diese Politik zeigte ihre Wirkung. Und so wuchsen Generationen von Ägyptern heran, denen man weder Selbständigkeit noch Persönlichkeit anmerkte. Generationen, die zu Sklaven Europas gemacht wurden und die darin völlig untergingen. Generationen, die nicht mit ihren Augen sahen und nicht mit ihren Gehirnen dachten, die nichts erblickten, als das, was die Europäer für sie sahen und die kein Gedankengut, das nicht von den Europäern gewollt war, übernahmen. Und so wie in Ägypten geschah es auch in jedem anderen Fleck der islamischen Welt. Unsere heutigen "Intellektuellen" sind daher ein Ergebnis dieser politischen Planung, die die Imperialisten für die islamische Welt von einem Ozean zum anderen vorgezeichnet halten.

Sie wissen über den Islam nichts außer Verleumdungen, und sie kennen von der Religion nur das. was die Europäer ihnen zukommen ließen. Deshalb rufen sie wie diese nach der Trennung von Religion und Staat und nach der Trennung von Wissenschaft und Religion

Und sie vergessen in ihrer Unwissenheit, daß die Religion, von der sich die Europäer entfernten, und die Religion, von der die Anhänger des Islam sprechen, zwei grundverschiedene Angelegenheiten sind. Die Umstände, in denen sich Europa befunden hatte und die zur feindseligen Einstellung gegenüber der Kirche, ja zur regelrechten Religionsflucht geführt hatten, waren spezifisch für das dort lebende Volk. Nichts Vergleichbares geschah im islamischen Orient und wird auch nicht geschehen. Mit dem Ruf also nach dem Verlassen der Religion bzw. nach der Trennung zwischen Religion und dem täglichen Leben, den gesellschaftlichen Angelegenheiten und der Wirtschaftspolitik importieren sie fertiges Gedankengut und wiederholen das, was auch dort ausgesprochen wird.

 

Der Bruch zwischen Wissenschaft und Religion in Europa erfolgte, weil die Kirche dort das sogenannte "Wissensgut" zu beherbergen glaubte und behauptete, es handle sich um heilige Wahrheiten, um Worte des Himmels. Als sodann theoretische und praktische Wissenschaften mit ihren Erkenntnissen die Oberhand gewannen, war kein Zweifel mehr daran, daß die Menschen der Wissenschaft glaubten und an der Kirche ungläubig wurden. Hinzu kam noch, daß die Kirche sich selbst göttlichen Herrschaftsanspruch zugemessen halte und sich auf die Anwendung und Erfüllung dieser Ansprüche in diktatorischer Weise versteift haue, so daß sie letztendlich wie ein schreckliches Ungeheuer erschien, das die Menschen Tag und Nacht verfolgte. So waren die Folter und das Verbrennen, mit denen man Wissenschaftler verfolgte, weil sie beispielsweise von der kugelförmigen Gestalt der Erde sprachen, von einer solchen Grausamkeit, daß sie damit jeden Denker oder Besitzer eines wachen Gewissens dazu zwangen, bei der Vernichtung dieses Ungeheuers beizustehen, bzw. ihm die Macht zu nehmen. Daher war diese Häresie, wie dies die Kirche bezeichnete, dort eine heilige Pflicht der freien Denker.

 

Wir befinden uns aber hier im islamischen Orient, also was hat das mit uns zu tun? Warum sollten wir zwischen der Religion und der Wissenschaft trennen wollen, um Streit und Zwietracht dazwischen zu säen? Welche wissenschaftliche Wahrheit wurde hier von der Religion vernichtet, oder wann wurden jemals im Zeichen des Islam Wissenschaftler verfolgt? Die Geschichte zeugt von großen Gelehrten auf dem Gebiet der Medizin, der Astronomie, der Technik, der Biologie und der Chemie, die im Zeitalter des Islam wirkten, ohne daß in ihren Seelen ein Kampf zwischen Wissenschaft und Religion herrschte, und es kam niemals zu Folterungen oder Verbrennungen.

Also was treibt jene "Gebildeten" dazu, ohne Bildung oder genaueres Nachforschen eine Trennung von Religion und Wissenschaft zu fordern, oder die Vernichtung der Religion zu betreiben, außer das Gift der Kolonialmächte, das sie in sich iragen ohne es zu merken? Jene Art der Intellektuellen hatte ich nicht im Sinn, als ich diese Artikel schrieb, da sie nicht aus ihrem Irrtum erwachen werden, bis diejenigen im Westen, deren Vorbild  sie   nachahmen,  an  ihrer  materiellen,  atheistischen   Kultur verzweifeln und bemerken, daß sie nicht der wahre Weg ist, und zu einem System zurückkehren, das Religion und Leben vereint.

 

Ich hatte vielmehr die aufrecht denkende Jugend vor Augen, die in ihrer Suche nach der Wahrheit ehrlich ist. jedoch auf ihrem Weg stets Angriffen ausgesetzt ist, auf die sie keine Antwort weiß, da durch die Kolonialzeit der Weg zum Licht verdeckt wurde, und sie so im Dunkeln stehengelassen wurden, damit sie den Weg zur Freiheit. Selbstachtung und zum Aufstieg nicht finden mögen.

Dieser Jugend möchte ich die Artikel widmen und bitte Allah, daß er mir Erfolg bescheren möge und ich die Verleumdungen aus Seinem Weg räumen möge.

Von

Mohammed Qutb

 

Auch interessant

Spende für Weg zum Islam
Pixel
Live Konvertierung zum Islam

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erfahren Sie die neusten Beiträge immer als erstes!.

Unsere Facebook Seite

Meistgelesene Artikel


 

Suche