D Das Leben des Propheten

Soldier

19. Von den beiden Kriegszügen bis Al Hudaibija

 


Neuordnung der arabischen Gesellschaft

Nach der Schlacht am Graben und der Vernichtung der Banu Kuraiza nahmen die Dinge für Muhammad (s.a.s.) und die Muslime einen günstigen Verlauf. Die Araber fürchteten sie aufs äußerste, und viele der Kuraisch dachten nun darüber nach, ob es für sie nicht besser gewesen wäre, wenn sie mit Muhammad (s.a.s.) einen Waffenstillstand geschlossen und ihm gegenüber aufrichtig gehandelt hätten. Gehörten er doch zu ihnen und sie zu ihm, und waren doch unter denen, die mit ihm ausgewandert waren, ihre Führer und Edelleute!

Die Muslime kamen zur Ruhe und fühlten sich sicher, nachdem sie den Juden in der Umgebung Medinas ein Ende gesetzt hatten und diese sich danach niemals mehr gegen sie erheben würden. Deshalb blieben sie sechs Monate in Medina, während derer sie Handel trieben und auf diese Weise etwas von den Annehmlichkeiten des Lebens genossen. Ihr Glaube an die Botschaft Muhammads (s.a.s.) und die Befolgung seiner Lehren nahmen zu. Sie bewegten sich mit ihm auf eine Neuordnung der arabischen Gesellschaft hin, wie sie bei ihnen zuvor nicht üblich war. Sie war jedoch unentbehrlich für eine organisierte Gesellschaft mit eigenem Wesen und einer Einheit, wie sie sich unter der Herrschaft des Islam allmählich herausbildete.

Zur Zeit des vorislamischen Heidentums kannten die Araber keine feste Ordnung außer dem, was ihre Gewohnheiten festschrieben. Sie kannten hinsichtlich der Familie und ihrer Ordnung, der Heirat und ihrer Bestimmungen, der Scheidung und ihrer Einschränkungen sowie der gegenseitigen Beziehungen zwischen den Ehegatten und den Kindern nur, was die Natur jener Umwelt diktierte. Einer Umwelt, die bald in der Ungehemmtheit sehr weit ging und bald von Härte und Beschränkungen bis an die Grenze der Sklaverei und ihrer Tyrannei reichte. Der Islam aber sollte die heranwachsende islamische Gesellschaft, die noch keine Tradition hervorgebracht hatte, ordnen. Er sollte ihr in kurzer Zeit den Weg bahnen, den Kern einer Kultur zu begründen, die später die Kultur der Perser, Römer und Ägypter ordnen und ihnen ihr islamisches Gepräge geben sollte. Er würde allmählich Fortschritte machen, bis er seine Vollkommenheit an dem Tage erreichen würde, an dem die Worte des Erhabenen geoffenbart würden:
"Heute habe ICH für euch eure Religion vollendet und MEINE Gnade an euch erfüllt und euch den Islam als Religion erwählt." (5; V. 3)

 

Beziehung zwischen Mann und Frau

Wie auch immer die Ansicht über die Zivilisation Arabiens und sein Wüstendasein vor dem Islam sein mag und ob Städte wie Mekka und Medina eine Zivilisation besaßen, die die Wüste nicht kannte, oder ob sie sich ebenfalls auf den untersten Stufen der Zivilisation befanden: die Beziehungen zwischen Mann und Frau in dieser arabischen Gesellschaft gingen gemäß dem Zeugnis des Qur´aan und der erhalten geblichenen Spuren jener Epoche in ihrer Gesamtheit nicht über die Beziehung männlich/weiblich hinaus. Sie wich, von volks- und sippenbedingten Unterschieden abgesehen, nicht wesentlich von den Verwandtschaftsbeziehungen der ersten Menschen ab.

Deshalb pflegten sich die Frauen im frühen vorislamischen Heidentum zu schmücken und ihre Schönheit zu zeigen, ohne sich dabei auf ihre Ehegatten zu beschränken. Sie zogen einzeln und zu zweit und in Scharen aus, ihre Notdurft in Mulden in der Wüste zu verrichten. Und sie trafen sich mit Jugendlichen und Männern, während sie sich in Gemeinschaft befanden. Niemand von ihnen lehnte es ab, lüsternste Blicke und honigsüße Rede auszutauschen, woran sich das Männliche erquickt und womit das Weibliche sich Beruhigung schafft. Diese Beziehung - und was sie bei den Menschen hinterließ - ging so weit, dass Hind, die Frau Abu Sufjans, es sich nicht nehmen ließ, den Kuraisch im Krieg am Tag von Uhud mit übergroßem Eifer und äußerster Heftigkeit zuzurufen: "Dringt ihr vor, umarmen wir euch und breiten die Polster für euch aus. Flieht ihr aber, trennen wir uns ohne Zärtlichkeit."

 

Leidenschaftliches Gerede und Erwachen von Kampfhandlungen

Ehebruch war damals bei manchen Stämmen kein Vergehen von großer Bedeutung. Das Flirten wurde von allen Arabern gebilligt. Die Chronisten berichten von eben dieser Hind ungeachtet der Stellung Abu Sufjans und seiner Bedeutung Worte der Liebesleidenschaft und des Verlangens, die an ihrer Stellung bei ihrem Volk bzw. ihren Angehörigen nichts änderten.

Darüber hinaus pflegte eine Frau, wenn sie gebar und der Vater ihres Kindes nicht bekannt war, keinen Widerwillen zu empfinden zu erzählen, wer von den Männern mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt hatte, damit ihr Kind dem zugeschrieben würde, dem es am ähnlichsten war. Es gab zu jener Zeit für die Zahl der Frauen und Sklavinnen keine Grenze oder Einschränkung. Es stand dem Mann frei zu heiraten, soviel wie er wollte, und sich Konkubinen zu nehmen, soviel wie er wollte. Sowohl den Männern als auch den Frauen stand es frei zu zeugen, soviel wie sie wollten.



All diesem wurde keine besondere Bedeutung zugemessen, es sei denn, es kam an den Tag und man fürchtete die Schande und die nachfolgenden gegenseitigen Spottgedichte. Dann jedoch wusste keiner, welche Feindseligkeiten und Kampfhandlungen daraus resultierten. In diesem Fall änderte sich die Lage der Dinge vollkommen. Man konnte sehen, wie die Liebe, die zuvor den Kampf der Begierden und das Aufleben der Leidenschaft verdeckt hatte, nun die Feindseligkeit enthüllte. Sie wurde nun zum Grund für eine blutige Schlacht und das Aufleben des Kampfes. Wenn dann die Feindschaft ausgebrochen war, stand es jedem frei, an Gerüchten zu verbreiten, was er wollte, und zu behaupten, was ihm beliebte.

Der Araber hat eine blühende Phantasie - gemäß seines Lebens unter dem freien Himmel: immerwährend auf der Suche nach dem Lebensunterhalt umherziehend und in Handelsangelegenheiten gelegentlich zur Übertreibung und Lüge genötigt. Darüber hinaus ist der Araber der Muße leidenschaftlich zugetan, die ihn zu Liebschaften verführt und seine Vorstellungskraft im Frieden und im Krieg extrem steigert.

Zu Zeiten des Friedens wechselt Zaid mit Hind Worte der Zuneigung, wobei es nur eine Ausdrucksweise des Verlangens ist, wenn er nach und nach zu süßen Lobreden übergeht. Sieht man denselben Zaid aber im Streit und Krieg, erhebt er seine Stimme gegen Hind, die er gerade noch entblößt vor sich hatte. Er sagt über ihren Hals, ihren Busen, ihre Hüfte, ihren Hintern und über weiteres, was immer die Kunst des Streitens von ihm verlangt. Eine Vorstellungskraft wird wachgerufen, die von der Frau nichts kennt als das Weibliche und was sie an Polstern ausbreitet.

Wenn der Islam dieser Mentalität auch ein Ende setzte, so blieb von ihren Spuren doch erhalten, was wir in Dichtungen wie der von Umar Ibn Abu Rabia lesen können. Sie beeinflusste die arabische Liebesdichtung viele Zeitalter hindurch und beeinflusst die Dichtung unserer gegenwärtigen Zeit immer noch ein wenig.

 

Die Frau in Arabien und Europa zu jener Zeit

Vielleicht erscheint diese Darstellung dem Leser, der die Araber und ihre Kultur bewundert und sogar voller Bewunderung für die Araber des vorislamischen Heidentums ist, übertrieben. Dem Leser ist es nachsehbar, wenn er diese Darstellung, wie wir sie ihm vorgelegt haben, unter Berücksichtigung unserer gegenwärtigen Zeit mit dem Idealbild der Beziehung zwischen Mann und Frau hinsichtlich Ehe, Scheidung und Umgang zwischen beiden Ehegatten und den Kindern vergleicht. Ein solcher Vergleich ist jedoch falsch und kann enorme Verwirrung stiften. Man muss vielmehr zwischen der arabischen Gesellschaft, so wie wir sie in einem ihrer Aspekte im siebten Jahrhundert nach Christus darstellten, und der menschlichen Gesellschaft jener Zeit vergleichen. Wir halten es nicht für übertrieben festzustellen: Die arabische Gesellschaft war trotz allem, wie wir sie charakterisiert haben, wesentlich besser als die Gesellschaften ihrer Zeit in Asien und Europa.

 

Die Frau im römischen Recht

Wir wollen uns nicht bei den damaligen Verhältnissen in China oder Indien aufhalten. Denn wir wissen nur wenig darüber. Nord- und Westeuropa befanden sich damals jedoch in solchen Finsternissen, dass es einem erlaubt ist, sich die Ordnung der Familie darin nahe der primitivsten Stufe der Menschheit vorzustellen.

Rom, das damals Rechtsautorität und sieggewohntes Imperium sowie der einzig starke Konkurrent Persiens war, schrieb der Frau gegenüber dem Mann eine niedrigere Stellung zu als es die Stellung der arabischen Frau gegenüber dem Mann war, selbst wenn man die Verhältnisse der Wüste berücksichtigt. Die Frau wurde in den römischen Gesetzen jener Tage als Eigentum des Mannes betrachtet, der über sie nach Belieben verfügen konnte und dabei sogar über Leben und Tod bestimmte. Sie wurde wie ein Sklave behandelt, und zwischen ihr und ihm gab es aus der Sicht des römischen Gesetzgebers keinen Unterschied. Sie war Eigentum ihres Vaters, sodann ihres Gatten und schließlich ihres Sohnes, deren Eigentumsrecht über sie vollkommen ihrem Eigentumsrecht über Sklaven, Tiere und Gegenstände entsprach. Die Frau wurde als Quelle der Leidenschaft angesehen, die keine Macht über ihre tierische Weiblichkeit habe. Man sah sich sogar zur Schaffung des Keuschheitsgürtels und seiner Beibehaltung noch mehrere Jahrhunderte nach der Zeit, von der wir die Gegebenheiten der arabischen Halbinsel beschrieben haben, gezwungen.

Obwohl Jesus Christus (a.s.) gütig und mitfühlend gegenüber den Frauen war, so dass er, als einige Männer sich über seine gute Behandlung Maria Magdalenas wunderten, sogar sagte: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie".*, blickte das christliche Europa wie zuvor das heidnische Europa weiter voller Geringschätzung auf die Frau herab. Es betrachtete ihre Beziehung zum Mann nicht nur als bloße Beziehung zwischen männlich und weiblich, sondern gar als eine Beziehung der Dienerschaft, Sklaverei und Erniedrigung. Deshalb hatten einige Scholastiker zu verschiedenen Zeiten auch keine Bedenken, sich zu fragen: Hat die Frau eine Seele und wird sie zur Rechenschaft gezogen, oder hat sie wie die Tiere keine Seele und erfährt keine Abrechnung durch Allah und hat keinen Platz im Reiche Allahs ?!
*Evangelium des Johannes, Kapitel 8, Aya 7

 

Muhammad (s.a.s.) und die gesellschaftliche Reform

Muhammad (s.a.s.) wusste aufgrund des ihm Geoffenbarten, dass es kein Gedeihen für die Gesellschaft geben konnte, wenn es kein Zusammenwirken von Mann und Frau gäbe. Denn beide sind Geschwister, die Liebe und Barmherzigkeit miteinander verbindet. Den Frauen steht in gleichem Maße nach Billigkeit an Rechten zu, was ihnen an Pflichten obliegt, wobei die Männer eine Stufe über ihnen stehen. Dazu abrupt überzugehen, war jedoch keine leichte Sache. Wie groß auch der Glaube der ihm folgenden Araber an ihn gewesen sein mochte. Ihnen die Annahme leicht zu machen und sie nicht in Bedrängnis zu bringen, führte eher zu einer Zunahme ihres Glaubens und seiner Anhänger. So verhielt es sich mit jeder gesellschaftlichen Reform, die Allah (t.) den Muslimen auferlegte. Ja, so verhielt es sich sogar mit den Geboten der Religion selbst wie dem Gebet, dem Fasten, der religiösen Sozialabgabe und der Pilgerfahrt. Und so verhielt es sich mit den verbotenen Dingen wie Wein, Glücksspiel, Schweinefleisch und dergleichen.

Muhammad (s.a.s.) ging in Bezug auf die gesellschaftliche Reform und die Bestimmung der Beziehung zwischen Mann und Frau mit dem Beispiel voran, das er in seinem Verhalten zu seinen Frauen vorlebte und das alle Muslime vor Augen hatten. Der häusliche Trennungsvorhang wurde den Frauen des Propheten erst kurz vor dem Feldzug gegen die Verbündeten vorgeschrieben. Und die Begrenzung des Heiratens auf vier Frauen unter der Bedingung der Gerechtigkeit wurde erst über ein Jahr nach dem Kriegszug von Chaibar zum Gebot gemacht. Wie nun erreichte der Prophet die Festigung der Beziehung von Mann und Frau auf gesunder Grundlage als Vorbereitung für diese Gleichberechtigung, die der Islam herbeiführte? Einer Gleichberechtigung, die den Frauen an Rechten in gleichem Maß zugestand, was sie ihnen an Pflichten auferlegte, und den Männern eine Stufe über ihnen zuschrieb?

 

Der Islam verbietet das Zurschaustellen der Schönheit

Durch diese Vorbereitung wurde es den Muslimen erleichtert, von den frühen Gebräuchen der Araber abzulassen. Auch die vom Gesetzgeber des Islam angestrebte Reform der Gesellschaft auf der Grundlage der Familie - bis ins Innerste gereinigt von Schmutz, was den Ehebruch zu einem großen Vergehen werden ließ - erleichterte es jedem Muslim zu ermessen, welch Laster und Schande das Zeigen der weiblichen Reize, mit denen sie sich dem Mann zeigt, beinhaltet, es sei denn, die Beziehung zwischen Mann und Frau gestattete dieses. Dies beinhalten die Worte des Erhabenen:

"Sprich zu den männlichen Gläubigen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten, das ist reiner für sie. Wahrlich, Allah ist dessen, was sie tun, kundig. Und sprich zu den weiblichen Gläubigen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten und ihre Schönheit nicht zur Schau stellen außer, was davon offenkundig ist, und ihre Kopftücher über ihre Brust ziehen und ihre Schönheit nicht zur Schau stellen außer gegenüber ihren Gatten oder ihren Vätern oder den Vätern ihrer Gatten oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Schwestern oder ihren Frauen oder gegenüber denen, die ihre Rechte besitzen, oder gegenüber den männlichen Dienern ohne Geschlechtstrieb oder den Kindern, die von den Blößen der Frauen keine Kenntnis haben. Und sie sollen nicht ihre Füße zusammenschlagen, so dass bekannt wird, was sie von ihrer Schönheit verbergen; und wendet euch allesamt reuevoll Allah zu, o ihr Gläubigen, vielleicht seid ihr erfolgreich." (24, V. 30-31)

So wirkte der Islam, und die Beziehung von Mann und Frau wandelte sich allmählich. Von der Beziehung zwischen männlich und weiblich blieb nur, dass die Versuchung in einer solchen Beziehung gefürchtet wurde. Was die übrigen Dinge des Lebens und die Beziehungen von Männern und Frauen insgesamt betraf, so waren sie alle gleichberechtigt und alle Diener Allahs (t.) und alle einander im Streben nach dem Guten und der Gottesfurcht verbunden. Sollte jemandem von ihnen etwas unbedacht entschlüpfen, was in den Seelen das Sexuelle entfachte, so war dies eine Sünde. Und es oblag demjenigen, dem es entschlüpfte, dass er sich Allah (t.) in Reue zuwandte, denn ER ist gewiss der gnädig Vergebende, der Barmherzige.

All dies genügte jedoch nicht, um die Araber in wenigen Jahren von ihren gesamten ursprünglichen Anschauungen abzubringen, auf dass sie sich hierin änderten. So wie sie sich dahingehend geändert hatten, dass sie an Allah (t.) glaubten und IHM nichts beigesellten. Das war natürlich, denn sobald ein Stoff eine bestimmte Form angenommen hat, ist es nicht leicht, diese zu ändern, es sei denn allmählich; und wenn man sie verändern kann, dann nur wenig. Genauso verhält es sich mit dem stofflichen Leben des Menschen. Die ererbten Gebräuche prägen ihn ebenso wie lokale Traditionen in den Dingen seines Lebens. Will man nun, dass er sich ändert, muss man bei seiner Veränderung schrittweise vorgehen. Und selbst dann wird er dieses allmähliche Voranschreiten nicht auf sich nehmen können, es sei denn, er ändert, was in seiner Seele ist.

Nun vermag der Mensch gewisse Aspekte seiner Seele zu ändern, indem er die Einflüsse, die ihre Entwicklung und Entfaltung hindern, beseitigt und ihr das gesamte Sein als Vorbild gibt. Und das ist genau das, was der Islam mit den Muslimen hinsichtlich des Einzigseins Allahs (t.) und des Glaubens an IHN, SEINEN Gesandten und den Jüngsten Tag tat. Bei vielen Aspekten der arabischen Seele ließen sich die Hindernisse jedoch nicht beseitigen, insbesondere bei den Dingen des materiellen Lebens. Die Muslime standen ihnen wie vor ihrer Annahme des Islam auch weiterhin ziemlich nahe; so verhielt es sich mit dem Müßiggang, den das Wüstenleben ihnen aufgeprägt hatte, und mit der ihnen eigenen Liebe für die Unterhaltung mit den Frauen.

 

Das Haus des Propheten und seine Frauen

Trotz der erwähnten Modifikation ihrer Vorstellungen von Beziehungen zwischen Mann und Frau durch die neue Religion verhielten sie sich anders, nämlich so, wie sie es zuvor zu tun pflegten, oder zumindest so ähnlich. Jeder von ihnen liebte es sehr, das Haus des Propheten zu betreten, bei ihm zu verweilen und sich mit ihm und mit seinen Frauen zu unterhalten. Die bedeutenden Pflichten der Prophetenschaft waren freilich wichtiger als dass sie es zuließen, dass Muhammad (s.a.s.) sich mit der Unterhaltung jener beschäftigte, die zu ihm kamen und sich mit seinen Frauen unterhielten - oder mit dem, was seine Frauen ihm von ihren Unterhaltungen mitteilten. Deshalb wollte Allah (t.) SEINEN Propheten von diesen weniger wichtigen Beschäftigungen befreien und offenbarte ihm diese Ayat:

"0 ihr, die ihr gläubig seid, betretet die Häuser des Propheten nicht, es sei denn, dass es euch für ein Mahl erlaubt wird, ohne dass ihr darauf wartet, dass es gar gekocht ist; wenn ihr jedoch gebeten werdet zu kommen, so tretet ein. Und wenn ihr gegessen habt, so gehet auseinander und zieht keine Unterhaltung in Erwägung, denn das stört den Propheten, doch er scheut sich vor euch. Aber Allah scheut sich nicht vor der Wahrheit. Und wenn ihr sie um einen Gegenstand bittet, so bittet sie hinter einem Vorhang, das ist reiner für eure Herzen und ihre Herzen. Und es geziemt euch nicht, den Gesandten Allahs zu stören noch jemals seine Frauen nach ihm zu heiraten. Wahrlich, solches wäre ungeheuerlich bei Allah , " (33, V. 53)

So wie diese Aya an die Gläubigen gerichtet geoffenbart wurde, sie auf ihre Pflichten gegenüber dem Propheten und seinen Frauen hinzuweisen, wurden desgleichen die beiden folgenden Ayat geoffenbart, die sich in derselben Angelegenheit an die Frauen des Propheten richteten. Der Erhabene sagt:
"0 ihr Frauen des Propheten, ihr seid nicht wie irgendeine der Frauen! Wenn ihr gottesfürchtig seid, so seid nicht nachgiebig in der Rede, auf dass der, in dessen Herzen

Krankheit ist, Verlangen zeigt, sondern sprecht geziemende Worte. Und bleibt in euren Häusern und zeigt nicht eure Reize in der Art des frühen vorislamischen Heidentums und verrichtet das Gebet und gebt die religiöse Sozialabgabe und gehorcht Allah und SEINEM Gesandten. Allah will nur die Unreinheit von euch nehmen, o Angehörige des Hauses, und euch völlig lautem." (33, V. 32-33)

 

Die soziologische Vorbereitung für die islamische Gesellschaft

Dies war die Vorbereitung für die neue gesellschaftliche Ordnung, die der Islam für die islamische Gemeinschaft durch eine veränderte Betrachtung der Beziehung von Mann und Frau durch die Gesellschaft errichten wollte. Er wollte die Vorherrschaft des Denkens an das Geschlechtliche aus den Seelen entfernen, das bislang als einziges alle anderen Erwägungen überwog. Er wollte dadurch die Gesellschaft auf das Ziel erhabener Menschlichkeit ausrichten, die dem Menschen den Genuss des Lebens nicht verwehrt, solange dieser seine Willensfreiheit nicht schwächt und ihn vor allen Dingen dieser seiner Willensfreiheit nicht beraubt; einer Menschlichkeit, welche den Menschen zum Bindeglied der gesamten Schöpfung macht und ihn über die Ebenen der Landwirtschaft und der Produktion und des Lebenserwerbs - worin auch immer dieser besteht - erhebt, um mit ihm bis zur Nachbarschaft der Heiligen und zum Vereintsein mit den nahegestellten Engeln aufzusteigen. Der Islam machte das Fasten, das Gebet und die religiöse Sozialabgabe zu Mitteln dieser Erhöhung. Denn sie halten vom Unanständigen, vom Verwerflichen und von Ungerechtigkeit ab. Sie reinigen die Seele und das Herz vom Makel der Unterwerfung unter jemand anderen als Allah (t.) und verstärken das Motiv zur Brüderlichkeit unter den Gläubigen und zur Verbindung des Menschen mit der übrigen Schöpfung.

 

Der Feldzug der Banu Lihjan

Diese allmähliche Reform des gesellschaftlichen Lebens als Anbahnung des gewaltigen Fortschritts, den der Islam der Menschheit vorbereitete, hinderte die Kuraisch und die Araber nicht, darauf zu lauern, dass Muhammad (s.a.s.) ins Unglück gerate. Sie hinderte aber auch Muhammad (s.a.s.) nicht, ständig wachsam zu bleiben und von schneller Tatkraft, um seinen Gegnern - wenn nötig - Angst einzujagen.

Aufgrund dessen bemerkte er sechs Monate nach der Vernichtung der Banu Kuraiza eine Art militärische Bewegung von Mekka her. Er dachte daran, für Chubaib Ibn Adi und dessen Gefährten, die von den Banu Lihjan zwei Jahre zuvor beim Brunnen von Ar Radschi ermordet worden waren, Vergeltung zu üben. Er tat seine Absicht aber nicht kund, da er befürchtete, der Feind werde seinerseits Vorsichtsmaßregeln ergreifen. Deshalb verkündete er, er wolle nach Asch Scham, und begab sich mit seiner Streitmacht nordwärts, um dann einen Überraschungsschlag gegen ihn durchführen zu können.

Als er sicher war, dass keiner der Kuraisch und ihrer Nachbarn mehr seine Absicht erkennen würde, wandte er sich um gegen Mekka und unternahm einen Eilmarsch, bis er das Lager der Banu Lihjan bei Uran erreichte. Als er sich jedoch nach Süden wandte, hatten ihn einige Leute gesehen, und die Banu Lihjan erfuhren durch sie von seiner gegen sie gerichteten Absicht und nahmen mit ihrem Hab und Gut auf den Berggipfeln Zuflucht. So verpasste es der Prophet, sie zu ergreifen. Er sandte deshalb Abu Bakr mit hundert Reitern aus, die bis nach Usfan in der Nähe von Mekka gelangten. Dann kehrte der Gesandte Allahs nach Medina an einem Tag zurück, der so brennend heiß war, dass der Prophet sagte: "Wir kehren zurück, wenden uns, so Allah es will, unserem Herrn in Reue zu und preisen IHN. Ich nehme meine Zuflucht bei Allah vor der Mühsal der Reise, vor widrigen Ereignissen und vor dem übel einer Veränderung bei Familie und Vermögen."

 

Der Feldzug von Dhu Karad

Nur wenige Tage nach Muhammads (s.a.s.) Rückkehr nach Medina überfiel Ujaina Ibn Hisn seine Außenbezirke, wo Kamele weideten, die von einem Mann und seiner Frau gehütet wurden. Ujaina und seine Gefährten töteten den Mann, raubten die Kamele, verschleppten die Frau und flohen in der Annahme, sie würden der Verfolgung entkommen.

Salama Ibn Amr Ibn Al Akwa Al Aslami war jedoch frühmorgens mit Pfeil und Bogen aufgebrochen, um in den Wald zu gehen. Als er beim Engpass von Al Wada vorbeikam und in Richtung von Sal blickte, sah er, wie die Leute gerade die Kamele ergriffen und die Frau verschleppten. Er rief laut: "Was für ein Morgen!", nahm schleunigst ihre Verfolgung auf und beschoss sie, als er in ihrer Nahe war, mit Pfeilen. Die ganze Zeit hörte er dabei nicht auf, laut zu rufen. Muhammad (s.a.s.) hörte Salamas Schrei und ließ unter den Einwohnern Medinas ausrufen: "Zu Hilfe, zu Hilfe!", worauf Reiter aus allen Richtungen zu ihm kamen. Er befahl ihnen, die Leute zu verfolgen, und machte selbst seine Streitmacht bereit, an deren Spitze er ihnen folgte, bis er beim Berg von Dhu Karad sein Lager aufschlug.

Ujaina und die, die bei ihm waren, hatten sich beeilt, Ghatafan zu erreichen, um den Muslimen zu entkommen. Die Reiter Medinas holten jedoch ihre Nachhut ein und befreiten einen Teil der Kamele von ihnen. Muhammad (s.a.s.) stieß zu ihnen und half ihnen. Die gläubige Frau, die die Araber verschleppt hatten, wurde gerettet. Einige Gefährten des Propheten wollten sich voller Eifer an Ujaina rächen, doch der Gesandte Allahs verwehrte es ihnen, da er wusste, dass Ujaina und seine Gefährten Ghatafan bereits erreicht und bei ihnen Schutz gesucht hatten.

Die Muslime kehrten nach Medina zurück, und die Frau des Hirten folgte ihnen auf einer ihrer Kamelinnen. Sie hatte gelobt, sollte die Kamelin sie retten, werde sie sie Allah (t.) als Opfer schlachten. Als sie jedoch dem Propheten ihr Gelübde mitteilte, sagte er: "Du vergiltst ihr schlecht, dass Allah dich auf ihr tragen und durch sie retten ließ, wenn du sie dann schlachtest. Kein Schwur gilt, der eine Sünde gegen Allah beinhaltet oder etwas, das du nicht vermagst."

 

Der Feldzug der Banu Al Mustalik

Danach blieb Muhammad (s.a.s.) ungefähr zwei Monate in Medina. Dann ereignete sich der Feldzug der Banu Al Mustalik bei Al Muraisi, jener Feldzug, bei dem sich jeder Geschichtsschreiber und Biograph des arabischen Propheten aufhielt. Nicht, weil es ein besonders bedeutender Feldzug gewesen wäre oder weil die Muslime oder ihre Feinde dabei Außergewöhnliches geleistet hätten, sondern weil sich danach beinahe Uneinigkeit in den muslimischen Reihen verbreitet hätte, die der Gesandte in gütiger Weise mit Entschlossenheit und klugem Verhalten beilegte und weil der Gesandte unmittelbar danach Dschuwairija Bint Al Harith heiratete. Ein weiterer Grund ist, dass dieser Feldzug eine Verleumdung gegen Aischa hervorbrachte, der sie - gerade sechzehn Jahre alt - mit in jeder Hinsicht derart prächtigem Glauben und Wirkungsvermögen entgegentrat, dass sich die Gesichter demütig senkten.

Muhammad (s.a.s.) erfuhr, dass sich die Banu Al Mustalik, die eine Unterabteilung der Chuzaa bildeten, in ihrem Wohnviertel in der Nähe von Mekka versammelten. Mit ihrem Führer Al Harith Ibn Abu Dirar an der Spitze riefen sie zu seiner Ermordung auf. Muhammad (s.a.s.) wurde über ihre geheime Ansammlung von einem Beduinen unterrichtet und beeilte sich mit dem Abmarsch, um sie zu überraschen, wie es seine Gewohnheit gegenüber seinen Feinden war. Er übergab den Befehl über die Muhadschirun an Abu Bakr und den über die Ansar an Sad Ibn Ubada.

Die Muslime lagerten bei einem Brunnen in der Nähe der Banu Al Mustalik namens Al Muraisi. Sodann umzingelten sie die Banu Al Mustalik, und jene, die zu ihrer Hilfe gekommen waren, rannten davon. Zehn der Banu Al Mustalik wurden getötet, während von den Muslimen nur ein Mann mit Namen Hischam Ibn Suhaba starb, den ein Mann von den Ansar tötete, weil er ihn irrtümlich zu den Gegnern zählte. Die Banu Al Mustalik sahen nach kurzem Austausch von Pfeilschüssen keine andere Möglichkeit, als sich dem plötzlichen heftigen Druck der Muslime zu ergeben. Man nahm sie und ihre Frauen gefangen und ihre Kamele und ihr Vieh in Besitz.

 

Abdullah Ibn Ubaijs Aufruhr

Umar Ibn Al Chattab hatte im Heer einen Bediensteten, der sein Pferd führte. Nach Beendigung des Kampfes drängte er sich mit einem Mann von Al Chazradsch am Brunnen, und sie stritten und schrieen einander an. Da rief der von Al Chazradsch die Ansar und Umars Bediensteter die Muhadschirun zu Hilfe. Abdullah Ibn Ubaij, der mit den Heuchlern nur zu diesem Feldzug ausgezogen war, um Beute zu machen, hörte das Rufen, und es regte sich der Groll gegen die Muhadschirun und gegen Muhammad (s.a.s.) in seiner Seele. Er sagte zu den um ihn Sitzenden: "Die Muhadschirun übertreffen uns bereits an Zahl in unseren Wohnstätten, und bei Allah , ich betrachte uns und sie nicht anders als wie die Vorfahren sagten: "Mästest du deinen Hund, frisst er dich." Bei Allah , wenn wir nach Medina zurückkehren, werden die Mächtigeren die Schwächeren daraus vertreiben." Sodann sagte er zu denen, die von seinem Stamm anwesend waren: "Das habt ihr mit euren eigenen Händen bewerkstelligt: Ihr habt sie in euer Land gelassen und euer Vermögen unter ihnen verteilt. Bei Allah , hättet ihr ihnen nicht gegeben, was in euren Händen war, hätten sie sich einem anderen Gebiet als dem euren zugewandt."

Jemand überbrachte dem Gesandten Allahs diese seine Rede, nachdem er mit seinen Feinden fertig war. Umar Ibn Al Chattab war bei ihm und wurde ob dessen, was er hörte, zornig und sagte: "Schick Bilal, um ihn zu töten!" Da verhielt sich der Prophet gemäß seiner Gewohnheit wie ein erfahrener Führer und weitsichtiger weiser Mann, und wandte sich Umar zu und sagte: "0 Umar, was wäre, wenn die Leute sich unterhielten und sagten, Muhammad tötet seine eigenen Gefährten!"

Zugleich ahnte er jedoch, dass die Angelegenheit noch ernster werden würde, sollte er nicht einen energischen Schritt unternehmen. Deshalb befahl er, die Leute zu einer Stunde zum Aufbruch zu rufen, zu der die Muslime nicht aufzubrechen pflegten. Ibn Ubaij erfuhr, was dem Propheten über ihn berichtet worden war, und beeilte sich, in seiner Gegenwart zu leugnen, was ihm zugeschrieben worden war, und bei Allah (t.) zu schwören, er habe desgleichen nie gesagt oder verlauten lassen. Dies änderte jedoch nichts an Muhammads (s.a.s.) Entschluss zum Aufbruch. Vielmehr marschierte er mit den Leuten den ganzen langen Tag über bis zum Abend sowie die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen und einen Teil des zweiten Tages, bis sie die Sonne nicht mehr ertragen konnten. Als die Leute lagerten, schliefen sie, kaum dass sie sich auf den Boden gelegt hatten, aufgrund ihrer übergroßen Ermüdung ein. Die Mühsal ließ die Leute Ibn Ubaijs Gerede vergessen. Sie kehrten danach mit der Beute und den Gefangenen von den Banu Al Mustalik nach Medina zurück, unter ihnen Dschuwairija, die Tochter von Al Harith Ibn Abu Dirar, dem Führer des besiegten Stammes.

 

Ibn Ubaijs Hass gegenüber dem Propheten

Die Muslime erreichten Medina, wo auch Ibn Ubaij wohnte, dessen Neid über Muhammad (s.a.s.) und die Muslime sich nicht legte; wenn er auch den Islam, ja Glauben zur Schau stellte und darauf beharrte, das, was dem Gesandten Allahs bei Al Muraisi über ihn mitgeteilt worden war, zu leugnen. Unterdessen wurde die Sura "Al Munafikun" geoffenbart, die das Wort des Erhabenen enthält:

"Sie sind es, die sprechen: "Spendet nicht für die, die beim Gesandten Allahs sind, damit sie auseinanderlaufen." Doch Allahs sind die Schätze der Himmel und der Erde, aber die Heuchler begreifen nicht. Sie sprechen: "Wenn wir nach Medina zurückkehren, werden die Mächtigeren die Schwächeren daraus vertreiben." Doch Allah gehört die Macht und SEINEM Gesandten und den Gläubigen, die Heuchler aber wissen es nicht." (63, V. 7-8)

 

Eine tiefgehende seelische Tragödie

Da nahmen einige Leute an, dass diese Ayat das Todesurteil gegen Ibn Ubaij bedeuteten und Muhammad (s.a.s.) ohne Zweifel seine Hinrichtung befehlen werde. Deshalb kam Abdullah Ibn Ubaij, der ein vortrefflicher Muslim war, und sagte: "0 Gesandter Allahs , ich habe gehört, du willst Abdullah Ibn Ubaij hinrichten lassen; so du es also tun lässt, gib mir dazu den Befehl, und ich bringe dir seinen Kopf, denn, bei Allah , die Al Chazradsch wissen, dass es unter ihnen keinen Mann gibt, der seinen Vater mehr ehrt als ich. Wahrlich, ich fürchte, solltest du einem anderen den Befehl geben, der ihn dann tötet, so wird es meine Seele nicht zulassen, dass ich den Mörder meines Vaters unter den Menschen wandeln sehe. Ich würde ihn töten und auf diese Weise einen Gläubigen für einen Ungläubigen töten und das Höllenfeuer betreten."

So sprach also Abdullah Ibn Abdullah Ibn Ubaij zu Muhammad (s.a.s.). Ich denke, keine anderen als diese seine Worte bringen den seelischen Zustand deutlicher zum Ausdruck, bei dem sich heftigste Emotionen in der Seele regen: Kräfte der Loyalität gegenüber dem Vater, des aufrichtigen Glaubens, des arabischen Ehrgefühls und des Verlangens nach Seelenfrieden der Muslime, auf dass kein Aufruhr unter ihnen ausbreche! Dieser Sohn sieht, dass sein Vater getötet werden wird, doch er bittet den Propheten nicht, ihn nicht zu töten; denn er glaubt daran, dass der Prophet gemäß dem Befehl seines Herrn handelt, und ist vom Unglauben seines Vaters überzeugt. Aus Furcht davor, die Loyalität gegenüber seinem Vater und die Würde und das Ehrgefühl würden von ihm verlangen, sich für ihn an seinem Mörder zu rächen, will er sich dazu aufraffen, seinen eigenen Vater zu töten und dem Propheten selbst seinen Kopf zu bringen, auch wenn dies sein Herz zerschnitte und seine Leber zernagte! Er findet in seinem Glauben etwas Trost ob dieser übergroßen Last, die seine Seele bedrückt, und befürchtet, er werde das Höllenfeuer betreten, sollte er den Gläubigen töten, dem der Prophet die Hinrichtung seines Vaters befehlen würde.

 

Die Vergebung des Propheten für Ibn Ubaij

Welch ein Kampf zwischen Glaube, Gefühlen und Moral ist heftiger als dieser! Und welch eine seelische Tragödie ist vernichtender als diese! Siehe, was der Prophet Abdullah geantwortet hat, nachdem er dessen Worte gehört hatte: "Wir werden ihn nicht töten, sondern uns ihm gegenüber milde erweisen und den Umgang mit ihm freundlich gestalten, solange er unter uns weilt."

Welch schöne und prächtige Vergebung! Muhammad (s.a.s.) erweist sich milde gegenüber demjenigen, der die Einwohner Medinas gegen ihn und seine Gefährten aufhetzt. Seine Milde und Vergebung hatten weitreichendere Wirkung als seine Bestrafung, auch wenn er sie ihm erlassen hätte. Denn immer wenn Abdullah Ibn Ubaij danach etwas anrichtete, tadelte ihn sein Volk heftig und wies ihn darauf hin, dass er sein Leben Muhammad (s.a.s.) verdanke.

Eines Tages besprach Muhammad (s.a.s.) mit Umar die Angelegenheiten der Muslime, und Ibn Ubaij kam ins Gespräch und wie sein Volk ihn heftig tadelte. Da sagte Muhammad (s.a.s.): "Was meinst du, Umar! Bei Allah ! Hätte ich ihn an jenem Tag, da du mir sagtest: "Töte ihn", hinrichten lassen, wären die Leute erbebt, während sie, wenn ich ihnen heute seine Hinrichtung beföhle, ihn töten würden." Umar entgegnete: "Ich weiß, bei Allah , dass der Befehl des Gesandten Allahs (s.a.s.) segensreicher ist als der meine."

 

Aischa mit dem Propheten bei den Banu Al Mustalik

All das ereignete sich, nachdem die Muslime mit den Gefangenen und der Beute nach Medina zurückgekehrt waren. Aber ein weiteres Ereignis fand noch statt, das zunächst zwar keine Spur hinterließ, über das jedoch danach lange gesprochen wurde: Wenn immer der Prophet einen Feldzug unternahm, pflegte er unter seinen Frauen das Los zu werfen, und welche von ihnen das Los zog, nahm er mit sich. Beim Feldzug gegen die Banu Al Mustalik fiel das Los auf Aischa. Sie war schlank und leicht, und wenn die Männer die Sänfte vor die Tür brachten, damit Aischa sie bestieg, und sie sie auf dem Kamelrücken befestigten, bemerkten sie ihre Anwesenheit wegen ihres geringen Gewichtes kaum.
Als der Prophet seine Unternehmung beendet hatte und mit denen, die bei ihm waren, den langen Marsch unternahm, den wir erwähnten, wandte er sich schließlich Medina zu, bis er in seiner Nähe ein Lager aufschlug. Dort brachte er einen Teil der Nacht zu und rief dann die Leute zum Aufbruch auf.

 

Aischas Zurückbleiben hinter der Truppe wird nicht bemerkt

Aischa hatte das Zelt des Propheten einer ihrer Besorgungen wegen verlassen, während die Sänfte vor dem Zelt auf sie wartete. Ihre Halskette löste sich von ihrem Hals, und als sie sich zur Rückkehr zum Lager aufmachte, suchte sie diese, fand sie jedoch nicht und kehrte auf dem gleichen Weg, auf dem sie gekommen war, wieder um, um nach ihr zu forschen. Vielleicht suchte sie lange nach ihr, bis sie sie fand. Vielleicht schlief sie dabei wegen ihrer übergroßen Müdigkeit nach ihrem erschöpfenden Marsch ein. Als sie zum Heer zurückkehrte, um ihre Sänfte zu besteigen, hatten die Leute diese in der Annahme, Aischa sei darinnen, bereits auf dem Kamel befestigt und waren aufgebrochen. Sie dachten, sie hätten die vom Propheten meistgeschätzte der "Mütter der Gläubigen" bei sich. Sie fand keine Menschenseele vom Heereszug. Doch überkam sie keine Angst: sie war sicher, die Leute würden, wenn sie sie vermissten und nicht fänden, zu ihr zurückkehren. So war es besser für sie, an ihrem Platz zu bleiben, als planlos in der Wüste umherzulaufen und vom Weg abzuirren. Sie bekam keine Angst, hüllte sich in ihr Gewand, legte sich an dem Ort, an dem sie sich gerade befand, hin und wartete darauf, dass ein Suchender nach ihr rufen werde.
Als sie so da lag, kam Safwan Ibn Al Muattal As Salami vorbei, der einer Besorgung wegen hinter dem Heer zurückgeblieben war. Er hatte sie schon gesehen, als der häusliche Trennschleier den Frauen des Propheten noch nicht vorgeschrieben war. Als er sie in diesem Zustand sah, wich er überrascht zurück und sagte: "Wir sind gewiss Allahs , und zu IHM kehren wir zurück! Aus der Kamelsänfte die Frau des Gesandten Allahs! Allah erbarme SICH deiner, was ließ dich zurückbleiben?"

 

Aischas Rückkehr mit Safwan nach Medina

Aischa antwortete ihm nicht. Da brachte er das Kamel in ihre Nähe, blieb hinter ihm zurück und sagte: "Steig auf!" Da stieg sie auf. Dann zog er eilig mit dem Kamel den Leuten nach, doch sie holten sie nicht ein. Denn diese beeilten sich mit ihrem Marsch, da sie nach Medina wollten, um sich dort von den Mühen des Marsches auszuruhen, den der Gesandte Allahs (t.) befohlen hatte, um den Aufruhr zu verhindern, der aufgrund des Redens von Ibn Ubaij beinahe aufgekommen wäre.

Safwan betrat Medina am helllichten Tag unter den Augen der Leute, während Aischa sich auf dem Rücken seines Kamels befand. Als sie von den Wohnungen der Frauen des Gesandten die ihre erreichte, stieg sie ab und ging langsam auf sie zu. Niemand dachte daran, über sie zu sprechen oder sich veranlasst zu fühlen, dass ihr Zurückbleiben hinter der Armee Verdacht hervorrufen müsste. Auch dem Gesandten kam hinsichtlich der Tochter Abu Bakrs oder Safwans, des frommen Gläubigen, keinerlei Argwohn einer Schlechtigkeit in den Sinn.

Wie sollte auch ein Gerücht aufkommen, da sie Medina ja unter den Augen der Leute betrat und dem Heer auf den Fersen folgte, so dass zwischen seiner und ihrer Ankunft kaum Zeit verstrich. Sie kam frohgemut mit strahlendem Gesicht und wurde von den Leuten gesehen, ohne dass etwas von ihrer äußeren Haltung Zweifel hervorrief.
So sollten denn die Dinge in Medina ihren gewohnten Gang nehmen. Die Muslime verteilten die Beute und die Gefangenen von den Banu Al Mustalik und erfreuten sich eines reichhaltigen Lebens, das an Wohlstand immer dann zunahm, wenn ihnen ihr Glaube mehr Macht über ihre Feinde gab und ihnen ihre aufrichtige Entschlossenheit und Todesverachtung den Sieg auf dem Weg Allahs (t.) , SEINER Religion und der Glaubensfreiheit verliehen. Einer Freiheit, die die Araber ihnen zuvor verweigert hatten.

 

Dschuwairija Bint Al Harith

Dschuwairija Bint Al Harith war eine von den Gefangenen der Banu Al Mustalik. Sie war eine hübsche Frau, und ihr Los fiel auf jemanden von den Ansar. Sie wollte sich von ihm freikaufen, doch er erhöhte den Preis für die Auslösung, da er wusste, dass sie die Tochter des Führers der Banu Al Mustalik war und ihr Vater geben konnte, was er verlangte.

Dschuwairija fürchtete die Folgen seiner übermäßigen Forderung und ging zum Propheten, der in Aischas Haus war, und sagte: "Ich bin Dschuwairija, die Tochter von Al Harith Ibn Abu Dirar, dem Herrn seines Volkes, und mir ist das zugestoßen, was dir nicht verborgen geblieben ist: Ich fiel durch das Los einem Mann zu und wollte mich freikaufen. Ich bin gekommen, dich zu bitten, mir bei meinem Loskauf zu helfen." Er sagte: "Hast du nicht Interesse an etwas Besserem?" - "Was denn?" fragte sie. Er sagte: "Ich werde dich freikaufen und heiraten."

 

Der Prophet heiratet Dschuwairija

Als die Leute davon erfuhren, ließen sie die Gefangenen von den Banu Al Mustalik, die in ihrer Hand waren, frei, um die Verschwägerung des Gesandten Allahs mit ihnen zu achten, so dass Aischa über Dschuwairija sagte: "Ich kenne keine Frau, die für ihr Volk segensreicher was als sie."

So lautet ein Bericht. Ein anderer Bericht sagt, Al Harith Ibn Abu Dirar sei wegen der Auslösung seiner Tochter zum Propheten gekommen und habe, nachdem er an die Botschaft des Propheten geglaubt habe, den Islam angenommen. Dann habe er seine Tochter Dschuwairija überzeugt, und sie habe wie ihr Vater den Islam angenommen, woraufhin Muhammad (s.a.s.) ihn um ihre Hand gebeten, sie geheiratet und ihr eine Mitgift von vierhundert Dirham gegeben habe.
In einem dritten Bericht heißt es, ihr Vater hätte diese Heirat nicht gewünscht, ja, sei mit ihr sogar nicht einverstanden gewesen, und einer der Verwandten Dschuwairijas habe sie gegen den Willen ihres Vaters mit dem Propheten verheiratet.

Muhammad (s.a.s.) heiratete Dschuwairija und errichtete für sie eine Wohnung neben den Wohnungen seiner Frauen in unmittelbarer Nähe der Moschee, wodurch sie zu einer der "Mütter der Gläubigen" wurde. Während er mit ihr beschäftigt war, hatten einige Leute angefangen, untereinander zu flüstern: "Was war mit Aischa los? Sie war hinter dem Heer zurückgeblieben und kam mit Safwan auf dessen Kamel, und Safwan ist ein gutaussehender Jüngling in der vollen Blüte der Jugend!"

 

Die Verleumdung

Zainab Bint Dschahsch hatte eine Schwester namens Hamna, die wusste, welche Vorliebe Muhammad (s.a.s.) für Aischa hatte und dass er ihr vor ihrer Schwester den Vorzug gab. Diese Hamna begann nun, das Geflüster der Leute über Aischa in Umlauf zu bringen. Sie fand in Hasan Ibn Thabit einen Helfer und in Ali Ibn Abu Talib einen Zuhörer. Abdullah Ibn Ubaij fand seinerseits in diesem Gerede fruchtbaren Boden zur Befriedigung seines Grolls und begann, es nach besten Kräften zu verbreiten.
Einige von den Al Aus nahmen Aischa jedoch in Schutz; denn sie war ein Vorbild an Keuschheit und seelischer Vornehmheit. Das Gerede hätte beinahe zu einem Aufruhr in Medina geführt.

 

Die Bestürzung des Propheten

Dieses Gerücht kam Muhammad (s.a.s.) zu Ohren und versetzte ihn in Erregung. Was?! Diese Aischa sollte an ihm treulos gehandelt haben! Das war doch absurd! Sie war Stolz und Keuschheit in Person, und er war voller Liebe und heftiger Zuneigung für sie, dass der bloße Gedanke an so etwas die schwerste Sünde darstellte. Gewiss! Aber, die Frauen! Wer vermag ihre Tiefen zu ergründen oder bis in ihr Innerstes vorzudringen! Aischa war nach allem noch ein junges Mädchen! Was war mit dieser Kette, die sie verlor und mitten in der Nacht suchen ging?! Warum erwähnte sie sie ihm gegenüber nicht, als sie noch im Lager waren?! Der Prophet war äußerst bestürzt und wusste nicht, ob er es für wahr oder für Lüge halten sollte.

 

Aischas Krankheit

Niemand hatte es gewagt, Aischa über all das zu unterrichten, was die Leute redeten, obgleich sie eine Entfremdung seitens ihres Gatten übel nahm, die sie von ihm nicht kannte und nicht zu seinem Wohlwollen und seiner Liebe zu ihr passte. Schließlich wurde sie schwerkrank, und alles, was er sagte, als er bei ihr eintrat und ihre Mutter sie pflegte, war: "Wie geht"s?" Aischa litt darunter, als sie die Entfremdung des Propheten ihr gegenüber sah, und redete sich ein, dass Dschuwairija in seinem Herzen ihren Platz eingenommen hatte!

Muhammads (s.a.s.) Entfremdung ihr gegenüber bedrückte sie so sehr, dass sie eines Tages zu ihm sagte: "Würdest du es mir erlauben, ginge ich zu meiner Mutter, damit sie mich pflegt!" Sie ging zu ihrer Mutter, betroffen über diese Nachlässigkeit ihr gegenüber, die sie kränkte und schmerzte.

 

Der Schmerz des Propheten wegen des Geredes der Leute

Aischa war etwas mehr als zwanzig Tage krank, bis sie genas, und noch immer wusste sie nichts von dem Gerede über sie. Muhammads (s.a.s.) Schmerz über dieses Gerücht, das zu ihm drang, erreichte ein solches Ausmaß, dass er sich eines Tages zu einer Ansprache erhob und sagte: "0 Leute! Was hat es mit jenen Männern auf sich, die mich bezüglich meiner Angehörigen kränken und die Unwahrheit über mich sagen! Bei Allah , ich weiß von meinen Angehörigen nur Gutes. Und jene Leute sagen dies über einen Mann, von dem ich bei Allah nur Gutes weiß und der keines meiner Häuser je betrat außer mit mir."

Da erhob sich Usaid Ibn Hudair und sagte: "0 Gesandter Allahs , wenn sie von unseren Brüdern von den Al Aus sind, so wollen wir dich vor ihnen schützen; wenn sie aber von unseren Brüdern von den Al Chazradsch sind, so gib uns Befehl, und wir werden deinem Befehl gehorchen. Bei Allah , man sollte ihnen den Hals abschlagen." Sad Ibn Ubada entgegnete ihm, er habe dies nur gesagt, weil er wisse, dass sie von den Al Chazradsch seien; wären sie von den Al Aus gewesen, hätte er es nicht gesagt. Die Leute berieten sich, und es wäre beinahe zu einem Aufstand gekommen, wären nicht die Weisheit und das vorbildliche Verhalten des Gesandten gewesen.

 

Aischa erfährt vom Gerücht

Schließlich erfuhr Aischa vom Gerücht, da eine Frau von den Muhadschirun ihr davon erzählte. Als sie es erfuhr, wäre sie vor Schreck fast in Ohnmacht gefallen. Sie begann so heftig zu weinen, dass sie meinte, ihr Herz wollte zerbrechen.

 

Aischa kritisiert ihre Mutter

Sie ging zu ihrer Mutter. Der Kummer bedrückte sie so, dass sie fast darunter zusammengebrochen wäre, und sagte ärgerlich zu ihr: "Möge Allah dir vergeben, o Mutter! Die Leute reden, und du erzählst mir nichts davon!" Ihre Mutter sah ihren Kummer und versuchte seine Spuren in ihrer Seele zu mildern. Sie sagte: "0 Tochter, sei guten Mutes! Bei Allah , noch nie ist es vorgekommen, dass ein Mann eine schöne Frau mehr als seine anderen Frauen liebte, ohne dass die Leute viel über sie redeten."
Doch Aischa wurde durch diese Worte nicht getröstet. Es mehrte ihren Schmerz, daran zu denken und zu spüren, dass die Entfremdung des Propheten ihr gegenüber nach seiner vorherigen Güte zu ihr darauf hindeutete, dass dieses Gerede in ihm Spuren hinterlassen und Zweifel geweckt hatte.

 

Aischas Ratlosigkeit

Doch was konnte sie tun? Sollte sie ihn ansprechen und mit ihm über das Gerücht reden und ihm schwören, dass sie unschuldig war? Dabei würde sie sich jedoch selbst beschuldigen und dann die Beschuldigung durch Schwören und Bitten wieder zurückweisen. Oder sollte sie sich von ihm abwenden und Distanz zu ihm halten - wie auch er es tat? Doch er war der Gesandte Allahs und hatte sie unter seinen Frauen auserwählt, und es war nicht seine Schuld, dass die Leute über sie redeten, weil sie hinter dem Heer zurückgeblieben und mit Safwan zurückgekehrt war.
0 Herr! Zeige ihr in dieser peinlichen Situation einen Ausweg, damit Muhammad (s.a.s.) die Wahrheit über sie klar werde und er zu seiner Liebe, Zuneigung und Güte zu ihr zurückkehre!

 

Muhammad (s.a.s.) berät sich mit Usama und Ali

Muhammads (s.a.s.) Lage war nicht besser als ihre: was die Leute redeten, hatte ihn so gekränkt, dass er sich schließlich gezwungen sah, sich mit seinen treuen Anhängern zu beraten, was er tun solle. Er ging deshalb zum Haus Abu Bakrs und rief Ali und Usama Ibn Zaid zu sich und fragte beide um Rat.
Usama wies alles, was Aischa zugeschrieben wurde, als Lug und Trug zurück und sagte, dass die Leute wie der Prophet nur Gutes von ihr wüssten. Ali sagte: "0 Gesandter Allahs , Frauen gibt es viele." Dann riet er ihm, die Dienerin Aischas zu fragen; vielleicht würde sie ihm die Wahrheit sagen.
Die Dienerin wurde gerufen, und Ali erhob sich und versetzte ihr einen schmerzhaften Schlag und sagte: "Sag dem Gesandten Allahs die Wahrheit." Die Dienerin entgegnete: "Bei Allah , ich weiß nur Gutes", und widersprach dem schlechten Gerede über Aischa.

 

Muhammads (s.a.s.) Aussprache mit Aischa

Schließlich blieb Muhammad (s.a.s.) nichts anderes übrig, als sich mit seiner Frau auszusprechen und sie zu bitten, ein Bekenntnis abzulegen. Als er bei ihr eintrat, waren ihre Eltern und eine Frau der Ansar bei ihr, und sie und die Frau weinten. Das Leid hatte sie vor Entsetzen über das, was sie an Muhammads (s.a.s.) Zweifel an ihr sah, in tiefste Traurigkeit gestürzt. Dem Zweifel dieses Mannes, den sie liebte und bewunderte, an den sie glaubte und in dem sie aufging.
Als sie ihn sah, hielt sie ihre Tränen zurück und hörte zu, wie er sagte: "0 Aischa, du weißt, was die Leute reden. So fürchte Allah , solltest du, wie man behauptet, eine Schlechtigkeit begangen haben, und wende dich Allah in Reue zu, denn Allah nimmt die Reue SEINER Diener an."

 

Aischas Aufbegehren

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da geriet das Blut in ihren Adern in Wallung, und die Tränen in ihren Augen versiegten. Sie wandte sich ihrer Mutter und ihrem Vater zu, um abzuwarten, was sie antworten würden. Doch sie schwiegen und sagten kein Wort. Dies erregte sie umso mehr, und sie schrie sie an: "Antwortet ihr nicht!" Sie entgegneten: "Bei Allah , wir wissen nicht, was wir antworten sollen!" und schwiegen erneut.

Da konnte sie nicht mehr an sich halten und brach in schluchzendes Weinen aus. Ihre Tränen halfen ihr, sich zu beruhigen, nachdem sie ihre innere brennende Aufregung beinahe verzehrt hatte. Sie sprach den Propheten weinend an: "Bei Allah , ich werde mich Allah niemals in Reue wegen dessen, was du erwähntest, zuwenden! Bei Allah , ich weiß, würde ich zugeben, was die Leute sagen - und Allah weiß, dass ich unschuldig bin - würde ich etwas sagen, was nicht stimmt. Weise ich es aber zurück, glaubt ihr mir nicht." Dann schwieg sie ein Weilchen und fuhr fort: "Vielmehr sage ich, was Josefs Vater sagte: "Geziemende Geduld: Allah ist der um Hilfe Anzurufende wider das, was ihr schildert." (vgl. Sura 12 Aya 18)

 

Die göttliche Offenbarung über Aischas Unschuld

Diesem Aufbegehren folgte ein Schweigen, von dem die Anwesenden nicht wussten, wie lange es anhalten würde. Doch Muhammad (s.a.s.) verließ seinen Platz nicht, bis ihn die Offenbarung überkam. Er wurde mit seinem Gewand bedeckt, und unter seinen Kopf wurde ein Lederkissen gelegt. Aischa berichtete: Bei Allah , ich fürchtete mich nicht noch sorgte ich mich, als ich das sah, denn ich wusste, dass ich unschuldig war und Allah mir kein Unrecht antun werde. Was jedoch meine Eltern betraf, so wich die Offenbarung nicht vom Gesandten Allahs, bis mir war, ihr Leben wollte sie verlassen aus Angst, von Allah könne die Bestätigung dessen kommen, was die Leute redeten."
Als die Offenbarung von Muhammad (s.a.s.) wich, setzte er sich schweißgebadet, wischte sich die Stirn und sagte: "Freue dich, o Aischa, Allah hat deine Unschuld geoffenbart!" Aischa sagte: "Allah sei gelobt!" Muhammad (s.a.s.) ging zur Moschee und überbrachte den Muslimen diese Ayat, die geoffenbart worden waren:

"Diejenigen, die die Verleumdung aufbrachten, sind eine Gruppe von euch. Jedem von ihnen gebührt, was er an Sünde erwirkt hat, und derjenige von ihnen, der den Hauptanteil daran hatte, empfängt gewaltige Strafe." (24, V.11 ff)

Die Verleumdung unbescholtener Frauen und der Vollzug des Urteils hinsichtlich der Verleumdung Aischas
Die Verleumdung unbescholtener Frauen und der Vollzug des Urteils hinsichtlich der Verleumdung Aischas
Bei dieser Gelegenheit wurde auch das Strafmaß für die Verleumdung unbescholtener Frauen geoffenbart:
"Und jene, die unbescholtene Frauen verleumden und danach keine vier Zeugen beibringen, denen verabreicht achtzig Peitschenhiebe und nehmt von ihnen nie mehr ein Zeugnis an, denn jene sind die Frevler. " (24, V.4)

In Befolgung der Anordnung des Qur´aan wurden Mistah Ibn Athath, Hasan Ibn Thabit und Hamna Bint Dschahsch, die die Schamlosesten waren, je achtzig Schläge verabreicht. Aischa erlangte ihre frühere Stellung im Haus und im Herzen Muhammads (s.a.s.) zurück.
Sir William Muir sagt im Zusammenhang mit diesem Ereignis: "Das Leben Aischas vor und nach diesem Ereignis ruft uns dazu auf, ihre Unschuld anzuerkennen und nicht zu zögern, jeden Zweifel, der darum entstand, zu entkräften."

 

Das Wunderbare der Vergebung

Hasan Ibn Thabit vermochte danach, Muhammads (s.a.s.) Wohlwollen und Güte ihm gegenüber wieder zu erlangen. Desgleichen forderte Muhammad (s.a.s.) auch Abu Bakr auf, Mistah seine gütige Hilfe, die er ihm gewährt hatte, nicht zu verwehren. Das Ereignis war schließlich erledigt und hinterließ keine Spuren in Medina.
Aischa erholte sich rasch und kehrte in das ihre von den Häusern des Gesandten und zu ihrer Stellung in seinem Herzen und ihrer hervorgehobenen Position bei seinen Gefährten und sämtlichen Muslimen zurück. Somit konnte sich der Prophet seiner Botschaft und der Politik der Muslime zuwenden und das Abkommen von Al Hudaibija vorbereiten, durch das Allah (t.) den Muslimen einen deutlichen Sieg verleihen sollte.

 

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