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Prüfungsfach: Menschlichkeit

 



Es ist noch nicht dunkel draußen. Die Geschäfte haben noch geöffnet. Einige Kinder spielen sogar noch auf dem Spielplatz mit ihren Eltern und genießen die letzten Sommertage, bevor der Herbst beginnt. Menschen sind mit ihren Hunden spazieren und andere zelebrieren ihren Feierabend mit einem Eis und der besten Freundin auf einer Sitzbank im Stadtpark.

Mitten drin bin ich. Ich und meine Angst. Mein Unwohlsein. Mein neuer Kleidungsstil, den ich versuche weniger auffällig zu gestalten. Keine langen Gewänder mehr. Mehr Farben. Und Etwas Schmuck. Ob mir diese Veränderung ein sichereres Gefühl schenkt?

Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht. Ich stehe immer noch sehr weit von Bahngleis entfernt und schaue immer wieder nach hinten, wenn ich die Treppen runterlaufe. Menschen, die mir zu nahe kommen werden meine Angst sicher bemerken.

Nein, ich wohne nicht in Damaskus oder Bagdad. Ich erzähle ich von meinen Gedanken und Gefühlen aus meiner Heimatstadt. Berlin. Alles ist mir plötzlich so fremd.

Die Menschen.

Die Medien.

Die Politiker.

Ja selbst die Besucher der Buchhandlungen.

Während ich in der Abteilung der Klassiker stehe und mir „Die Kinderhymne“ von Bertolt Brecht durchlese, schenkt mir ein junger Mann einen hasserfüllten Blick auf den ein „Kopftuchschlampe“ folgt.



Ja er sagte es zwar leise aber laut genug, dass es bis heute in meinen Ohren klingt. Ich weiß nicht was geschehen ist.

Vor weniger als einem Jahrzehnt wurde ich in einer Geschichtsklausur gefragt, ob es möglich ist, dass der Rechtsextremismus in Deutschland wieder seine Anhänger findet. Ich beantwortete diese Frage mit einem klaren „Nein“ und begründete dies ausführlich. Die Menschen seien aufgeklärt. Jeder wisse mittlerweile, dass Rechtsextremismus die erste Berührung mit Hass ist und Hass die erste Berührung mit dem Krieg. Und Krieg bedeutet Tote. Unschuldige. Trümmer. Verlierer. Keine Sieger. Es gibt keine Sieger im Krieg.

Ich bekam damals die Bestnote. Meine Lehrerin unterschrieb meine Aussagen. Das bedeutet doch, dass wir schonmal weiter waren als heute. Dass wir als deutsches Volk aktuell in die falsche Richtung laufen. Warum? Warum muss jemand wie ich Angst haben am frühen Abend alleine im Stadtpark zu spazieren? Was diese Angst bedeutet? Dass ich den Sonnenuntergang nur noch mit einem Pfefferspray in meiner Hand genießen kann. Dass ich nicht mehr auf einen Spielplatz gehe, wenn dort nicht mehrere Familien sind und einem enttäuschten Kleinkind erklären muss, dass wir lieber auf den anderen Spielplatz gehen, um mit anderen Kindern zu spielen.

Meinem Sohn zu erklären, dass es nicht sicher ist, wenn wir hier alleine unseren Spaß haben wollen, möchte ich nicht. Dass im Notfall keiner helfen kann, wenn uns ein Rassist belästigt oder gar angreift. Oft denke ich in solchen Situationen an Marwa El-Sherbini.

Die aktuellen Ereignisse von Chemnitz sorgen für noch mehr Sorgen und Ängste. Ich versuche mir immer wieder einzureden, dass wir mehr sind. Dass die Mehrheit des deutschen Volkes tolerant ist. Weltoffen. Hilfsbereit und freundlich.

Dass die meisten meine Einladungen zum Fastenbrechen annehmen und mich zum Weihnachtsessen willkommen heißen würden – selbst in einem langen Gewand. Das Problem ist, dass diese Menschen viel zu leise sind. Ihnen wird kein Sprachrohr geboten. Weder von den Medien noch von den Politikern. Im Gegenteil. Die Headlines und Titelblätter gehören den Nazis. Oder den Meldungen, welche den Hass der Nazis füttern.

Was Deutschland gerade erlebt ist in meinen Augen keine politische Debatte. Kein versuch die Regierung zu putschen. Kein Aufstand von rechts. Das was wir aktuell in Deutschland leben ist eine Prüfung.

Die Prüfung auf unsere Menschlichkeit. Empathie. Wir werden darin geprüft, ob wir wirklich gelernt haben aus der eigenen Geschichte. Jeder von uns wird geprüft. Ich weiß nicht genau welches Samenkorn wir alle in den letzten Jahren gesät haben. Es scheint mir aber als würde es gerade keimen.

Von: Nesrin Ch

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