D Die faszinierende Lebensgeschichte des letzten Propheten

30- Aus Feinden werden Brüder

 



Bislang waren die Quraisch die Hüter der alten Götzenreligion gewesen. Nun aber, da sie den Islam angenommen hatten, fühlten andere sich dazu berufen, diese Aufgabe zu übernehmen. Der mächtige Stamm der Hawazin [393] rüstete sich, um Mekka anzugreifen.
Die Quraisch standen jetzt auf der Seite des Propheten, um mit ihm gemeinsam den Islam und Mekka zu verteidigen.

König der Hawazin war Malik Bin Awf. [394] Er zwang seine Soldaten, ihre Frauen, ihre Kinder und ihr Vermögen auf den Feldzug mitzunehmen. Dies sollte ihren Kampfeswillen steigern und sie davon abhalten, vom Kampfplatz zu flüchten.

Die muslimische Armee zählte zwölftausend Mann; unter ihnen waren einige, die erst neu zum Islam konvertiert waren und die dachten, dass eine solch große Streitmacht nicht besiegt werden könne.

Dem Propheten missfiel diese Art zu denken. Er setzte seine Hoffnung auf die Unterstützung Allahs, denn er wusste, dass die Größe einer Armee allein nicht ausschlaggebend ist. Und er sollte recht behalten. [395]

Unter den neuen Konvertiten waren auch einige, die sich noch nicht vollständig von ihrem früheren Aberglauben befreit hatten. Als sie an einem Sidr-Baum [396] vorbeikamen, an welchen die Götzendiener ihre Waffen zu hängen pflegten, um so die Götter um Kraft und Segen zu bitten, schlug einer von ihnen dem Gesandten Allahs vor, so etwas auch für sie zu machen. Der Prophet entgegnete:

„Du hast da genau das gesagt, was die Kinder Israels zu Moses gesagt haben!“, und er nutzte diese Gelegenheit, ihnen zu erklären, dass solche Praktiken – sich von Bäumen, Gegenständen, Gräbern oder gar verstorbenen Menschen irgendeine Hilfe zu erhoffen – nutzlos seien und mit dem Islam nicht zu vereinbaren, da alle Macht und alle Kraft nur bei Allah allein ist. [397]

Beide Armeen marschierten aufeinander zu, die Hawazin und Thaqif von Taif, die Muslime von Mekka kommend. Maliks Plan war es, die Truppen aus Mekka im Tal von Hunayn [398] in einen Hinterhalt zu locken. Er hatte vor, seine Truppen in den Schluchten und auf den Bergen um das Tal herum aufzustellen, bevor die Muslime ankamen, um sie so einkesseln zu können. Er trieb seine Truppen an, damit er das Tal als Erster erreichen würde, was ihm auch gelang. Nun warteten die Hawazin auf die Muslime, die sich in Richtung Hunayn bewegten.

Die muslimischen Truppen drangen in das Tal vor, ohne die Hawazin zu bemerken. Malik gab seinen Bogenschützen, die auf den Bergen postiert waren, den Befehl, zu schießen. Die Pfeile prasselten auf die Muslime nieder, es brach Panik aus. Malik befahl seinen Truppen, von allen Seiten anzugreifen. Von diesem Angriff überrascht, begann das Heer der Muslime zu fliehen. Eine Niederlage stand kurz bevor.

Muhammad jedoch flüchtete nicht. Er wich nicht zurück, sondern platzierte sich an der rechten Seite des Tales und rief seine Leute: „Schnell, kommt her zu mir, ich bin der Gesandte Allahs, ich bin Muhammad, der Sohn Abdullahs!“ An seiner Seite waren noch achtzig der Auswanderer und der Helfer. Für alle sichtbar ritt der Prophet vor die Truppen der Hawazin und rief: „Ich bin der Prophet, dies ist keine Lüge. Ich bin der Sohn Abdul-Muttalibs! O Allah, sende Deinen Sieg herab!“ [399]



Die wenigen Männer waren ihm gefolgt und griffen nun mit ihm das ihnen zahlenmäßig überlegene Heer der Hawazin an.
Der Prophet wies Abbas an, die Gefährten zu rufen. Abbas rief so laut er konnte: „O ihr Auswanderer! O Ihr Helfer!“ Dieser Ruf blieb nicht ungehört, immer mehr der flüchtenden Muslime machten kehrt und schlossen sich der Truppe um den Propheten an, welche die Hawazin immer mehr unter Druck setzte, bis sie diese zurückschlug. [400]

Die Hawazin sahen sich den Muslimen nicht mehr gewachsen und flohen; die meisten von ihnen verschanzten sich bei ihren Stammesbrüdern von den Thaqif in Taif. Der Besitz der Hawazin und ihre Familien waren in die Hände der Muslime gefallen. Maliks Plan war gescheitert.

Einige der neuen Muslime von den Quraisch hatten schon am Propheten gezweifelt, doch nun sahen sie mit eigenen Augen seinen Mut und den seiner Anhänger.

Die muslimischen Truppen marschierten nach Taif und belagerten die Stadt. Die Hawazin und die Thaqif bewarfen sie von den Mauern Taifs aus mit Steinen und Feuer, was zu einigen Opfern unter den Muslimen führte. Daraufhin bauten diese Katapulte auf, mit denen sie die Stadt beschossen. [401]

Um den Druck auf Taif zu erhöhen, ließ der Prophet verkünden, dass jeder, der die Festung verließe, frei sein würde.
Es gelang dreiundzwanzig Sklaven [402] aus Taif, den Götzendienern zu entfliehen und zum Propheten zu gelangen. So erhielten sie ihre Freiheit. Die Hawazin und die Thaqif wurden sich der Aussichtslosigkeit ihrer Situation bewusst. Sie wussten, dass der Sieg des Propheten nun nicht mehr rückgängig zu machen war.

Um seine Gefährten vor den Angriffen aus der Stadt zu schützen, lockerte der Prophet die Belagerung, zog seine Truppen nach Dschirana [403] zurück und verweilte dort in Erwartung der Thaqif und Hawazin. Er wusste, sie würden auch ohne Belagerung aufgeben und kommen.

Einige Gefährten des Propheten baten ihn, er solle die Thaqif in Taif verfluchen. Doch dies tat er nicht, denn er wollte, dass sie freiwillig kämen. Er hob seine Hände gen Himmel und betete zu Allah, dass Er sie rechtleite. [404]

Als die Thaqif dann, wie er es von Allah erbeten hatte, freiwillig zu ihm kamen und ihren Beitritt zum Islam verkündeten, fragten einige von ihnen nach ihren Sklaven. Der Prophet gab sie ihnen nicht zurück, sondern sagte: „Nein, sie sind die Freigelassenen Allahs!“ [405] Und er ermutigte die Muslime, ihre noch verbliebenen Sklaven freizugeben oder Sklaven zu kaufen, um ihnen die Freiheit zu schenken.

Inzwischen nahm auch Wahschi, der Mörder von Hamza, Kontakt mit dem Propheten auf, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass er ihm vergeben würde. Doch der Prophet vergab ihm und Wahschi wurde Muslim.

Auch Malik Bin Awf, der König der Hawazin, kam nach einigem Zögern zum Propheten nach Dschirana. Dieser gab ihm seine Familie und sein Vermögen zurück. Auch andere Familien, die in Gefangenschaft geraten waren, ließ er frei und gab ihnen ihren Besitz zurück – bis auf das, was man schon an die Quraisch und die anderen Stämme verteilt hatte. Als er sich dann jedoch für die Hawazin einsetzte, gaben die meisten der Quraisch ihre Anteile wieder her.

Der Prophet hatte einigen neuen Muslimen, wie Abu Sufyan und Safwan, sowie auch manchen Beduinenstämmen viele Geschenke gemacht, um ihre Herzen für den Islam zu gewinnen.

Die Auswanderer und die Helfer aus Medina bekamen jedoch nichts. Einige von den Helfern flüsterten darüber und sagten: „Der Gesandte Allahs hat sich wieder mit seinem Volk vereint!“
Saad ging zum Propheten und erzählte ihm, was über ihn gesprochen wurde. Da beauftragte der Prophet ihn, alle Helfer zu versammeln. Als die Auswanderer auch dazukamen, ließ er dies zu, als aber andere sich an dieser Versammlung beteiligen wollten, erlaubte er es nicht.

Dann begab er sich zu ihnen, pries Allah und hielt eine kurze Rede: „O ihr Helfer! Welch ein Gerede höre ich von euch, und welche Abneigung, die ihr mir gegenüber empfindet? Bin ich nicht zu euch gekommen, als ihr irregeleitet wart, und Allah leitete euch auf den rechten Weg? Wart ihr nicht arm, und Allah machte euch reich? Seid ihr nicht miteinander verfeindet gewesen, und Allah vereinte eure Herzen?“

„Ja, in der Tat! Allah und Sein Gesandter sind gnädig und gütig!“
„Wollt ihr mir denn nichts entgegnen, o ihr Helfer?“, fragte der Prophet.
„Was könnten wir entgegnen? Bei Allah und Seinem Propheten sind Gnade und Güte!“
„Bei Allah, ihr könntet es mir vorhalten, und ihr hättet recht und jeder würde es glauben: ‚Du kamst zu uns, als man dich der Lüge bezichtigte, und wir haben dir geglaubt; du wurdest im Stich gelassen, und wir halfen dir; du wurdest vertrieben, und wir haben dich aufgenommen; du warst arm, und wir haben mit dir unseren Besitz geteilt.‘ Seid ihr mir wirklich böse, o ihr Helfer, wegen weltlicher Dinge, mit denen ich die Herzen der Menschen versöhne, damit sie sich Allah ergeben, während ich doch euch den Islam anvertraut habe? Seid ihr nicht zufrieden, o ihr Helfer, dass diese Leute mit Schafen und Kamelen nach Hause gehen, ihr aber mit dem Gesandten Allahs? Bei Dem, in Dessen Hand Muhammads Seele liegt – auch wenn es nicht wegen der Auswanderung wäre, bliebe ich einer von euch.

Wenn die Leute einen Weg einschlagen und die Helfer einen anderen, würde ich mir den Weg der Helfer wählen. O Allah, sei gnädig den Helfern sowie ihren Kindern und Kindeskindern!“

Die Leute weinten so sehr, dass die Tränen ihre Gesichter hinunterliefen und riefen: „Wir sind glücklich und zufrieden, mit dem Gesandten Allahs als unserem Anteil!“ Erleichtert und beruhigt zerstreuten sie sich. [406]

Nachdem sich der Prophet von Dschirana aus zur Umra, der kleinen Pilgerfahrt, nach Mekka begeben hatte, kehrte er am Ende des Monats nach Medina zurück. Zwischen Mekka, Medina und den arabischen Stämmen herrschte nun Frieden, und alle konnten in Sicherheit leben. Aus den einstigen Feinden waren Brüder geworden. [407]

Der Prophet zog noch einmal gegen die Byzantiner und ihre Verbündeten, nachdem er erfahren hatte, dass diese sich versammelten, um im Norden der Arabischen Halbinsel einzufallen. Er selbst führte den Feldzug an. Dieser Feldzug, der im Sommer bei großer Hitze und unter schwierigen Bedingungen für die Muslime stattfand, wurde „Der Feldzug von Tabuk“ [408] genannt.

Die Byzantiner und ihre Verbündeten verloren den Mut zum Kämpfen, als sie die muslimischen Truppen erblickten. So kam es, dass der Prophet verschiedene Abkommen mit den Verbündeten der Byzantiner schließen konnte, die den Frieden im Norden vorerst sicherten. Allah hatte den Muslimen den Kampf erspart und sie kehrten dankbar nach Medina zurück. [409]


Fußnoten:

[393] Ein Stammesverbund, zu dem unter anderen die Stämme Bani Thaqif, Bani Saad und Bani Ghazia gehörten. Die Hawazin waren ursprünglich aus dem Jemen gekommen und waren Nomaden. Sie bewohnten Taif und deren Umgebung.

[394] Malik Bin Awf war damals dreißig Jahre alt. Er war sehr ehrgeizig und sah für seinen Stamm, die Hawazin, die Möglichkeit, die Vormachtstellung in Arabien zu gewinnen.

[395] Ar-Rahiq Al-Machtum, S. 357.

[396] Stechdorn (Ziziphus).

[397] Abu Waqid Al-Laithi sagte: „Wir begleiteten den Gesandten Allahs auf dem Feldzug von Hunayn, kurz nachdem wir den Unglauben verlassen hatten und zum Islam gekommen waren. Die Götzendiener hatten einen Sidr-Baum, bei dem sie anhielten und an den sie ihre Waffen hängten, um von den Göttern Segen für ihre Unternehmungen zu erbitten. Sie nannten ihn „Dhat Al-Anwat“. Als auch wir an einem Sidr-Baum vorbeikamen, sagten wir: „O Gesandter Allahs, willst Du uns keinen Dhat Al-Anwat machen, genau wie ihren Dhat Al-Anwat?“ Allahs Gesandter sagte: „Allahu Akbar! Bei Dem in Dessen Hand meine Seele liegt, das ist der Weg der früheren Nationen; ihr habt da das Gleiche gesagt wie Bani Israel zu Musa: ‚Mache uns einen Götzen so wie ihre Götzen.‘ Er sprach: ‚Ihr seid ein unwissendes Volk. Wahrlich, diese Leute werden zerstört werden für das, was sie tun, und alles, was sie tun, wird vergeblich sein.‘ (Koran 7: 138). Sicherlich werdet ihr den Wegen derer folgen, die euch vorausgingen.“

[398] Das Tal von Hunayn liegt in der Nähe von Taif, auf dem Weg nach Mekka.

[399] Sahih Muslim 1776.

[400] Buchari 2864, 2874, 2930, 4315, 4316, 4317; Sahih Muslim 1775, 1776; At-Tirmidhi 1688.

[401] Zur Schlacht von Hunayn und der Belagerung Taifs siehe: Ar-Rahiq Al-Machtum, S. 356–363; Ibn Hischam (Ausgabe des Dar-Al-Ma’rifa-Verlags, Beirut), Band 2, S. 437–500.

[402] Sahih Buchari II/S. 620; Ar-Rahiq Al-Machtum, S. 360; Ibn Hischam, Band 2, S. 485.

[403] Ein Ort nahe Mekka, von dem aus man in den Ihram (Weihezustand) eintritt, um die Umra oder die Hadsch zu vollziehen. Zu Beginn des Ihram wird die Pilgerkleidung angelegt und die Absicht zur Umra oder zur Hadsch gefasst.

[404] Ar-Rahiq Al-Machtum, S. 361; Ibn Hischam, S. 586; At-Tirmidhi Nr. 4034.

[405] Ibn Hischam (Ausgabe des Dar-Al-Ma’rifa-Verlags, Beirut), Band 2, S. 485.

[406] Ibn Hischam, S. 591–592; Sahih Buchari II/S. 620, 621; Ar-Rahiq Al-Machtum, S. 362.

[407] Muhammad war nun Herrscher über sämtliche Stämme Arabiens und hätte sich jeden Luxus erlauben können. Reichtümer interessierten ihn jedoch nicht, es sei denn, um sie zu verschenken, einen Menschen damit glücklich zu machen oder um damit Frieden herzustellen. Er betrachtete sich selbst ausschließlich als bescheidenen Diener Allahs. In seinem Zimmer gab es nur eine einfache Schlafmatte und ein Schaffell. Die wenigen Kleider und Schuhe, die er brauchte, reparierte er selbst. Er kümmerte sich weiterhin selbst um die Versorgung seiner Familie, so wie er es immer getan hatte. Allen Menschen begegnete er mit Liebe und Fürsorge. Wie früher schon, legte er sich nie schlafen, bevor er nicht seinen letzten Dinar an die Armen verteilt hatte. Oft hungerte er, denn häufig war jemand anders da, der dringend etwas zu Essen benötigte.

[408] Tabuk ist eine Stadt im Norden des heutigen Saudi-Arabien.

[409] Zu den Details des Feldzugs nach Tabuk siehe Ar-Rahiq Al-Machtum, S. 368–375 und Ibn Hischam, S. 597–602.

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