D Das Leben des Propheten

28. Das "Jahr der Delegationen" und die Pilgerreise Abu Bakrs mit den Leuten - Weg zum Islam

28. Das "Jahr der Delegationen" und die Pilgerreise Abu Bakrs mit den Leuten

 


Die Auswirkung von Tabuk

Durch den Kriegszug gegen Tabuk wurde das Wort des Herrn auf der ganzen arabischen Halbinsel verbreitet. So war Muhammad (s.a.s.) vor jedem Übergriff sicher. Kaum dass er nach seiner Rückkehr von diesem Kriegszug nach Medina zur Ruhe gekommen war, begann tatsächlich jeder Einwohner der Halbinsel, der dem Polytheismus anhing, nachzudenken. Die Muslime, die Muhammad (s.a.s.) bei seinem Zug nach Asch Scham begleitet hatten, hatten vielfältige Mühen auf sich genommen und Hunger, Durst und auch Furcht ertragen. So waren sie etwas unzufrieden darüber zurückgekehrt, dass sie aufgrund des Rückzugs der Römer in ihre Festungen im Hinterland von Asch Scham weder gekämpft noch Beute gemacht hatten. Dieser Rückzug hatte jedoch bei den verschiedenen Stämmen der Araber eine tiefe Auswirkung auf ihre Existenz und ihre Religion hinterlassen. Eine noch tiefere hinterließ er jedoch bei den Stämmen des Südens im Jemen, Hadramaut und Uman. Waren es doch dieselben Römer, die die Perser besiegt und von ihnen das Kreuz zurückgeholt hatten, um es mit gewaltigem Pomp nach Jerusalem zu bringen, als Persien für eine lange Zeit der Machthaber über den Jemen und die ihm benachbarten Länder war!

 

Hinwendung der Araber zum Islam

Wenn also die Muslime in der Nähe des Jemen und aller übrigen arabischen Länder waren, warum sollten sich diese Länder dann in diese Einheit nicht einfügen, die unter dem Schutz der Flagge Muhammads (s.a.s.), der Flagge des Islam stand, und somit der Herrschaft sowohl der Römer als auch der Perser entkommen?! Was würde den Fürsten der Stämme und Länder ein solches Verhalten schaden, nachdem sie gesehen hatten, dass Muhammad (s.a.s.) jeden, der zu ihm kam und den Islam und den Gehorsam erklärte, in seiner Führerstellung über seinen Stamm bestätigte!


So sollte das zehnte Jahr der Hidschra das "Jahr der Delegationen" sein. Die Menschen sollten der Religion Allahs (t.) in Scharen beitreten. Und der Kriegszug gegen Tabuk sowie der Rückzug der Römer vor den Muslimen sollten eine noch größere Wirkung zeigen als die Einnahme Mekkas, der Sieg bei Hunain und die Belagerung von At Taif.

 

Die Annahme des Islam von Urwa Ibn Masud

Zu den schönen Ereignissen der göttlichen Vorhersehung gehört, dass At Taif nach Tabuk die erste Stadt war, die den Gehorsam erklärte, wenngleich sie damit lange zögerte - At Taif, das dem Propheten während dessen Belagerung einen solchen Widerstand geleistet hatte, dass die Muslime abzogen, ohne es erstürmt zu haben. Urwa Ibn Masud, einer der Herren der in At Taif lebenden Thakif, befand sich im Jemen, als der Prophet nach der Schlacht von Hunain gegen seine Stadt zog. Als er in seine Heimat zurückgekehrt war und sah, dass der Prophet in Tabuk gesiegt hatte und nach Medina zurückgekehrt war, beeilte er sich, ihm seine Annahme des Islam und das Verlangen zu erklären, seine Leute zum Eintritt in die Religion Allahs (t.) aufzurufen.


Urwa verkannte Muhammad (s.a.s.) und seine Bedeutung nicht. Er war einer derjenigen, die mit ihm im Auftrag der Kuraisch über das Abkommen von Al Hudaibija verhandelt hatten. Nachdem Urwa Muslim geworden war, erfuhr der Prophet von seinem Entschluss, zu seinen Leuten zu gehen, um sie zu der Religion, der er beigetreten war, aufzurufen. Der Prophet kannte die fanatische Begeisterung der Thakif für ihren Götzen Al Llat, ihren Stolz und ihre Heftigkeit. Dies veranlasste ihn, Urwa zu warnen, indem er zu ihm sagte:


"Sie werden dich bestimmt töten." Doch Urwa fühlte sich durch seine Stellung unter seinen Leuten stark und entgegnete: "0 Gesandter Allahs , ich bin ihnen lieber als ihre Augen." Urwa ging und rief sein Volk zum Islam auf. Da berieten sie sich untereinander und äußerten sich nicht ihm gegenüber.

 



Die Ermordung Urwas

Am Morgen kletterte er auf sein Dach und rief zum Gebet. Da bestätigte sich der Scharfsinn des Gesandten Allahs : seine Leute hatten keine Geduld aufzubringen vermocht. Sie umringten ihn und beschossen ihn von allen Seiten mit Pfeilen, und es traf ihn ein tödlicher Pfeil. Urwas Angehörige um ihn herum gerieten in Aufregung, doch im Sterben sagte er zu ihnen: "Es ist eine Ehre, die mir Allah erwies, und ein Märtyrertod, den Allah mir zuteil werden ließ. Es geht mir wie den Märtyrern, die im Beisein des Gesandten Allahs (s.a.s.) getötet wurden, bevor er von euch abzog." Dann bat er, bei den Märtyrern begraben zu werden, und seine Angehörigen begruben ihn bei ihnen.

 

Die Delegation der Thakif zum Propheten

Urwas Blut war nicht umsonst. Denn die Stämme, die in der Nachbarschaft von At Taif lebten, waren bereits alle Muslime geworden und sahen daher in dem, was die Thakif mit einem ihrer Herren getan hatten, eine Sünde und etwas Abscheuliches. Die Thakif sahen infolgedessen auch, dass keine ihrer Herden sicher war und niemand von ihnen weggehen konnte, ohne sich einer Gefahr auszusetzen. Sie waren sicher, dass sie, wenn sie keinen Weg zu einem Friedensabkommen oder Waffenstillstand mit den Muslimen fänden, ohne Zweifel der Vernichtung entgegengingen. Die Leute berieten sich untereinander und sprachen mit einem ihrer Oberhäupter (Abd Jalail): Er möge zum Propheten gehen und ihm einen Friedensvertrag zwischen den Thakif und ihm vorschlagen. Abd Jalail fürchtete jedoch, ihm werde von seinen Leuten das gleiche zustoßen wie Urwa Ibn Masud. So willigte er nicht ein, zu Muhammad (s.a.s.) zu ziehen, bis sie fünf weitere mit ihm schickten. Wenn er mit ihnen loszog, konnte er bei ihrer Rückkehr beruhigt sein, dass sich jeder von ihnen mit seiner Gruppe beschäftigen würde.


Al Mughira Ibn Schuba traf die Delegation, als sie sich Medina näherte, und er beeilte sich, um dem Propheten die Kunde über sie zu bringen. Während er sich so beeilte, traf Abu Bakr auf ihn. Als dieser von Al Mughira Ibn Schuba erfuhr, mit welcher Nachricht er kam, bat er ihn, es ihm zu überlassen, dem Gesandten Allahs die frohe Botschaft zu bringen. Abu Bakr trat beim Propheten ein und teilte ihm die Ankunft der Delegation der Thakif mit.


Diese Delegation vertraute immer noch auf die Stärke ihres Volkes - und sie gedachte der Belagerung At Taifs durch den Propheten und seines Abzugs von der Stadt. Al Mughira informierte sie darüber, wie sie den Propheten mit dem Gruß des Islam grüßen sollten. Doch sie waren nur damit einverstanden, als sie zu ihm kamen, ihn mit dem Gruß der vorislamischen Zeit der Unwissenheit zu grüßen. Sodann wurde ihnen ein eigenes Zelt an einer Seite der Moschee aufgeschlagen. Dort hielten sie sich auf, fühlten sich aber ständig von den Muslimen bedroht. In den Verhandlungen mit dem Gesandten Allahs war Chalid Ibn Said Ibn Al As der Bote zwischen der Delegation und ihm. Sie aßen keine Speise, die ihnen vom Propheten gebracht wurde, bevor nicht Chalid davon gegessen hatte.

 

Forderung der Delegation auf Beibehaltung ihrer Götzen und Ablehnung durch den Propheten

Chalid überbrachte dem Propheten die Botschaft, dass die Thakif trotz ihrer Bereitschaft zum Islam forderten, ihren Götzen Al Llat über drei Jahre nicht zu zerstören sowie ihnen das Gebet zu erlassen. Der Prophet wies diese Forderung jedoch aufs heftigste zurück. Sie schwächten daraufhin ihre Forderung dahingehend ab, er solle ihnen Al Llat zwei Jahre lassen, dann ein Jahr und schließlich noch einen einzigen Monat, nachdem sie zu ihrem Volk zurückgekehrt wären. Doch Muhammads (s.a.s.) Ablehnung diesbezüglich war entschieden, und weder schwankte er noch gab er nach.


Wie kann man von einem Propheten, der zur Religion Allahs (t.) , des Einzigen, des Allmächtigen aufruft und die Götzen restlos vernichtet, verlangen, wegen eines dieser Götzen nachlässig zu sein, selbst dann, wenn das Volk dieses Götzen über eine Stärke verfügte wie die Thakif in At Taif! Entweder glaubt der Mensch oder er glaubt nicht; dazwischen gibt es nur Zweifel. Doch der Zweifel und der Glaube vereinen sich nicht in einem Herzen, wie auch der Glaube und der Unglaube sich nicht vereinen. Das Festhalten an Al Llat, dem Götzen von den Thakif, zeugt davon, dass die Thakif immer noch die Anbetung zwischen ihm und Allah (t.), dem Glorreichen aufteilen würden. Das würde bedeuten, Allah (t.) in SEINER Schöpfer- und Herrscherstellung etwas beizugesellen; doch Allah (t.) vergibt nicht, wenn man IHM etwas beigesellt.

 

Forderung des Gebetserlasses und ihre Ablehnung

Die Thakif forderten, ihnen das Gebet zu erlassen; doch Muhammad (s.a.s.) lehnte ab, indem er sagte: "Es ist nichts Gutes in einer Religion, die kein Gebet enthält." Die Thakif verzichteten auf das Festhalten an Al Llat und nahmen den Islam und die Verrichtung des Gebets an. Aber sie baten, ihre Götzen nicht mit eigenen Händen zerbrechen zu müssen, denn sie waren neu im Glauben, und ihre Leute würden darauf warten zu sehen, was sie täten. Da erließ ihnen Muhammad (s.a.s.) die Zerstörung dessen, was sie und ihre Väter anzubeten pflegten. Muhammad (s.a.s.) hielt hierin keine Strenge für erforderlich. Es war gleich, ob die Thakif den Götzen zerstörten, oder ob es andere taten. Er würde zerstört werden, und die alleinige Anbetung Allahs (t.) würde sich bei den Thakif durchsetzen. Muhammad (s.a.s.) sagte: "Was das Zerschlagen eurer Götzen mit euren Händen betrifft, so erlassen wir es euch."


Dann gab er Uthman Ibn Abu Al As, dem Jüngsten unter ihnen, den Befehl über sie. Er erhielt ihn trotz seines Alters, da er dem Zeugnis von Abu Bakr und dem der frühen Muslime zufolge das stärkste Verlangen nach dem Verständnis des Islam und Erlernen des Qur´aan zeigte. Die Leute blieben den Rest des Monats Ramadan bei Muhammad (s.a.s.) und fasteten mit ihm. Er schickte ihnen Speise für das Fastenbrechen sowie die letzte Mahlzeit vor Fastenbeginn. Als es Zeit für sie war, zu ihrem Volk zurückzukehren, ermahnte Muhammad (s.a.s.) Uthman Ibn Al As, indem er sagte: "Gestalte das Gebet nicht zu lang und beurteile die Leute nach ihrem Schwächsten; denn es sind unter ihnen Alte, Kinder, Schwache und solche, die etwas zu erledigen haben."

 

Die Zerstörung von Al Llat

Die Delegation kehrte in ihr Land zurück. Mit ihnen sandte Muhammad (s.a.s.) Abu Sufjan Ibn Harb und Al Mughira Ibn Schuba, die unter den Thakif Freunde und Verwandte hatten, damit sie Al Llat zerstörten. Abu Sufjan und Al Mughira gingen zum Götzen, und Al Mughira zerstörte ihn. Die Frauen von den Thakif weinten vor Trauer. Niemand wagte, sich ihm zu nähern, nachdem eine Übereinkunft zwischen der Delegation der Thakif und dem Propheten über die Zerstörung von Al Llat getroffen worden war. Al Mughira beschlagnahmte das Vermögen und den Schmuck von Al Llat und beglich damit gemäß dem Befehl des Gesandten und in Übereinkunft mit Abu Sufjan eine Schuld von Urwa und Al Aswad. Durch die Zerstörung von Al Llat und durch die Annahme des Islam von At Taif war der gesamte Hedschas dem Islam beigetreten. Muhammads (s.a.s.) Herrschaft erstreckte sich nun von den Ländern der Römer im Norden bis zu den Ländern des Jemen und Hadramaut im Süden.

 

Die Delegationen kommen eine nach der anderen nach Medina

Alle übrigen Länder im Süden der Halbinsel bereiteten sich darauf vor, sich der neuen Religion anzuschließen und jede Macht von der Religion und ihrer Heimat abzuhalten. So zogen ihre Delegationen aus verschiedenen Richtungen nach Medina, um ihre Ergebenheit bekannt zu geben und den Islam anzunehmen.


Ein Monat folgte dem anderen, während die Delegationen ununterbrochen nach Medina kamen, bis die Zeit des Haddsch sich näherte. Der Prophet (s.a.s.) hatte bis zu jenem Tag diese Pflicht noch nicht so vollständig durchgeführt wie sie die Muslime heute gewöhnlich durchführen. Würde der Prophet in diesem Jahr ausziehen, Allah (t.) dankend, dass ER ihm gegen die Römer geholfen hatte, At Taif in die Reihen des Islam eintreten und die Delegationen aus jedem entfernten Winkel zu ihm kommen ließ? Aber es gab noch immer Menschen auf der Halbinsel, die nicht an Allah (t.) und SEINEN Gesandten glaubten. Ungläubige, Juden und Christen folgten noch immer ihren vorislamischen Bräuchen. Die Ungläubigen pilgerten noch immer in den heiligen Monaten zur Kaba, aber sie waren unrein. Also sollte der Prophet in Medina bleiben, bis Allah (t.) SEIN Wort vollständig erfüllen und ihm die Wallfahrt zu SEINEM Haus gestatten würde. Abu Bakr sollte mit den Leuten zur Wallfahrt aufbrechen.

 

Abu Bakr führt die Leute zur Wallfahrt

Abu Bakr zog mit 300 Muslimen nach Mekka. Aber Jahr für Jahr pilgerten immer noch die Polytheisten zum heiligen Haus Allahs (t.) . Gab es nicht ein allgemeines Abkommen zwischen Muhammad (s.a.s.) und den Leuten, dass niemand vom Haus zurückgehalten werde, der zu ihm komme, und dass niemand sich während der heiligen Monate fürchten solle?! Gab es nicht zwischen ihm und den Stämmen der Araber auf bestimmte Zeit befristete Verträge?! Solange diese Verträge bestanden, würden also jene, die Allah (t.) einen Götzen beigesellten und die, die jemanden anderen als Allah (t.) anbeteten, weiterhin zum Haus Allahs (t.) pilgern. Die Muslime mussten die Anbetungshandlungen aus der vorislamischen Zeit der Unwissenheit vor der Kaba mit eigenen Augen ansehen, und sie würden aufgrund der besonderen Verträge und allgemeinen Abkommen niemanden von seiner Wallfahrt und seiner Anbetung abhalten können.


Da die meisten der von den Arabern angebeteten Götzen und all jene, die sich in und um der Kaba befunden hatten, zerschlagen worden waren, ist diese Menschenmenge beim heiligen Haus Allahs (t.) - sowohl Streiter gegen den Polytheismus und das Götzentum als auch Befürworter des Polytheismus und des Götzentums - ein unbegreiflicher Widerspruch. Man mag verstehen können, dass sowohl Juden als auch Christen nach Jerusalem pilgern, weil es das Gelobte Land der Juden und der Geburtsort des Messias für die Christen ist, so wird doch niemand die Vereinigung zweier verschiedener Anbetungsformen um ein Haus verstehen können, in dem die Götzen zerschlagen wurden und die zerschlagenen Götzen angebetet werden.

 

Abhalten der Polytheisten von der Wallfahrt

Es war deshalb natürlich, dass die Polytheisten daran gehindert wurden, sich dem Haus, das vom Polytheismus gereinigt und aus dem jedes Anzeichen des Götzendienstes entfernt worden war, zu nähern. Darüber wurden die Ayat der Sura Baraa* geoffenbart. Die Wallfahrtszeit hatte jedoch schon begonnen, und die Polytheisten kamen bereits aus allen Richtungen, um ihre Wallfahrtszeremonien durchzuführen. So sollte diese Zusammenkunft als Gelegenheit dienen, dass ihnen Allahs (t.) Befehl verkündet wurde: jeder Vertrag zwischen Polytheisten und Gläubigen wurde für nichtig erklärt, außer den befristeten Verträgen, die bis zu ihrem Fristablauf bestehen blieben.


Zu diesem Zweck sandte der Prophet Ali Ibn Abu Talib. Er sollte sich Abu Bakr anschließen und den Menschen auf der Wallfahrt am Tag von Arafat vortragen, was Allah (t.) und SEIN Gesandter befahlen. Ali folgte Abu Bakr und den Muslimen, die mit ihm zur Wallfahrt gezogen waren, um seine Aufgabe zu erfüllen. Als ihn Abu Bakr sah, fragte er ihn: "Kommst du als Führer oder als Bote?" Ali erwiderte: "Ich komme als Bote." Er informierte Abu Bakr über seinen Auftrag und darüber, dass der Prophet ihn nur deshalb zur Bekanntgabe geschickt habe, weil er zu seinem engeren Familienkreis gehöre. Als die Leute sich bei Mina versammelten und die Wallfahrtszeremonien ausführten, stand Ali Ibn Abu Talib an der Seite von Abu Huraira auf und rief unter den Leuten aus, indem er die Worte des Erhabenen rezitierte:


"Eine Lossagung von Allah und SEINEM Gesandten von den Polytheisten, mit denen ihr ein Abkommen geschlossen habt. So zieht vier Monate im Land umher und wisset, dass ihr vor Allah schwach seid und dass Allah die Ungläubigen verächtlich macht. Und eine Verkündung von Allah und SEINEM Gesandten an die Menschen am Tag der großen Wallfahrt, dass Allah und SEIN Gesandter von den Polytheisten frei sind. Wenn ihr bereut, so ist es besser für euch; und wenn ihr euch abwendet, so wisset, dass ihr vor Allah schwach seid. Und verkünde den Ungläubigen schmerzliche Strafe. Ausgenommen sind diejenigen der Polytheisten, mit denen ihr ein Abkommen geschlossen habt und die es euch in nichts fehlen ließen und keinem wider euch beistanden.

So erfüllt ihnen ihr Abkommen bis zu ihrer Frist, denn Allah liebt fürwahr die Gottesfürchtigen. Wenn aber die heiligen Monate verflossen sind, so tötet die Polytheisten, wo ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen überall auf. So sie doch bereuen und das Gebet verrichten und die religiöse Sozialabgabe entrichten, so gebt sie frei. Allah ist fürwahr verzeihend und barmherzig. Und wenn einer der Polytheisten bei dir Schutz sucht, so gewähre ihm Schutz, auf dass er Allahs Wort vernehme, und lass ihn dann an einen für ihn sicheren Ort gelangen. Dies, weil sie ein Volk sind, das unwissend ist. Wie könnten die Polytheisten auch ein Abkommen mit Allah und SEINEM Gesandten haben - außer jenen, mit denen ihr bei der heiligen Moschee ein Abkommen geschlossen habt? Solange sie euch gegenüber redlich sind, seid auch ihnen gegenüber redlich. Allah liebt fürwahr die Gottesfürchtigen. Wie, da sie, wenn sie euch besiegten, euch rücksichts- und hemmungslos behandeln würden? Sie stellen euch mit ihrem Mund zufrieden, doch ihre Herzen sind ablehnend, und die meisten von ihnen sind Frevler.

Sie verkaufen die Zeichen Allahs um einen geringen Preis und machen von SEINEM Weg abwendig; fürwahr, schlimm ist, was sie tun. Sie behandeln einen Gläubigen rücksichts- und hemmungslos, und jene sind die Übertreter. So sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die religiöse Sozialabgabe entrichten, so sind sie eure Brüder in der Religion. Und WIR machen die Zeichen klar für ein Volk, das wissend ist. Und wenn sie ihre Schwüre nach ihrem Abkommen brechen und eure Religion verunglimpfen, so bekämpft die Führer des Unglaubens - denn ihnen bedeuten Schwüre nichts -; vielleicht hören sie auf. Wollt ihr nicht Leute bekämpfen, die ihre Schwüre brechen und den Gesandten vertreiben wollen und euch gegenüber zuerst den Anfang machten? Fürchtet ihr sie etwa?

Doch hat Allah mehr Recht, dass ihr IHN fürchtet, so ihr Gläubige seid. Bekämpft sie, Allah bestraft sie durch eure Hände und bedeckt sie mit Schmach und verleiht euch den Sieg über sie und heilt die Herzen von Leuten, die glauben. Und ER beseitigt den Zorn ihrer Herzen, und Allah wendet sich zu, wem ER will, und Allah ist allwissend und allweise. Oder rechnet ihr damit, gelassen zu werden, ohne dass Allah die kennt, die sich von euch bemühen und neben Allah und SEINEM Gesandten und den Gläubigen keinen vertrauten Freund nehmen? Und Allah weiß, was ihr tut. Es kommt den Polytheisten nicht zu, auf Allahs Moscheen ihr Augenmerk zu richten, während sie durch den Unglauben gegen sich selbst zeugen. Sie sind es, deren Werke nichtig sind und die ewig im Feuer verweilen. Nur derjenige richte sein Augenmerk auf Allahs Moscheen, der an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag und das Gebet verrichtet und die religiöse Sozialabgabe entrichtet und niemanden außer Allah fürchtet, und vielleicht gehören diese zu den Rechtgeleiteten. Setzt ihr die Tränkung der Wallfahrer und die Verwaltung der heiligen Moschee denn dem gleich, als wenn einer an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag und sich auf dem Wege Allahs bemüht? Sie sind vor Allah nicht gleich; und Allah leitet das ungerechte Volk nicht.

Diejenigen, die glauben und auswandern und sich auf dem Wege Allahs mit ihrem Vermögen und ihrem Leben bemühen, nehmen den höchsten Rang bei Allah ein, und diese sind die Erfolgreichen. Ihr Herr verheißt ihnen Barmherzigkeit von IHM und Wohlgefallen und Gärten für sie, in denen sie bleibendes Glück haben. Sie verweilen in ihnen ewig. Fürwahr, Allah - bei IHM ist gewaltiger Lohn. 0 ihr, die ihr glaubt, nehmt eure Väter und Brüder nicht zu Freunden, so sie den Unglauben dem Glauben vorziehen; und wer von euch sie zu Freunden nimmt, das sind die Ungerechten. Sprich: "Wenn euch eure Väter und eure Söhne und eure Brüder und eure Frauen und eure Verwandten und Vermögen, das ihr erworben habt, und ein Handel, dessen Verlust ihr fürchtet, und Wohnungen, die euch gefallen, lieber sind als Allah und SEIN Gesandter und das Bemühen auf SEINEM Weg, so wartet ab, bis Allah mit SEINEM Befehl kommt." Und Allah leitet das frevelhafte Volk nicht. Allah hat euch schon oft zur rechten Zeit den Sieg geschenkt sowie am Tag von Hunain, als ihr auf eure Menge stolz wäret; doch sie nützte euch nichts, und die Erde wurde euch eng, obwohl sie geräumig ist, sodann wandtet ihr euch zur Flucht. Dann sandte Allah die IHM entstammende, innere Ruhe auf SEINEN Gesandten und die Gläubigen nieder und sandte Soldaten, die ihr nicht sähet, und strafte die Ungläubigen; und das ist der Lohn der Ungläubigen.

Danach wendet SICH Allah zu, wem ER will, denn Allah ist vergebend und barmherzig. 0 ihr, die ihr glaubt, die Polytheisten sind fürwahr unrein, also sollen sie sich nach diesem ihrem Jahr nicht der heiligen Moschee nähern. Und solltet ihr Armut fürchten, so wird Allah euch aus SEINEM Überfluss versorgen, wenn ER will. Allah ist fürwahr wissend und weise. Kämpfet wider jene, denen die Schrift gegeben ward, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und SEIN Gesandter verboten haben, und sich nicht zur Religion der Wahrheit bekennen, bis sie die Schutzsteuer eigenhändig entrichten und demütig sind. Und die Juden sagen:


" Esra ist der Sohn Allahs " , und die Christen sagen: "Der Messias ist der Sohn Allahs " . Solches ist ihre Rede ihres Mundes. Sie führen ähnliche Reden wie diejenigen, die zuvor ungläubig waren. Allah möge sie bekämpfen; wie sind sie von der Wahrheit abgebracht worden! Sie nehmen ihre Schriftgelehrten und Mönche neben Allah zu Herren und den Messias, den Sohn der Maria, wo ihnen doch nur befohlen wurde, einem einzigen Gott zu dienen, außer DEM es keinen Gott gibt. Erhaben ist ER ob dem, was sie beigesellen. Sie wollen das Licht Allahs mit ihrem Munde auslöschen, aber Allah will nichts anderes, als dass ER SEIN Licht vollende, auch wenn es den Ungläubigen zuwider ist. ER ist es, DER SEINEN Gesandten mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit sandte, um sie über jede andere Religion sichtbar zu machen, auch wenn es den Polytheisten zuwider ist. 0 ihr, die ihr glaubt, viele von den Schriftgelehrten und Mönchen fressen fürwahr das Vermögen der Leute zu Unrecht auf und halten vom Wege Allahs ab. Und denjenigen, die Gold und Silber horten und es nicht auf dem Wege Allahs ausgeben, denen verkünde eine schmerzliche Strafe. Am Tag, da es im Feuer der Hölle glühend gemacht und damit ihre Stirn und ihre Seiten und ihr Rücken gebrandmarkt werden: "Das ist es, was ihr für euch gehortet habt; so schmeckt, was ihr gehortet habt." Die Zahl der Monate bei Allah ist fürwahr zwölf Monate im Buch Allahs am Tage, da ER die Himmel und die Erde erschuf; davon sind vier heilig. Das ist die richtige Religion. Drum tut euch darin kein Unrecht an und bekämpft die Polytheisten insgesamt, wie sie euch bekämpfen insgesamt, und wisset, dass Allah mit den Gottesfürchtigen ist. " (9, V. 1-36)


Ali stand unter den Leuten, während sie die Wallfahrtszeremonien bei Mina vollzogen, und rezitierte ihnen diese Ayat der Sura "At Tauba". Wir haben sie alle aus einem Grund wiedergegeben, den wir noch darlegen werden. Als er ihre Rezitation beendet hatte, hielt er eine Weile inne, dann rief er den Leuten zu: "0 ihr Leute! Kein Ungläubiger wird das Paradies betreten; und nach diesem Jahr wird kein Polytheist die Wallfahrt durchführen; und kein Nackter wird die Kaba umschreiten.** Und wenn einer ein Abkommen mit dem Gesandten Allahs (s.a.s.) hat, so gilt dies bis zum Ablauf seiner Frist." Ali verkündete den Leuten diese vier Anordnungen, dann setzte er den Leuten eine Frist von vier Monaten ab diesem Tag, damit alle an die Stätte ihrer Sicherheit und in ihre Heimat zurückkehren konnten. Von da an machte kein Polytheist mehr die Wallfahrt und umschritt kein Nackter mehr die Kaba. An diesem Tag wurde das Fundament gelegt, auf dem der islamische Staat steht.
*Die Sura 9, "At Tauba" (Die Reue), wird auch "Baraa" (Lossagung) genannt


** Zum Brauchtum der polytheistischen Araber gehörte es auch, dass die Umschreitung der Kaba nur in von den Kuraisch gekaufter Kleidung gestattet wurde. Wer sich dies nicht leisten konnte. musste die Umschreitung nackt vollziehen.

 

Das geistige Fundament für den entstehenden Staat

Dieses Fundament ist es, das uns veranlasste, hier den Anfang der Sura "At Tauba" vollständig zu zitieren. Und der Wunsch, dass alle Araber dieses Fundament verstehen sollten, war es, der Ali veranlasste, sich mit dem Rezitieren dieser Ayat nicht nur am Tag der Wallfahrt zu begnügen - hinsichtlich des Rezitierens an jenem Tag stimmen alle Überlieferungen überein -, sondern sie den Leuten später auch in ihren Wohnungen zu rezitieren, wie es in vielen Überlieferungen heißt. Wenn man diesen Anfang der Sura "Baraa" liest und ihn erneut aufmerksam prüfend und wohlüberlegend liest, wird man spüren, dass es stimmt, dass er das geistige Fundament in ausgeprägter Form für jeden entstehenden Staat bildet.


Die Offenbarung der ganzen Sura "Baraa" nach dem letzten Kriegszug des Propheten und ihrer Gehorsamserklärung gegenüber dem Propheten und dem Übertreten der Einwohner At Taifs, des ganzen Hedschas, von Tihama und des Nedschd sowie vieler Stämme des Südens der Halbinsel zum Islam verdeutlicht die geschichtliche Weisheit dieser geoffenbarten Ayat, die das geistige Fundament des Staates zu jener Zeit bildeten. Der Staat muss, um stark zu sein, von einer allgemeinen geistigen Ideologie getragen sein, an die seine Einwohner glauben und die sie gemeinsam mit all ihren Mitteln und all ihrer Kraft verteidigen. Und welche Ideologie ist bedeutender als der Glaube an Allah (t.) allein, DER keinen Teilhaber in seiner Schöpfer- und Herrscherstellung hat! Welche Ideologie hat größere Macht über die Seele als das Sichverbunden fühlen des Menschen mit dem Sein in seiner sublimsten Manifestation, so dass niemand Macht über ihn hat außer Allah (t.) und niemand außer Allah (t.) über sein Inneres wacht!


Wenn es also dann welche gibt, die dieser allgemeinen Ideologie, die das Fundament des Staates darstellen muss, entgegentreten, so sind diese die Frevler. Sie sind der Keim des Bürgerkrieges und der vernichtenden Intrige. Deswegen darf es mit ihnen kein Abkommen geben, und der Staat muss sie bekämpfen. Wenn sie gegen die allgemeine Ideologie eine offene Rebellion hervorrufen, ist ihre Bekämpfung geboten, bis sie sich unterwerfen. Und wenn ihr Aufstand gegen die allgemeine Ideologie nicht offen zutage tritt, wie es sich mit den Schriftbesitzern verhielt, dann müssen sie eigenhändig und demütig die Schutzsteuer entrichten.

 

Die Vertreter überspitzter Ansichten über den Islam und den Gesandten

Die Betrachtung des Problems aus geschichtlicher und gesellschaftlicher Perspektive führt uns - und jeden Autor mit aufrichtiger Absicht - zur Erkenntnis der Bedeutung dieser Ayat, die der Leser hier in der Sura "At Tauba" liest. Jene, die in ihrer Beurteilung des Islam und seines Gesandten jedoch das Maß überschreiten, lassen diese Betrachtungsweise beiseite. Sie behaupten von diesen äußerst gewichtigen Ayat der Sura "At Tauba", sie seien ein Aufruf zum Fanatismus, den die von Toleranz geprägte Gesellschaft nicht billigt. Ein Aufruf, die Polytheisten zu bekämpfen und erbarmungslos zu töten, wo die Gläubigen sie finden. Und ein Aufruf zur Errichtung der Herrschaft auf der Grundlage von Gewalt und Tyrannei.


Diese Behauptung findet man in zahlreichen Büchern der Orientalisten. Es ist eine Behauptung, der der Intellekt zuneigt, der für die Gesellschafts- und Geschichtskritik nicht reif ist, auch bei den Muslimen. Es ist eine Behauptung, die kein bisschen mit der geschichtlichen oder der gesellschaftlichen Wahrheit übereinstimmt. Sie führt ihre Vertreter deshalb zu ihrer Auslegung dessen, was wir von der Sura "At Tauba" darboten und was Ähnliches an vielen Stellen des Qur´aan vorkommt. Eine Auslegung, die dem Verlauf der Ereignisse in der Biographie des Gesandten und dem Leben des bedeutenden Propheten von dem Tag an, da Allah (t.) ihn zum Ruf zur Religion der Wahrheit entsandte, bis zu dem Tag, da Allah (t.) ihn zu SICH nahm, völlig widerspricht.

 

Die Meinungsfreiheit und die westliche Zivilisation

Zur Darlegung dessen scheint es uns angebracht, nach dem geistigen Fundament der heute herrschenden Zivilisation zu fragen. Und dann dieses geistige Fundament mit dem zu vergleichen, wozu Muhammad (s.a.s.) aufrief. Das Fundament der heute herrschenden Zivilisation ist die unbegrenzte Meinungsfreiheit, die nur durch das Gesetz eingeschränkt ist. Diese Meinungsfreiheit ist deshalb eine Idee, die die Menschen verteidigen, für die sie Opfer bringen, die zu verwirklichen sie sich bemühen und um derentwillen sie Kriege führen. Sie halten das alles für ein Zeichen des Ruhmes, um den die Generationen wetteifern und sich vor den vorausgegangen Zeitaltern rühmen.


Deswegen behaupten die genannten Orientalisten, der Aufruf des Islam, denjenigen zu bekämpfen, der nicht an Allah (t.) und den Jüngsten Tag glaubt, sei ein Aufruf zum Fanatismus, der mit dieser Freiheit unvereinbar sei. Dies ist ein nichtswürdiger Schwindel, wenn man sich bewusst macht, dass eine Meinung zu vertreten bedeutet, zu ihr aufzurufen und nach ihr zu handeln. Der Islam rief nicht zum Widerstand gegen die Polytheisten unter den Einwohnern der Halbinsel auf, solange diese sich fügten und nicht zu ihrem Polytheismus aufriefen, ihn nicht lebten und seine Anbetungsrituale nicht praktizierten. Die heute herrschende Zivilisation bekämpft die Ansichten, die ihrer Überzeugung zuwiderlaufen, heftiger als die Muslime die Polytheisten bekämpften. Sie verpflichtet denjenigen, der von dieser herrschenden Zivilisation als Angehöriger einer Schriftreligion betrachtet wird, zu tausendmal Schlimmerem als der Schutzsteuer.


Wir wollen nicht die Bekämpfung des Sklavenhandels zum Beispiel nehmen. Selbst wenn jene, die diesen Handel betrieben, glaubten, dass er nicht verboten sei. Wir wollen dieses Beispiel nicht nehmen, damit nicht gesagt wird, wir lehnten diesen Handel nicht ab und der Islam riefe nur zur Bekämpfung dessen auf, was er ablehnte. Aber das heutige Europa als Vertreter der herrschenden Kultur, die von Amerika und den Kräften Südasiens und des Fernen Ostens gefördert wird, hat den Bolschewismus bekämpft und ist zu einem äußerst heftigen Kampf bereit. Auch wir in Ägypten* sind bereit, mit der herrschenden Zivilisation am Krieg gegen den Bolschewismus teilzunehmen.
* Der Autor der englischen Fassung, die dieser deutschen Übersetzung zugrunde liegt, ist Ägypter.

 

Der Krieg gegen den Bolschewismus als einem Wirtschaftssystem

Dennoch ist der Bolschewismus nur ein Wirtschaftssystem, das die Ideologie bekämpft, der die heute herrschende Zivilisation folgt. Ist also der Aufruf des Islam zur Bekämpfung der Polytheisten, die den Vertrag mit Allah (t.) nach seinem Abschluss brechen, ein unzivilisierter Aufruf zum Fanatismus und gegen die Freiheit?! Und ist der Aufruf zur Bekämpfung des die Wirtschaftsordnung der herrschenden Zivilisation zerstörenden Bolschewismus ein Aufruf zur Glaubens- und Meinungsfreiheit und ihrer Respektierung?!

 

Die Bekämpfung der Nudisten

Sodann waren in mehr als einem europäischen Land Leute der Ansicht, die seelische Erziehung müsse mit der körperlichen Erziehung einhergehen. Und die vollkommene oder teilweise Bedeckung des Körpers sei erregender auf den sexuellen Gedanken im Menschen und deswegen verderblicher für die Moral, als wenn die Menschen sich alle nackt bewegten. Die Vertreter dieser Ansicht begannen, das Nacktsein zu praktizieren und es in manchen Städten zu erlauben. Sie errichteten Stätten, die aufsuchte, wer sich in dieser körperlichen Erziehung üben wollte. Kaum begann sich diese Ansicht jedoch zu verbreiten, waren die Regierenden in vielen Ländern der Auffassung, dass in der Verbreitung dieser Erscheinungsform ein Verkommen der charakterlichen Erziehung liege, was der Gesellschaft schade. Sie verboten den Nudismus und bekämpften die Vertreter dieser Ansicht. Und sie verboten durch Gesetze das Errichten von Stätten für diese körperliche Erziehung.


Wir haben keinen Zweifel, dass diese Ansicht, wenn sie sich in einer Nation vollständig verbreitet hätte, ein Grund gewesen wäre, dass andere Nationen ihr den Krieg erklärt hätten, da sie ein Verkommen des moralischen Lebens des Menschen bedeutet. So wie Kriege wegen Sklaverei, weißem Sklavenhandel und Rauschgifthandel aufkamen. Warum all das? Weil die Meinungsfreiheit im allgemeinen ertragen werden kann, solange sie auf die Rede beschränkt bleibt, die der Gesellschaft keinen Schaden zufügt. Wenn diese Meinung dann im Begriff ist, in der menschlichen Gesellschaft Unheil anzurichten, wird die Bekämpfung dieser Unruhen zur Pflicht. Die Auswirkungen dieser Ansicht müssen insgesamt bekämpft werden. Ja, die Ansicht selbst muss bekämpft werden. Wenngleich die Form dieser Bekämpfung unterschiedlich ist und sich danach richtet, was diese Auswirkungen für die Gesellschaft an Unheil mit sich bringen, das ihren charakterlichen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Bestand gefährdet

 

Die Gesetzgebung schränkt die Meinungsfreiheit soweit wie nötig ein

Dies ist die von der heute herrschenden Zivilisation anerkannte gesellschaftliche Wahrheit und vollendete Tatsache. Wollten wir die Ausdrucksformen und Auswirkungen dieser Tatsache bei den verschiedenen Nationen ergründen, brauchten wir für die Forschung lange. Und dafür ist hier nicht der Platz. Man kann jedoch sagen, dass jede Gesetzgebung, die eine gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Bewegung einschränken will, ein Kampf gegen die Ansicht ist, der diese Bewegung entspringt. Dieser Kampf ist in dem Maße erlaubt wie die menschliche Gesellschaft gestört würde, wenn die Meinungen verwirklicht würden, gegen die der Kampf sich richtet.


Wenn wir nun ermessen wollen, ob der Aufruf des Islam zur Bekämpfung des Polytheismus und seiner Anhänger, bis sie sich fügen, gerechtfertigt ist oder nicht, müssen wir betrachten, wie sich das Konzept dieses Polytheismus und dessen, wozu er aufruft, darstellt. Wenn man übereinstimmend dazu gelangt, dass der Polytheismus ein schwerwiegender Schaden für die menschliche Gesellschaft in verschiedenen Zeitaltern war, dann war die Kriegserklärung des Islam gegen ihn gerechtfertigt, ja geboten

 

Darstellung des Lebens der Polytheisten

Der Polytheismus, der existierte, als Muhammad (s.a.s.) mit seinem Aufruf zu Allahs (t.) Religion der Wahrheit antrat, äußerte sich nicht durch die Anbetung von Götzen. Selbst wenn dies so gewesen wäre, wäre seine Bekämpfung geboten gewesen. Denn es ist eine Verachtung des menschlichen Verstandes und der menschlichen Würde, dass der Mensch Steine anbetet. Aber dieser Polytheismus äußerte sich durch eine Reihe von Traditionen, Glaubensgrundsätzen und Gebräuchen. Ja, er äußerte sich durch eine gesellschaftliche Ordnung, die schlimmer war als Sklaverei, Bolschewismus und alles, was man sich in diesem zwanzigsten Jahrhundert vorstellen kann. Er äußerte sich durch das Lebendigbegraben von Töchtern, die unbegrenzte Polygamie, die dem Mann sogar gestattete, dreißig, vierzig, hundert, dreihundert oder noch mehr Frauen zu heiraten. Er äußerte sich durch Wucher in der schamlosesten Form, die der Mensch sich vorstellen kann, sowie durch minderwertigste moralische Anarchie. Die Gesellschaft der arabischen Heiden war die schlechteste Gesellschaft, die es je gab.


Wir wollen von jedem Gerechtdenkenden eine Antwort auf diese Frage:
Wenn eine Gesellschaft von Menschen sich heute eine Ordnung gäbe, die an Glaubensgrundsätzen und Gebräuchen das Lebendigbegraben von Töchtern, die unbegrenzte Polygamie, die Versklavung mit und ohne Grund und die schamlose Ausnutzung von Vermögen enthält, und sich dann gegen all das eine Revolte erhöbe, die es zu zerschlagen und zu vernichten versuchte, würde man diese Revolte des Fanatismus und der Einschränkung der Meinungsfreiheit verdächtigen?! Und wenn wir annähmen, dass eine Nation mit dieser niedrigen gesellschaftlichen Ordnung zufrieden wäre und andere Staaten allmählich davon angesteckt würden und diese Staaten ihr Krieg erklärten, wäre dieser Krieg dann gerechtfertigt oder nicht?! Wäre er nicht gerechtfertigter als der Erste Weltkrieg, der Millionen Bewohner dieser Erde nur wegen der Gier der Kolonialmächte dahinraffte?!


Wenn dies so ist, was soll dann die Kritik der Orientalisten an den Ayat, die der Leser in der Sura "Baraa" gelesen hat, und am Aufruf des Islam zur Bekämpfung des Polytheismus und seiner Anhänger, die zu einer Ordnung aufriefen, die das, was wir erwähnten, und Schlimmeres enthält!

 

Die Revolte gegen den Polytheismus ist gerechtfertigt

Wenn dies die geschichtliche Wahrheit über die Ordnung ist, die in Arabien bestand und von der Flagge des Polytheismus und des Heidentums überschattet wurde, so gibt es eine weitere geschichtliche Wahrheit, die sich aus dem Leben des Gesandten ergibt. Seitdem Allah (t.) ihn mit SEINER Botschaft entsandt hatte, hatte er dreizehn lange Jahre darauf verwandt, die Leute mit Argumenten zu Allahs (t.) Religion aufzurufen und mit ihnen in freundlicher Weise zu diskutieren. Bei den Kriegszügen, die er unternahm, hatte er niemals angegriffen, sondern stets nur die Muslime und ihre Freiheit verteidigt, zu ihrer Religion aufzurufen, an die sie glaubten und für die sie ihr Leben opferten.


Dieser sehr nachdrückliche Aufruf zur Bekämpfung der Polytheisten, weil sie unrein sind und für sie keine Abkommen und Verträge gelten und sie einem Gläubigen keinen Schutz zugestehen, wurde erst nach dem letzten Kriegszug des Propheten geoffenbart: dem Kriegszug von Tabuk. Wenn also der Islam sich in Ländern durchgesetzt hatte, in denen der Polytheismus sich verbreitet hatte und versuchte, in ihnen jene zerstörerische gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung zu errichten, die zur Zeit der Entsendung des Propheten auf der Halbinsel bestand, und wenn die Muslime dann ihre Bevölkerung aufriefen, diese Ordnung aufzugeben und das anzunehmen, was Allah (t.) erlaubt hatte, und zu verbieten, was Allah (t.) verboten hatte, und sie sich nicht fügten - dann wird jeder Gerechtdenkende nur von einer Erhebung gegen sie sprechen und von ihrer Bekämpfung, bis das Wort der Wahrheit sich durchgesetzt hätte und die Religion allein für Allah (t.) wäre.

 

Amir Ibn At Tufail

Alis Rezitation der Sura "Baraa" und Verkündigung unter den Leuten, dass kein Ungläubiger das Paradies betreten, nach einem Jahr kein Polytheist die Wallfahrt machen und kein Nackter die Kaba umschreiten werde, trug beste Früchte. Es beseitigte jedes Zaudern bei den Stämmen, die noch gezögert hatten, dem Ruf des Islam zu folgen.


Deswegen traten der Jemen, Mahra, Al Bahrain und Al Jamama dem Islam bei. Nur eine kleine Zahl, die der Stolz zur Sünde verleitete und die sich in Allah (t.) täuschten, trotzten Muhammad (s.a.s.). Darunter war Amir Ibn At Tufail, der mit der Delegation der Banu Amir zog, um unter dem Banner des Islam Schutz zu suchen. Als sie beim Propheten waren, weigerte sich Amir jedoch und wollte dem Islam nicht beitreten, sondern ein Rivale des Propheten sein. Der Prophet wollte ihn überzeugen, auf dass er Muslim würde. Doch Amir beharrte auf seiner Weigerung und zog dann fort. Er sagte: "Bei Allah , ich werde Pferde und Männer gegen dich sammeln." Muhammad (s.a.s.) sagte: "0 Allah , schütze mich vor Amir Ibn At Tufail!" Amir zog fort, um zu seinem Volk zurückzukehren. Unterwegs befiel ihn die Pest im Genick und brachte ihm den Tod, als er im Haus einer Frau der Banu Salul war. Während er starb, sagte er wiederholt: "0 Banu Amir! Pest wie Kamelpest, und ein Tod im Haus einer Frau der Banu Salul!"

Auch Arbad Ibn Kais lehnte es ab, Muslim zu werden. Er kehrte zu den Banu Amir zurück. Doch dauerte sein Aufenthalt dort nicht lange, denn ein Blitz verbrannte ihn, als er mit seinem Kamel auszog, um es zu verkaufen. Die Weigerungen von Amir und Arbad hinderten ihr Volk nicht, dem Islam beizutreten. Zu den Schlimmsten von denen, die sich weigerten, gehörte Musailima Ibn Habib. Er kam mit der Delegation der Banu Hanifa von den Einwohnern von Al Jamama, und die Leute ließen ihn bei ihrem Gepäck zurück. Sie gingen zum Gesandten Allahs und traten dem Islam bei. Der Prophet beschenkte sie. Dann erwähnten sie Musailima. Daraufhin befahl er, ihm dasselbe zu geben wie den Leuten und sagte, dass er nicht der Schlimmste von ihnen sei, nur weil er das Gepäck seiner Gefährten bewache. Als Musailima von diesem Gespräch hörte, nahm er die Prophetenschaft für sich in Anspruch und behauptete, Allah (t.) habe ihm mit Muhammad einen Anteil an der Gesandtschaft gegeben. Er begann für seine Leute Reimprosa zu dichten und versuchte, den Qur´aan nachzuahmen, indem er sagte: "Allah hat die Schwangere gesegnet. ER bringt aus ihrem Mutterleib sich rasch bewegendes Leben hervor." Musailima erklärte ferner den Alkohol und den Ehebruch für erlaubt und erließ seinen Leuten das Gebet. Er zog umher, um die Menschen aufzurufen, ihn zu bestätigen.


Die übrigen Araber kamen von den entferntesten Gebieten der Halbinsel und traten der Religion Allahs (t.) scharenweise bei. An ihrer Spitze waren Leute von den einflussreichsten Männern wie Adijj Ibn Hatim und Amr Ibn Madi Karib. Die Könige von Himjar schickten einen Gesandten mit einem Schreiben von ihnen zum Propheten, um ihm ihre Annahme des Islam bekannt zu geben. Er bestätigte es und schrieb ihnen, was ihnen nach dem Gesetz Allahs (t.) erlaubt und verboten sei. Als der Islam sich im Süden der Halbinsel ausbreitete, entsandte Muhammad (s.a.s.) einige der frühen Muslime, um die neuen Muslime in ihrer Religion zu unterweisen und sie darin zu bestärken.

 

Die Namen der Delegationen der Araber zum Propheten

Wir wollen uns nicht lange bei den Delegationen der Araber zum Propheten aufhalten, wie es einige der frühen Biographen taten, da sich ihre Situation, sich nämlich um die Flagge des Islam zu scharen, glich. Ibn Sad widmete in seinem Werk "Tabakat Al Kubra" fünfzig lange Seiten den Delegationen der Araber zum Gesandten. Es soll uns davon genügen, die Namen der Stämme und Stammesteile zu nennen, die sie entsandten.


Es kamen Delegationen von: Muzaina, Asad, Tamim, Abs, Fazara, Murra, Thalaba, Muharib, Sad Ibn Bakr, Kilab, Ruas Ibn Kilab, Ukail Ibn Kab, Dschada, Kuschair Ibn Kab, Banu Al Bakka, Kinana, Aschdscha, Bahila, Sulaim, Hilal Ibn Amir, Amir Ibn Sasaa und Thakif.


Von Rabia kamen Delegationen von Abd Al Kais, Bakr Ibn Wail, Taghiib, Hanifa und Schaiban.


Aus dem Jemen kamen Delegationen von Tai, Tudschib, Chulan, Dschufijj, Suda, Murad, Zubaid, Kinda, As Sadif, Chuschain, Sad Hudaim, All, Bahra, Udhra, Salaman, Dschuhaina, Kalb, Dscharm, AI Azd, Ghassan, Al Harith Ibn Kab, Hamdan, Sad Al Aschira, Ans, Ad Darijun, Ar Rahawijun (eine Sippe von Mudhschah), Ghamid, An Nacha, Badschila, Chatham, Al Ascharun, Hadramaut, Uzd Uman, Ghafik, Barik, Daus, Thumala, Al Hudan, Asiam, Dschudham, Muhra, Himjar, Nadschran und Dschaischan.
Außer denen, die wir bereits erwähnten, gab es somit keinen Stamm mehr auf der Halbinsel, der nicht dem Islam beigetreten wäre.


So stand es also um die Polytheisten auf der Halbinsel: Sie beeilten sich, dem Islam beizutreten und die Götzenanbetung aufzugeben. Ganz Arabien wurde von den Götzen und ihrer Anbetung gereinigt. Und all dies geschah nach Tabuk freiwillig, ohne dass jemand gezwungen oder Blut vergossen wurde. Aber wie verhielten sich die Juden und Christen gegenüber Muhammad (s.a.s.), und wie verhielt sich Muhammad (s.a.s.) ihnen gegenüber?

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